Samstag, 22. April 2017

SPECIAL ID

[DAK SIU SAN FAN][CHI][2013]

Regie: Clarence Fok
Darsteller: Donnie Yen, Andy On, Jing Tian, Zhang Hanyu, Collin Chou, Paw Hee-Ching, Ronald Cheng, Frankie Ng Chi-Hung, Ken Lo, Yang Zhigang, Yu Kang


„Wie soll ich da arbeiten? Mit welcher Identität?" - "Mit einer speziellen.“ [Damit wäre dann auch der Filmtitel abgehakt.]

Hongkong-Polizist Chen Zilong [Donnie Yen] arbeitet als verdeckter Ermittler und hat sich in acht Jahren das Vertrauen des Unterweltbosses Xiong [Collin Chou] erschlichen. Doch Chen agiert immer leichtsinniger, so dass seine Tarnung droht, aufzufliegen. Als er seinen Vorgesetzten [Roland Cheng] darum bittet, aussteigen zu dürfen, hat dieser noch einen letzten Auftrag für ihn: Chen soll in die Volksrepublik nach Nanhai reisen, um seinem alten Kumpel Sunny [Andy On] das Handwerk zu legen, von dem vermutet wird, dass er die Geschäfte Xiongs an sich reißen möchte. Nach kurzem Zögern nimmt Chen den Job an. Gemeinsam mit seiner Kollegin vor Ort, Fang Jing [Tian Jing], beginnt Chen ein gefährliches Spiel und gerät zwischen alle Fronten.

Donnie Yens Karriere kam langsam, aber dafür gewaltig. Obwohl er bereits seit den 80er Jahren in Action-Attraktionen wie RED FORCE und zum Teil überragenden Martial-Arts-Epen wie LAST HERO oder IRON MONKEY von sich reden machte, blieb er im Westen trotz immensen Outputs lange Zeit nahezu unbekannt. Spätestens jedoch nach seinem Auftritt als Kung-Fu-Lehrer 'Ip Man' in der gleichnamigen 2008 gestarteten Kinoreihe konnte sich der agile Knochenbrecher seinen Platz neben Ikonen wie Jackie Chan oder Jet Li als weiterer chinesischer Vorzeige-Fighter sichern – was ihm unter anderem Rollen in kassenträchtiger Hollywood-Ware wie der TRIPLE X- oder STAR WARS-Saga einbrachte. Abseits jeder Ermüdungserscheinung drehte der mittlerweile immerhin 50jährige Yen in seinem Heimatland fleißig weiter, um die Früchte seines späten Ruhmes bestmöglich auszukosten. Dabei blieb er seiner Auswahl stets treu und agierte entweder bunt kostümiert vor historischem Hintergrund oder gab den modernen Prügel-Polizisten mit weichem Herz und harter Faust. SPECIAL ID fällt natürlich in letztere Kategorie und präsentiert seinen Star in der Eröffnungssequenz als tätowierten Hooligan, der erst mit seinen Gegnern Mahjong spielt, bevor er sich mit ihnen einen saftigen Schlagabtausch auf bestimmt recht hässlich pikenden Spielwürfeln liefert. Das nachfolgende Streitgespräch mit seinem Vorgesetzten entlarvt ihn dann hurtig als verdeckten Ermittler, dessen Gangster-Montur lediglich eine geschickte Tarnung darstellt – denn Gangster ohne Tätowierungen, so etwas gibt es schließlich nicht.

Zugegeben: Das ist alles nichts Neues und ähnliche Konstellationen sind nicht nur aus den Paradebeispielen KILL ZONE und FLASH POINT bekannt, die 2005 und 2007 aufgrund ihrer Opulenz und Kompromisslosigkeit die Fangemeinde begeistert in die Hände klatschen ließen. SPECIAL ID wirkt da wie ein verspäteter Nachklapp und auf den ersten Blick alles andere als innovativ. Doch obwohl man sich auch hier klassischer Themen wie Loyalität, Verrat und verletztem Ehrgefühl bediente, ist SPECIAL ID nicht als überlebensgroße Action-Oper inszeniert, wie besagte Vorzeigestücke, sondern kommt als relativ geerdete Kriminal- und Kriminellengeschichte daher, die zudem, obwohl es auch hier stellenweise nicht unbedingt zimperlich zur Sache geht, auf ausufernde Brutalitäten weitestgehend verzichtet. Dafür reicherten die Autoren Tai Lee-Chan [→ IP MAN] und Kam-Yuen Szeto [→ DOG BITE DOG] das Geschehen mit einer ordentlichen Portion Screwball-Comedy an und lassen Donnie Yen und seine Co-Partnerin Tian Jing [→ POLICE STORY – BACK FOR LAW] mehrere humorsprühende Wortgefechte austragen, was sich trotz des vermeintlichen Widerspruchs nicht nur mit den ansonsten wenig harmoniebedürftigen Ereignissen verträgt, sondern sie sogar unterstützt, verleiht sie den ansonsten eher rudimentär charakterisierten Figuren doch die dringend benötigten sympathisch-menschlichen Züge.

Obwohl die Idee der erzwungenen Mann-Frau-Konstellation, bei welcher sich beide Parteien zunächst nicht ausstehen können und sich eifrig gegenseitige Kabbeleien liefern, bevor sie dann schließlich doch eine perfekte Einheit bilden, natürlich einen Bart von Wanne-Eickel bis nach Nanhai hat, funktioniert das Schema hier prächtig, was vor allem daran liegt, dass die Protagonisten bereits von Haus aus einen äußerst einnehmenden Eindruck machen. Tian Jing ist als Fang Jing schlichtweg reizend und beeindruckt neben ihrer Niedlichkeit auch durch ihre Physis. Wenn sie aus heiterem Himmel ihren Autositz mit den 'Hello Kitty'-Bezügen (ja, wirklich!) verlässt und ohne Umschweife damit beginnt, gekonnt in gegnerische Hintern zu treten, dann fühlt man sich an deutlich ältere Zeiten erinnert, als die 'Deadly China Dolls' noch eine eigene Unterkategorie des Genres 'Hongkong-Action' bildeten. Und auch Donnie Yen agiert hier nicht wie ein von Schicksal und Schlägen gebeutelter Zyniker, wie so häufig, sondern erinnert an den draufgängerischen Jungspund, den er zu Beginn seiner Karriere überwiegend verkörperte. So hat SPECIAL ID dann am Ende deutlich mehr mit dem verspielten RED FORCE gemein als mit dem bedeutungsschwangeren KILL ZONE.

Einen wirklichen Zwiespalt, was seine Mission angeht, scheint Chen Zilong dann auch nicht mit sich herumzutragen. Wo in gängigen Undercover-Storys in der Regel ein innerer Konflikt entsteht zwischen der eigenen Identität und jener, die man annehmen muss, hat Chen einfach nur Angst, aufzufliegen – was gewissermaßen unnötig ist, denn irgendwie weiß hier so ziemlich jeder, Freund wie Feind, bereits über sein Doppelleben Bescheid, was schon irgendwie ziemlich drollig ist. Allerdings ist das auch kein Wunder, denn wirklich vorsichtig geht Chen nicht zu Werke und unterhält sich auch schon mal lautstark und auf offener Straße mit seinem Vorgesetzten über den Job, was doch einiges an Plausibilität vermissen lässt. Doch solch kleine Ungereimtheiten kann man locker verschmerzen, zumal sich SPECIAL IP generell nicht allzu wichtig nimmt und bereits von Grund auf darauf verzichtet, großartig mehr sein zu wollen als ein knackiger Klopper für zwischendurch. So kommt es dann auch, dass zwei mittige Rückblenden, die wohl so etwas Ähnliches wie epische Breite vorgaukeln sollen, merkwürdig fehl am Platze wirken. Denn am Ende bleibt die Story simpel konstruiert, verzichtet auf Ballast und unnötiges Personal und geriet damit erfreulich übersichtlich. Die Action ist dazu großzügig verteilt, Stunts, Keilereien und Verfolgungsjagden geben sich die Klinke in die Hand. Logisch, dass auf Schusswaffengebrauch immer dann verzichtet wird, wenn es dramaturgisch viel besser passt, sich gegenseitig mit Hand und Fuß das Fell zu gerben. Auch hier erinnert SPECIAL ID wieder an das Hongkong-Kino der 80er Jahre. Wenn Tian Jing sich einen rustikalen Schlagabtausch liefert, auf engsten Raum gepfercht, in der Kabine eines fahrenden Autos (aus dem sie im Anschluss natürlich unbeschadet herausspringt), dann lautet die Devise: Waghalsigkeit vor Wirklichkeitsnähe.

Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge. Clarence Foks [DRAGON FROM RUSSIA] Polizeisause geriet - nicht zuletzt aufgrund ihrer gekonnten Montage - ausgesprochen rasant und dynamisch und langweilt nicht eine Sekunde. Das ist erstaunlich, soll es hinter den Kulissen doch immer wieder zu künstlerischen Querelen gekommen sein, die das Projekt verzögerten und verteuerten. Davon jedoch ist nichts zu spüren. SPECIAL ID ist ein gefälliger, gut gelaunter Beitrag in Donnie Yens Vita, ein kurzweiliges Kampfsport-Vergnügen mit knackigem Tempo, etwas Typenkomik (ein Gangster brüllt die ganze Zeit vollkommen grundlos herum, was doch recht amüsant ist) und ausnahmsweise auch mal ohne versteckte ideologische Staatsbotschaften. Die deutsche Sprachfassung kommt ebenfalls sehr anständig daher, auch, wenn Tian Jing eine etwas nervige Stimme abbekam und man sich erst ein paar Augenblicke lang daran gewöhnen muss, dass Donnie Yen hier wie Colin Farrell klingt. Doch insgesamt gibt es hier erfreulich wenig zu meckern. Fans schnörkelloser Hongkong-Action können sich diese spezielle Identität ohne Gewissensbisse zulegen.

Laufzeit: 95 Min. / FSK: ab 16

Dienstag, 7. Februar 2017

ZHAO - DER UNBESIEGBARE

[TIAN XIA DI YI QUAN][HK][1972]

Regie: Chung Chang-Hwa
Darsteller: Lo Lieh, Wang Ping, Chao Hsiung, Tien Feng, Bolo Yeung, Fang Mien, Kim Ki-ju, Tung Lin, James Nam, Ku Wen-Chung, Yukio Someno, Chan Shen

"Eine hochexplosive Packung Dynamit, deren Sprengkraft alle bisherigen Maßstäbe des Actionfilms zertrümmert." [Trailer lügen nicht!]

Sung Wu-Yang [Ku Wen-Chung], Lehrer einer Kung-Fu-Schule, weiß, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Da in Kürze ein wichtiges Turnier stattfindet, rät er seinem geschätzten Schüler Chao Chih-Hao [Lo Lieh] daher, sich in die Lehre von Meister Suen Hsin Pei [Fang Mien] zu begeben, um dort die bestmögliche Ausbildung zu erhalten. Nach kurzem Zögern bewirbt sich Chao wie empfohlen, unterliegt bei der Aufnahmeprüfung jedoch im Zweikampf und wird zunächst zum Küchendienst verdammt. Doch Suen bemerkt schnell, welch Potential in dem jungen Mann steckt und sein demütiges Wesen überzeugt ihn schließlich, ihn zum Training zuzulassen. Doch dann droht Ärger in Gestalt des machthungrigen Meisters Meng Tung-Shan [Tien Feng], der möchte, dass sein Sohn Tien-Hsiung [Tung Lam] das anstehende Turnier gewinnt und dem die Fähigkeiten Chaos daher ein Dorn im Auge sind. So wirbt er den knallharten Kämpfer Chen Lang [Kim Ki-Ju] an, der Chao provoziert und die Schüler Suens terrorisiert. Chao kann Chen im Zweikampf besiegen, was ihm den Respekt seines Meisters einbringt, der infolgedessen beschließt, ihn in die gefürchtete 'Technik der Eisernen Faust' einzuweihen – ein Privileg, das nur die wenigsten genießen. Das wiederum gefällt Han Lung [James Nam] nicht – ein weiterer Schüler Suens, der Chao den Erfolg neidet. Han läuft zu Meng über und gemeinsam spinnen sie eine Intrige, die Chao seine Hände kosten wird. 

Die Brüder Runme und Run Run Shaw feierten ihren größten Triumph ab Mitte der 60er Jahre, als sie damit begannen, Asiens Kinosäle mit einer gigantischen Welle an Kung-Fu-Epen zu fluten, deren Erfolg trotz eines nahezu astronomischen Ausschusses über 15 Jahre lang niemals so wirklich abebben wollte. Neben dem enormen Wiedererkennungswert der Produktionen (herrührend aus der Langzeitverpflichtung bestimmter Darsteller und wiederholtem Einsatz vertrauter Sets) lag das vor allem daran, dass sie in der Regel deutlich gewissenhafter und durchdachter gefertigt waren als die oft schleunig übers Knie gebrochenen Schnellschüsse der Konkurrenz. Als Beleg für diese These sei ZHAO – DER UNBESIEGBARE gereicht, der 1972 erstmalig das Licht der Leinwand erblickte und außerhalb Deutschlands in erster Linie als KING BOXER bekannt ist. Die Geschichte zweier sich in den Haaren liegender Kung-Fu-Schulen mag dabei zwar wie ein alter Hut klingen, zu Beginn der 70er Jahre jedoch war die Idee noch relativ neu, was man der Frische der Erzählung auch durchaus anmerkt. Regisseur Chung Chang-Hwa [→ VENUS MIT DEN 1000 GESICHTERN] beging zudem auch nicht den Fehler, FIVE FINGERS OF DEATH (so ein weiterer Alternativtitel) zu einer banalen Dauerbalgerei verkommen zu lassen, sondern zeichnet den Weg Chaos (der im deutschen Titel zu Zhao wurde) von der Küchenhilfe zum Kung-Fu-Triumphator als von Entbehrungen und Schicksalsschlägen gesäumten Selbstfindungsprozess, der zwar nicht frei von Kitsch und Klischee, aber doch stets nachvollziehbar und interesseweckend vonstattengeht.

Tatsächlich investiert die von Kong Yeung [→ STÄRKER ALS 1000 DRACHEN] erdachte Fabel mindestens ebenso viel Leidenschaft in ihre Figuren wie in ihre Fights und setzt die körperlichen Auseinandersetzungen nicht redundant ein, sondern mit Bedacht und Geschick. So sind es vor allem die Kleinigkeiten, die das perfekt in Szene gesetzte Martial-Arts-Märchen zu besonderem Glanze verhelfen: Als Chao beschließt, seinen alten Meister zu verlassen und somit auch dessen Tochter Ying Ying, die in unausgesprochener Liebe zu dem jungen Kämpfer erblüht ist, und er ihr zum Abschied stumm und zärtlich über die tränenbenetzte Wange streicht, dann mag das nur ein flüchtiger Moment sein, bildet jedoch einen latent effektiven Kontrast zum blutigen Kampfgeschehen. Lo Lieh [→ DAS TODESDUELL DER TIGERKRALLE] (der sich später aus irgendeinem Grunde überwiegend mit eher undankbaren Nebenrollen begnügen musste) verkörpert die Titelfigur als konstant besonnen agierenden Ehrenmann, der trotz seiner oftmals passiven Art und ausgemachten Musterknabenattitüde niemals langweilig wirkt, sondern stets sympathisch und liebenswert. Los Chao ist kein klassischer Actionheld, der sich in coole Posen wirft, markige Sprüche vom Stapel lässt und sich dann mit Leichtigkeit durch seine Gegner pflügt. Chao ist eigentlich friedlebend, verweigert sich mehrmals dem Kampf und reagiert in der Regel immer erst dann, wenn er wirklich keine Wahl mehr hat. Dem deutschen Titel zum Trotze ist er auch mitnichten unbesiegbar und muss bis zum Finale einiges an Rückschlägen einstecken, was darin gipfelt, dass ihm, nach Vorbild von Sergio Corbuccis Western-Markstein DJANGO, die Hände zertrümmert werden.

Zarte Seelen mögen solche Momente womöglich erschrecken, insgesamt jedoch geriet die Gewaltdarstellung eher moderat – mit einer Ausnahme freilich, die in ihrer Comic-Ästhetik allerdings eher zum Schmunzeln als zum Schaudern einlädt, wenn einem bedauernswerten Unglücksraben beide Augäpfel herausgerissen werden. Quentin Tarantino adaptierte für sein Meisterwerk KILL BILL nicht nur diese Idee, sondern auch gleich den sirenenartigen Sound, der diese Szene begleitet (und der hier wiederum aus der TV-Serie DER CHEF annektiert wurde). Dazu gesellen sich ein paar effektive Kunstblutfontänen und lustige Klänge aus der Geräuschekammer, die Knochenbrüche und Körperschäden signalisieren sollen. Die Zeit dazwischen ist besonnen und angenehm unaufgeregt inszeniert und bietet ein buntes Potpourri aus Verrat, Intrigen, Eifersucht und einem Quentchen Rassismus (auffallend viele Missetäter sind unchinesisch). Die von den Kameramännern Wong Wing-Lung [→ TI LUNG – DER TEMPEL DES ROTEN LOTUS] und Choi Seung-Woo [→ THE THUNDERBOLT FIST] eingefangenen Bilder sind ein echter Augenschmaus und zeigen neben den aufwändigen und prachtvoll ausgestatteten (manchmal allerdings auch etwas artifiziell wirkenden) Studiobauten auch echte Außenaufnahmen, was für visuelle Abwechslung sorgt.

Als Antagonisten sieht man Tien Feng [→ WU KUNG – HERR DER BLUTIGEN MESSER], der als schurkischer Kung-Fu-Lehrer herrlich fies und verschlagen agiert, sowie Tung Lam [→ KUNG-FU-BRIGADE SCHWARZER PANTHER] als dessen missratener Sohn, der die Bosheit seines Erzeugers offenbar geerbt hat. Kim Ki-Ju [→ DIE TÖDLICHEN ZWEI] darf in der Rolle des Vollstreckers Chen Lang ein bisschen mehr als nur der tumbe Bösewicht sein und im Laufe der Handlung ein wenig an Profil gewinnen, während die weibliche Belegschaft, bestehend aus Wong Gam-Fung [→ DIE RACHE DER GELBEN TIGER] als Sängerin, die dem Helden schöne Augen macht und ihm wiederholt das Leben rettet, sowie Wang Ping [→ TI LUNG – DUELL OHNE GNADE] als dessen tatsächliches Liebchen, fast schon Shaw-Brothers-typisch ein wenig unterfordert wirken. Und weil das noch nicht genug der Konflikte wäre, darf James Nam [→ DIE 13 SÖHNE DES GELBEN DRACHEN] als Han Lung dann noch mal tüchtig gegen den Titelhelden intrigieren, da dieser ihm den Erfolg beim Training und beim schönen Geschlecht neidet und ebenfalls Interesse an der attraktiven Sängerin hegt. Die Dreiecksgeschichte, die sich aus dieser Konstellation ergibt, ist interessanterweise nicht etwa Ausbremser, sondern bisweilen sogar Motor der Handlung und auch alles andere als langweilig geraten.

Hocherfreulich ist die Ernsthaftigkeit, mit welcher die Geschichte erzählt wird. Auf humoristische Einlagen oder alberne Witzfiguren hat man vollkommen verzichtet, und auch die deutsche Synchronisation geriet ungemein sorgfältig und erspart sich dumme Sprüche – beileibe keine Selbstverständlichkeit in diesem Genre und dieser Epoche. So eignet sich ZHAO – DER UNBESIEGBARE aufgrund seiner Seriösität, Kompetenz in Sachen Action und Anspruch und zeitweilen innovativer Ideen (wie ein finaler Kampf, der in völliger Finsternis stattfindet - eine nette Hommage an den Thrillerklassiker WARTE, BIS ES DUNKEL IST) auch als apartes Anschauungsobjekt für all jene, die sich von den Qualitäten des Martial-Arts-Genres erst noch überzeugen lassen möchten.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ab 16

Montag, 23. Januar 2017

LAUF UM DEIN LEBEN

[CORRI, UOMO, CORRI][ITA/FR][1968]

Regie: Sergio Sollima
Darsteller: Tomas Milian, Donald O'Brien, John Ireland, Linda Veras, Marco Guglielmi, José Torres, Luciano Rossi, Nello Pazzafini, Gianni Rizzo, Dante Maggio, Umberto Di Grazia
 
 
"Bring sie um! Mit Herz und Gefühl von mir aus. Aber möglichst viele!" 
 
Als der sympathische Tagedieb Cuchillo [Tomas Milian] nach einer nervenzehrenden Hatz durch die Sierra Nevada nach Hause zurückkehrt, hat er gleich schon wieder Pech und landet erneut schuldlos hinter Gittern. Dort trifft er den Revolutionsführer Ramirez [José Torres], der ihn bittet, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. 100 Dollar winken dafür als Belohnung. Das lässt sich Cuchillo natürlich nicht zweimal sagen, und tatsächlich gelingt den Beiden trickreich die Flucht. Im Lager der Revolutionäre allerdings wartet schon der Bandit Riza [Nello Pazzafini] auf die Männer. Er ist auf das Gold scharf, das Ramirez zur Finanzierung der Revolution gegen den Diktator Diaz an einem geheimen Ort bunkerte. Es kommt zu einem Gefecht, in dem Ramirez getötet wird. Vorher jedoch überreicht er Cuchillo noch einen Zeitungsartikel, der Hinweise auf das Versteck enthält, und bittet ihn, das Gold vor den anderen Parteien in Sicherheit zu bringen. Und schon befindet sich Cuchillo wieder auf der Flucht, denn neben dem Banditen Riza sind nun auch noch der geheimnisvolle Ex-Sheriff Cassidy [Donald O'Brien] sowie die beiden französischen Killer Savigny [Marco Guglielmi] und Jean-Paul [Luciano Rossi] hinter ihm her.

In der überaus erklecklichen Masse an Italo-Western, die ab Mitte der 60er Jahre die Lichtspielhäuser befiel, befand sich fraglos auch jede Menge Mist und Mittelmaß. Brachte das Genre hingegen Höhepunkte hervor, dann waren es nicht selten absolute Hochkaräter, die Kritiker und Konsumenten gleichermaßen in die Hände klatschen ließen. Zu den besagten Glanzlichtern zählen ohne jede Frage die Beiträge von Regisseur Sergio Sollima, der mit DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE [1966] und VON ANGESICHT ZU ANGESICHT [1967] zwei überragende Abenteuerepen schuf und dabei seiner Fabulierlust freien Lauf lies. Bevor Sollima sich von den Revolverhelden abwandte, um stattdessen Killer und Piraten auf die Leinwand loszulassen, sollte der 1968 auf den Weg gebrachte LAUF UM DEIN LEBEN die Wildwest-Trilogie komplettieren. Zu diesem Zwecke griff er die Figur des Cuchillo wieder auf, der zwei Jahre zuvor von Lee van Cleef durch die Sierra Madre gehetzt wurde, und kreierte eine Handvoll neuer Herausforderungen für den herzlichen Halunken, der natürlich abermals in Gestalt seines Spezis Tomas Milian auftritt. Dieser mauschelt sich auch in der Fortsetzung des Kassenerfolgs in gewohnter Spitzbübigkeit durch das Geschehen und entkommt mal mit Glück, mal mit Verstand, überwiegend aber mit geschicktem Messerwurf jeder noch so lebensbedrohlichen Bredouille. Das macht zwar überwiegend Laune, die Klasse des grandiosen Vorgängers allerdings wird dabei dennoch nicht erreicht.

Die Gründe dafür sind gar nicht mal so einfach zu eruieren. Immerhin bietet Sollima auch hier wieder die volle Bandbreite an großen Panoramen, fetzigem Posaunenklang und revolutionärem Pulverdampf. Woran es hingegen mangelt, ist die erzählerische Dichte, welche die Vorgeschichte noch so ungemein packend werden lies. LAUF UM DEIN LEBEN zerfällt dafür in mehrere Einzel-Episoden, die zwar stets durch die (fast schon obligatorische) Goldschatz-Hatz brauchbar zusammengekittet werden, auf Dauer aber ein wenig beliebig ums Eck kommen. Zudem fehlt es dieses Mal entschieden an einem kompetenten Kontrahenten. Milian spielt richtig gut, keine Frage, aber wirklich zur Geltung kommt sein Spiel eigentlich immer erst dann, wenn er es gegen einen würdigen Nebenbuhler einsetzen kann – eben einen wie den von Lee van Cleef verkörperten Kopfgeldjäger Jonathan Corbett, der ihn zwei Jahre zuvor noch durch die Berge scheuchen durfte. Hier heftete man Cuchillo zwar gleich einen ganzen Trupp an zwielichtigem Personal auf die Fersen, wirklich ernsthafte Konkurrenz ist für ihn allerdings nicht dabei. Nello Pazzifini [→ VIER FÄUSTE SCHLAGEN WIEDER ZU] als grobschlächtiger Bandit Riza erscheint als Klischee-Schurke von der Stange nicht wirklich gefährlich, und die beiden französischen Killer Jean-Paul [Luciano Rossi (→ DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE)] und Michel [Marco Guglielmi (→ DER TEPPICH DES GRAUENS)] treten viel zu selten in Erscheinung, als das sie als ernstzunehmende Gegner gelten dürften. Am ehesten anfreunden kann man sich daher noch mit dem geheimnisvollen Ex-Gesetzeshüter Cassidy [Donald O'Brien (→ KEOMA)], der Cuchillo immer wieder mal über den Weg läuft und ihm auch einige Male (nämlich immer genau dann, wenn dem Drehbuch absolut nichts Besseres mehr einfällt) den mexikanischen Hintern retten darf.

Zudem geriet LAUF UM DEIN LEBEN insgesamt ein bisschen zu verspielt. Zwar besaß auch der Vorgänger eine nicht zu leugnende humorige Note, so leichtfüßig wie hier ging es nun allerdings auch wieder nicht zu. Wie sehr Scherz und Schrecken hier Hand in Hand gehen, verdeutlicht bereits eine Szene zu Beginn, als Cuchillo erst etwas Essbares aus einem Haus stibitzt, gemütlich kauend vor die Türe tritt, plötzlich bemerkt, dass er mitten in eine Exekution geplatzt ist und infolgedessen schleunigst die Beine in die Hand nimmt. Auch im weiteren Verlauf wird der amüsierte Grundton beibehalten. Nach Ankunft bei seiner Geliebten fängt sich Cuchillo erst einmal eine saftige Ohrfeige, bevor er verspricht, ihr ein schönes Begrüßungsgeschenk zu machen (das er allerdings erst noch stehlen muss). Und als der wegen seiner Erfolgsquote beim Messern von allen nur „Stechmücke“ genannte Tunichtgut seine Waffen ablegen soll, um gesiebte Luft atmen zu dürfen, gehen den Beamten angesichts der Fülle der zu Tage geförderten Klingen fast die Augen über. Selbst das Foltern verkommt hier zur launigen Schelmerei, wenn Cuchillo an einen Windmühlenflügel gefesselt ein paar unfreiwillige Runden drehen darf und immer, wenn er unten angekommen ist, gleich auch noch eine Schelle verpasst bekommt. Hin und wieder blitzen zwar mal leise Kapitalismuskritik oder sanfter Tadel an Staatswillkür und Machtmissbrauch auf (Geld und Gold verderben auch hier den Charakter, und die Beamten sind erneut inkompetent und korrupt), insgesamt jedoch beugen sich politische Stellungnahmen dieses Mal brav dem Spaß an der Freud.

Aber das ist ja auch gar nicht schlimm, denn Cuchillos zweite Hatz unterhält auch jenseits jeder Botschaft ganz und gar prächtig. Für zusätzliche Komik (und etwas sexy Salz in der Suppe) sorgen die beiden weiblichen Sidekicks, die zwar zugegebenermaßen ein wenig frauenfeindlich gezeichnet wurden, was aber bei der ganzen permanenten Augenzwinkerei nun nicht wirklich negativ ins Gewicht fällt. Als heißblütige Dolores sieht man Chelo Alonso [→ ZWEI GLORREICHE HALUNKEN], die Cuchillo um jeden Preis ehelichen möchte, ihm aber zwischen ihren Liebesschwüren eine Maulschelle nach der nächsten verabreicht und in bester Sadomaso-Manier erst dann wieder gefügig wird, wenn dieser gepflegt zurückscheuert. An ihrer Seite erlebt man Linda Veras [→ SABATA] als strenggläubige Heilsarmeeangehörige Penny, die Cuchillo quasi vom Wegesrand weg als neuen Assistenten engagiert (den alten verscharrte sie bei ihrer ersten Begegnung gerade im Sand) und aufgrund ihrer übertriebenen Prüderie und Naivität einige Lacher einheimsen kann.

LAUF UM DEIN LEBEN endet nach einem wunderbaren Showdown mit reichlich Schuss- und Stichwaffengebrauch mit einem wohlvertrauten Bild: Cuchillo ist frei, aber wieder auf der Flucht. Offenbar hielt man sich die Option für ein weiteres Abenteuer offen. Dass es nie dazu kam, bietet durchaus Anlass zum Bedauern. Denn auch, wenn Cuchillos zweiter Auftritt hinter seinem Debüt zurückstecken muss und die Regie Sollimas hier deutlich weniger ambitioniert daherkommt, so bleibt die ganze Angelegenheit doch eine überaus gelungene Veranstaltung mit Pfiff, Schliff und gern gesehenen Genre-Gesichtern. Kein Grund zum Weglaufen!

Laufzeit: 115 Min. / FSK: ab 12

Donnerstag, 22. September 2016

TI LUNG - DIE TÖDLICHE KOBRA

[SIU LAM YING HUNG][1980]

Regie: Wu Ma, Pao Hsueh-Li
Darsteller: Ti Lung, Shih Szu, Danny Lee, Michael Chan Wai-Man, Tan Tao-Liang, Wang Chung, Wong Ching, Goo Chang, Wu Ma, Tsai Hung, Li Hao, Joh Yau

„In der zweiten Hälfte der Ming-Dynastie wurde das ganze Land von Unruhen und Revolten erschüttert. Ein skrupelloser und machtgieriger Fürst hatte es sich zum Ziel gesetzt, das ganze Land für sich zu erobern. Und er hatte den Shaolin-Mönchen verboten, zu kämpfen. Taten sie es trotzdem, lies er sie umbringen und ihre Tempel niederbrennen.“

(Gäbe es diese gesprochenen Einleitungen nicht, man stünde in Asiens Kung-Fu-Kino vermutlich oftmals ziemlich auf dem Schlauch.)

Einer der gnadenlosesten Vollstrecker dieses grausamen Fürsten ist Zen Chong [Ti Lung]. Früher einmal selbst ein Mönch der Shaolin, spielt er nun auf der Gegenseite und liefert seine ehemaligen Kameraden eiskalt ans Messer. Immerhin ein wenig Restskrupel scheint er dennnoch zu besitzen und überredet den manchurischen Herrscher, die Überlebenden des Tempels nicht hinrichten, sondern lediglich gefangennehmen zu lassen. Dafür legt er auch eine gute Begründung vor: Im Geheimen existiere noch eine letzte Widerstandsgruppe der Shaolin. Unter Folter, so Zens Versprechen, werde er den Gefangenen den Ort des Versteckes abringen können. Es beginnt eine qualvolle Zeit für seine ehemaligen Mitschüler. Abseits der Folter tritt Zen zudem regelmäßig in Kung-Fu-Kämpfen gegen sie an, um sie durch seine Siege endgültig zu demütigen. Doch nach geraumer Zeit schwarnt den Gefangenen, dass Zen mit seinem Vorhaben womöglich ganz andere Ziele haben könnte...

Ti Lung war einer der wenigen Darsteller des Hongkong-Kinos, denen in den 60er und 70er Jahren auch in Deutschland so etwas Ähnliches wie Star-Ruhm zuteil wurde – nicht zuletzt auch aufgrund des Zutuns der hiesigen Verleiher, die seinen Namen das eine ums andere Mal dem offiziellen Titel voranstellten. TI LUNG – DUELL OHNE GNADE nannte sich das dann, oder TI LUNG – DER TÖDLICHE SCHATTEN DES MR. SHATTER. Oder eben auch TI LUNG – DIE TÖDLICHE KOBRA. Zwar ist das von der Aussage her eigentlich unzutreffend, da sein Charakter (zumindest in der Synchronfassung) immer nur 'Panther' gerufen wird, aber es ist nicht davon auszugehen, dass jemand deswegen ernsthaft sein Geld an der Kasse zurückverlangt hat. Fans des charismatischen Schauspielers kommen hier nämlich voll und ganz auf ihre Kosten und dürfen bereits in der Eingangssequenz Zeuge davon werden, wie ihr Held ordentlich Handkanten verteilt und seine Gegner gekonnt auf die Bretter schickt. Alles, wie es sein sollte, könnte man meinen. Und dennoch ist hier alles ein bisschen anders. Denn während Ti beim Großteil seiner Rollen als tadelloser Musterknabe agierte, steht seine tödliche Pantherkobra auf Seite des gewalttätigen Manschuren-Fürsten und lässt in besagter Eröffnung einen Orden friedlebender Shaolin-Möche brutal zur Strecke bringen.

Aus dem Umstand, dass er dabei durchaus Skrupel hegt, wird allerdings von Anfang an kein großes Geheimnis gemacht, und dass Zen Chong kein durch und durch verworfener Charakter ist, wird zumindest dem Publikum auch schnell klar. Dennoch bleiben seine wahren Intentionen für längere Zeit im Verborgenen und erst nach und nach kristalliert sich heraus, worin sein eigentlicher Plan besteht. Allzu kompliziert zu erraten sind die Zusammenhänge freilich nicht, so dass dem Publikum auch wesentlich früher ein Licht aufgeht als den doch recht begriffsstutzigen Filmfiguren, die quasi bis zum Ende komplett im Dunkeln tappen (die meiste Zeit sogar im wahrsten Sinne des Wortes, denn in so einen Kerker scheint bekanntlich nicht allzu viel Sonne rein). Wirklich überraschende Wendungen bleiben somit – das recht unerwartete Ende mal ausgenommen – fast vollkommen aus und die Ereignisse verlaufen insgesamt in eher absehbaren Bahnen. Dazu passend wurde auch auf eine epische Breite verzichtet; die Anzahl der Schauplätze lässt sich mühelos an einer Hand abzählen. Nach blutigem Beginn im Tempel der Shaolin verlangert sich das Geschehen überwiegend in die freie Natur oder das feuchte Verlies der fürstlichen Festung. Durch die Beschränkung auf diese Notwendigkeiten gleicht DIE TÖDLICHE KOBRA über weite Strecken sogar eher einem vor historischem Hintergrund erzählten Gefängnisdrama als einem klassischen Vertreter des gemeinen Knochenbrecher-Spektakels.

Einer der Hauptgründe für die spärliche Präsentation ist sicherlich der Umstand, dass sich hier ausnahmsweise einmal nicht das renommierte Studio der 'Shaw Brothers' für die Produktion verantwortlich zeigte, sondern die nahezu unbekannte Gesellschaft 'Yen Sing Cinema'. Diese dürfte in Sachen Finanzmittel gerade mal einen Bruchteil der damals dominierenden Kung-Fu-Schmiede zur Verfügung gehabt haben und musste somit auf die oft sehr aufwändig gestalteten Kulissen der Konkurrenz verzichten. Trotz des Verzichts auf bombastische Sets und ausladende Panoramen wirkt DIE TÖDLICHE KOBRA allerdings in keinem Augenblick billig oder gar aus zweiter Reihe. Ganz im Gegenteil unterstreicht die nüchternde Kargheit nochmals den vorherrschenden Pessimismus und geht mit der trostlosen Grundstimmung quasi Hand in Hand. Damit unterscheidet man sich deutlich von den vielen oft reichlich albernen Fließbandprodukten jener Zeit, zumal man hier auch ohne unnötig übertriebene Sprung- und Flug-Manöver auskommt. Doch nicht nur, dass die Kämpfe stets bodenständig bleiben, sie wurden auch sinnvoll in die Handlung integriert und nicht etwa mit heißer Nadel ins Skript gestrickt, wie so häufig der Fall. Auch der konsequente Abstand von humoristischen Einschüben und infantiler Typenkomik macht sich äußerst positiv bemerkbar.

Stattdessen schrieb man sich Realismus auf die Fahnen – was DIE TÖDLICHE KOBRA auch für jenes Klientel goutierbar macht, das sich ansonsten weniger für asiatische Kämpfer in historischen Gewändern erwärmen kann. Der triste Tenor und die realistisch anmutende Rohheit der Präsentation gehen dabei natürlich unweigerlich zu Lasten des oft märchenhaften Klimas etlicher Shaw-Brothers-Produktionen (allenfalls wenige Werke wie DER RÄCHER AUS DER TODESZELLE böten sich zum Vergleich an). An Shaw erinnert somit fast ausschließlich nur noch der Stab, der einiges an kompetentem Personal des damaligen Platzhirschen sowohl vor als auch hinter der Kamera versammelte. So begegnet man neben Aushängeschild Ti Lung unter anderem auch Danny Lee [→ DER KOLOSS VON KONGA] und Wu Ma [→ DIE SIEBEN SCHLÄGE DES GELBEN DRACHEN] in den düsteren Verliesen - wobei letzterer gemeinsamen mit Pao Hsueh-Li [→ DER PIRAT VON SHANTUNG] sogar den Regiestuhl drückte. Die Inszenierung der beiden alten Hasen geriet dann auch überaus kompetent, während das Drehbuch mit einigen großartigen Szenen aufwarten kann. Höhepunkt ist dabei sicherlich die Sequenz, in welcher der Titelheld während einer Tanzdarbietung versucht, einen Anschlag auf den Fürsten zu verhindern.

"An diesem Mann wäre sogar Bruce Lee gescheitert", verkündete einst das deutsche Plakat leicht vermessen. Das dürfte nun schwerlich zu beweisen sein. Aber davon mal abgesehen, wäre ein derartiger Vergleich ohnehin nicht wirklich angebracht, da die Prämissen völlig unterschiedlich sind. DIE TÖDLICHE KOBRA erzählt keine Kriminal- und Gangstergeschichte mit einem integren Superfighter auf privatem Rachefeldzug. Dafür bietet das auf Minimalismus setzende Kostüm-Drama nicht nur verschworenen Genrefreunden einen lohnenden Ausflug in die kalten Kerker der Ming-Dynastie. Der Ton ist ruppig, die Attitüde ist rau und die Kämpfe sind von knochentrockener Härte. Besonders das abschließende Duell zwischen dem Titelhelden und Michael Chan holt noch mal so richtig Kastanien aus dem Feuer. „Ein Held zu sein heißt, durch die Hölle gehen“, heißt es an einer Stelle. Ti Lung tritt den Beweis an.

Laufzeit: 102 Min. / FSK: ohne

Donnerstag, 15. September 2016

DIE TÖDLICHEN SCHWINGEN DES ADLERS

[BAAI CO SI FU KAU CO TAU][HK][1979]

Regie: William Cheung Kei
Darsteller: John Cheung Ng-Long, Hwang Jang-Lee, Cheng Kang-Yeh, Fan Mei-Sheng, Chin Pei-Ling, Chiang Kam, Kao Yuen, Pan Yung-Sheng, Chan Fei-Lung, Mai Kei, Chan Leung, Cheung Hei
 

„Meister Lo! Ihr habt keinen Grund, mich zu töten.“ - „Ich wurde beauftragt, dich zu töten.“ - “Von wem?“ - „Von deiner eigenen Familie.“ (was so anfängt, kann eigentlich gar nicht wirklich schlecht sein)

China, irgendwann um die Quing-Dynastie herum: Der junge Tai [John Cheung Ng-Long] besucht zwar eine Kung-Fu-Schule, darf aber kaum etwas dazulernen. Dieses Privileg gönnt sein Meister in der Regel lediglich Schülern aus besser betuchtem Hause. Stattdessen wird Tai tagtäglich dazu gezwungen, als Küchenhilfe zu schuften. Als ihn der arrogante Schüler Fatty [Chiang Kam] provoziert, kommt es eines Tages zum Eklat und Tai verlässt die Schule. Auf der Suche nach einem neuen Meister begegnet er zunächst dem Strauchdieb Hsiao Lung [Cheng Kang Yeh], mit dem er sich einen Kampf um ein paar Fische liefert. Tai geht als Sieger hervor und Hsiao schwört ihm blutige Rache. Mit dem freundlichen Bettler Chin Pai To [Fan Mei-Sheng] hingegen teilt Tai im Anschluss gern seine Mahlzeit. Bald begegnet Tai dem Kung-Fu-Kämpfer Lo Hsin [Hwang Jang Lee] und wird staunender Zeuge von dessen tödlicher 'Adlerkrallen'-Technik. Begeistert fleht er Lo an, ihn zu unterrichten - was dieser ihm nach einiger Zeit auch gewährt. Was Tai nicht ahnt: Lo ist ein gewissenloser Killer, der sich bald mit Hsiao gegen ihn verbündet. Nur gut, dass der so harmlos wirkende Bettler Chin in Wahrheit ein begnadeter Kämpfer ist. Als Los wahrer Charakter zum Vorschein kommt, nimmt Chin Tai unter seine Fittiche.

Am Anfang war Jackie Chan. Nachdem der chinesische Action-Athlet jahrelang versuchte, an den bahnbrechenden Erfolg von Kampfsport-Ikone Bruce Lee anzuknüpfen (indem er ihn schlicht imitierte), gelang ihm der tatsächliche Durchbruch schließlich im Jahre 1978 mit den beiden von Yuen Woo-Ping inszenierten Kung-Fu-Komödien SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER und DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS. Die Kombination von klassischer Kampfkunst mit Klamauk und Situationskomik verhalf dem mittlerweile festgefahrenen Genre zu neuer Popularität, machte Chan (erst in seiner Heimat, später auch weltweit) populär und ebnete den Weg für eine Flut an Nachahmern und Epigonen. DIE TÖDLICHEN SCHWINGEN DES ADLERS ist einer davon. Der deutsche Titel deutet dabei schon nicht gerade undezent an, dass hier vor allem DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS Pate stand, und tatsächlich verschwendete man nicht allzu viele Ressourcen, um sich etwas großartig Neues auszudenken: Die Kernelemente wurden nur rudimentär variiert und das ganze Szenario kommt einem doch arg vertaut vor.

Statt Jackie Chan erlebt man hier nun also John Cheung als etwas tollpatschigen, doch liebenswerten Haus- und Laufburschen einer Kung-Fu-Schule, der sich erst wild herumschubsen lassen muss, bevor er endlich die Bekanntschaft seines Mentors macht (hier wie dort in Gestalt eines scheinbar klapperigen Bettlers), der den guten Charakter des Helden erkennt und ihn dadurch belohnt, dass er ihn final zum unbesiegbaren Superkämpfer ausbildet. Teeschaalen-Tänze, 'Adlerkrallen'-Technik, finaler Triumph auf freiem Feld - die Bilder gleichen sich, die Inhalte auch, jede Innovation siecht dahin im Schatten des Adlers. Doch so dreist die Kopie im Grunde auch ist, so goutierbar ist sie am Ende dann insgesamt doch geworden (vor allem im Hinblick auf die zahlreichen, oftmals nur schwer erträglichen Klone, die in den Folgejahren noch entstanden). Dabei macht sich das Minimum an Story sogar bezahlt, bleibt die Handlung bei aller Banalität doch stets übersichtlich und verwirrt nicht mit Nebensträngen und -figuren, wie es in diesem Genre häufiger mal der Fall war. So ist die fröhliche Balgerei auch nach gut 70 Minuten schon wieder vorbei, noch bevor sie ernsthaft jemandem auf die Nerven fallen kann.

Natürlich muss man trotzdem eine gesunde Portion Grundaffinität für diese doch sehr spezielle Art von Unterhaltung mitbringen; der berüchtigte pubertäre Hongkong-Humor schlägt sich hier zeitweise gnadenlos Bahn. Wer affige Grimassen, alberne Geräusche und angeklebte Geschwüre nicht verkraften kann, wird hier vermutlich nicht besonders alt werden. Wer dennoch durchhält, wird dafür mit jeder Menge vernünftig choreographierten Hand- und Fußgemengen belohnt, scheint hier doch wahrlich kein Anlass nichtig genug, sich nicht wieder gegenseitig nen Scheitel zu ziehen. Bereits nach zwei Minuten gibt es die ersten beiden Toten, gefolgt von einem Vorspann, in dem Oberschurke Hwang Jang-Lee vor roter Tapete ein Skelett, wie es normalerweise im Biologie-Raum einer jeder vernünftig ausgestatteten Grundschule herumsteht, fachgerecht zerlegt (was strenggenommen eigentlich keine große Leistung ist, denn so ein Skelett wehrt sich ja bekanntermaßen nicht). Hwang ist dann auch der eigentliche Star der fidelen Fäustekirmes. Seit seinem Auftritt als 'Silberfuchs' in dem 1976er Gassenhauer DIE ZWILLINGSBRÜDER VON BRUCE LEE war der in Japan geborene Koreaner quasi Zeit seines Leinwand-Lebens auf den brutalen Fiesling geeicht (und in dieser Funktion passenderweise auch schon in den beiden Blaupausen SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER und DIE SCHLANGE IM SCHATTEN DES ADLERS dabei). Vor allem durch seine schnelle Beinarbeit erwarb sich der Kampfkünstler bei den Fans rasch eine beachtliche Reputation.

Chang Wu-Lang [→ BORN HERO 3] in der Hauptrolle geht als Jackie-Chan-Verschnitt Charisma und Körperbeherrschung seines Vorbilds zwar ab, liefert davon unabhängig aber dennoch eine brauchbare Vorstellung. Weitere Rollen gingen an Fan Mei-Sheng [→ DIE SIEBEN SCHLÄGE DES GELBEN DRACHEN], welcher Chang etwas unmotiviert Kung Fu beibringen darf, Chiang Kam [→ ZWEI FÄUSTE STÄRKER ALS BRUCE LEE] als obligatorischer peinlicher Fettwanst vom Dienst sowie Cheng Kang Yeh [→ TI LUNG – DUELL OHNE GNADE] als wild stotternde Witzfigur, welche den Helden aufgrund einer harmlosen Herumkasperei gleich unter die Erde bringen möchte. Selbstredend war hier keine große Schauspielkunst gefragt; alle Darsteller bedienen lediglich bekannte (und oftmals beschämende) Stereotypen, was enthemmtes Geblödel nicht nur nicht ausschließt, sondern teilweise explizit verlangt. Auch bleiben die Beweggründe für die Aktionen der Figuren fast ausnahmslos nebulös. Warum Killer Lo dem Helden Tai eigentlich genau das Lebenslicht auspusten möchte, ist nicht wirklich ersichtlich. Der Schurke ist eben einfach böse und mordet, weil jeder Kung-Fu-Film einen bösen und mordenden Schurken braucht. Das muss als Erklärung reichen.

Neue Genrefreunde wird DIE TÖDLICHEN SCHWINGEN DES ADLERS gewiss nicht generieren können. Dazu plätschert alles viel zu unspektakulär vor sich hin. Das reichlich spät eingeführte Rachemotiv (welches natürlich auch alles andere als originell ist) kann das Ruder dann auch nicht mehr herumreißen. Wessen Herz jedoch bereits für kaspernde Kämpfer im Jackie-Chan-Fahrwasser schlägt, der wird hier zufriedenstellend abgeholt und erlebt einen der besseren Vertreter: Der Infantil-Humor übertreibt es nicht, die entschlackte Story bleibt nachvollziehbar und die Kämpfe gehen absolut in Ordnung. Zur simplen Kung-Funterhaltung nebenbei durchaus geeignet!

Laufzeit: 71 Min. / FSK: ohne

Dienstag, 2. August 2016

DER SCHLÄCHTER

[A SCREAM IN THE STREETS][USA][1973]

Regie: Carl Monson, Dwayne Avery, Harry H. Novak, Bethel Buckalew
Darsteller: Frank Bannon, John Kirkpatric, Rosie Stone, Brandy Lyman, Bobby Angelle, Con Covert


Ein Mörder in Frauenkleidern geht um und meuchelt unschuldige Frauen im Park. Zwei Polizeibeamte fahren durch die Gegend und plappern Stuss ohne Ende. Ein paar unansehnliche Personen fangen hin und wieder an zu pimpern und werden dabei von einem Spanner beobachtet. 

Was das alles miteinander zu tun hat? Nichts! Absolut gar nichts! Die absurde Aneinanderreihung alberner Abmurks-Anekdoten, schäbiger Beischlaf-Akrobatik und amerikanischem Kleinstadt-Pendant zur ruhrpott'schen Polizisten-Posse TOTO & HARRY sorgt in erster Linie für Langeweile und lange Gesichter. Offenbar hatte Pornofreund und Bumsparaden-Produzent Harry H. Novak noch ein paar übrig gebliebene Schnipsel seines letzten Libido-Lichtspiels auf dem versifften Schneideraum-Boden gefunden, als noch brauchbar genug dafür erachtet, mit ihnen ein paar Talerchen verdienen zu können, und sie - um die zahlreichen Minimalst-Handlungsstränge zumindest notdürftig miteinander zu verkitten - mit ein paar eilig nachgedrehten Szenen über zwei dösbaddelige Chaos-Cops angereichert, die die ganze Zeit ziellos durch die Gegend eiern, Kokolores quasseln und ansonsten irgendwie so gar keine sinnvolle Funktion erfüllen. Dass sich für dieses konfuse Kuddelmuddel sage und schreibe gleich fünf Regisseure verantwortlich zeigen, entkräftet den Verdacht der Resteverwertung nicht gerade.

Kenner abseitiger Kehricht-Kunst freilich ahnen bereits ab dem Vorspann, was sie in den kommenden Minuten erwarten wird: Wiederholungstäter Harry H. Novak war bekannt für seine handlungsentkernten Sexklamotten, produzierte und vertrieb in den 60er und 70er Jahren eine stolze Anzahl ähnlich gelagerter Spezialfälle, die mit wirrem Inhalt und nackten Tatsachen auf Kundenfang gingen. Nicht alles erreichte dabei auch deutsche Gefilde, aber Leinwand-Ergüsse wie LAILA – VAMPIR DER LUST oder SEXUALRAUSCH durften sich auch hiesige Koitus-Interessierte zu Gemüte führen. Oder eben DER SCHLÄCHTER, der jedoch (vermutlich) lediglich auf Video veröffentlicht wurde und dessen teutonische Vermarktung den Konsumenten in ziemlicher Dreistigkeit in die Irre führte. „Sein Hass gilt allen Frauen, seine ganze Liebe gilt der Axt“, trompetete das Cover und fügte verheißungsvoll hinzu: „Zerstückelt bei lebendigem Leib“. Schade nur, dass im gesamten Verlauf keine einzige Axt angerührt wird, und das einzige, was einem hier irgendwie zerstückelt vorkommt, die arg sprunghafte Ereignisfolge ist. Der verzweifelte Versuch, die ranzige Fick-Revue als blutrünstiges Schlitzer-Spektakel im FREITAG, DER 13.-Stil zu verkaufen, dürfte bei vielen Videofreunden zu einer herben Enttäuschung geführt haben. Denn anstatt saturierter Zeuge greulicher Meuchelmorde zu werden, sieht man hier nun plötzlich Leuten bei der Kopulation zu, denen man im realen Leben nicht mal mit der Kneifzange die Hand geben möchte.

Freunden filmischen Abfalls hingegen spielt DER SCHLÄCHTER höchst verdienstvoll in die ehrlosen Hände. Die cineastische Resterampe ist ein Paradebeispiel primitiv-lustiger Zeitverschwendung und sorgt in ihrer Absurdität mehr als einmal für enorme Heiterkeitsschübe. Nicht unerhebliches Gelächter erntet zum Beispiel die Szene, in der sich zwei Damen gerade miteinander vergnügen und währenddessen bemerken, dass sie dabei vom Fenster aus beobachtet werden. Was macht man in solch einem Fall? Schwer zu sagen! Die beiden Turteltauben jedenfalls gehen in die 69-Stellung und die eine ruft versteckt unter dem Arsch der anderen die Polizei an. Toller Trick, muss man sich merken! Dass an dieser Stelle nicht einmal versucht wurde, diese ansonsten abermals vollkommen überflüssige Episode mit dem Quasi-Haupthandlungsstrang (wenn man das denn tatsächlich so nennen möchte) der beiden  Schmalspur-Schutzmänner Ed und Bob zu verbinden, spricht Bände. Diese tingeln dafür in fast schon in anarchistischer Sinnbefreitheit durch die Straßen, verhaften ab und zu mal einen Ladenräuber oder versuchen einen Autoklau auf solch dilettantische Weise zu verhindern, dass sie dafür selbst von den Dieben ausgelacht werden. Dem titelgebenden „Schlächter“ begegnen sie am Ende dann einfach durch puren Zufall, ohne dass sie irgendetwas dafür getan hätten. Wer genau hinsieht, entdeckt bis dahin lauter bescheuerte Sachen. Exemplarisch genannt dafür sei an dieser Stelle der überfallene Ladenbesitzer, der zwar gerade mit der Waffe bedroht wird, dabei jedoch dermaßen verständnislos aus der Wäsche guckt, dass man sich ernsthaft Sorgen machen muss, ob ihm überhaupt bewusst ist, was um ihn herum eigentlich gerade passiert oder wo er sich befindet. 

Die Krone setzt dem Ganzen dann am Ende noch die deutsche Sprachfassung auf, die den Figuren fern irgendwelcher Synchronität am laufenden Meter dermaßen politisch unkorrekte Satzgefüge auf die Lippen kleistert, dass einem Hören und Sehen vergeht. Bei dem, was die beiden Gesetzeshüter Ed und Bob während ihrer Streifzüge an reaktionären Verbalentgleisungen ablassen, würde selbst „Dirty Harry“ der Speichel versiegen. „Wenn ich den Kerl erwische, zerlege ich ihn in 1000 Einzelteile“, verkündet der eine. „So einem gehört die Rübe ab. Mir würde es ein höllisches Vergnügen bereiten, diesen Kerl persönlich auf den elektrischen Stuhl zu schnallen. Aber die Brüder stecken ihn auf Staatskosten in ne Heilanstalt." „Man sollte kurzen Prozess mit ihnen machen", entgegnet der andere. „Der Meinung bin ich auch. So ein Schwein gehört weg! Aber unsere Gesetze sind viel zu human." - „Tja, unsere Gesetze sind nun mal so, was willst du machen?" - „Sie ändern - für solche minderwertigen Kreaturen."

So geht das in einem fort – und hat dabei nicht mal im Ansatz Ähnlichkeit mit dem Original. Doch auch abseits solcher Selbstjustizfantasien herrscht jede Menge politische Unkorrektheit. Da kommt ein Mann nach Hause und findet sein Eheweib in Tränen aufgelöst vor, da die Nachbarin ermordet wurde. Wie reagiert der alte Frauenversteher? „Warum weinst du? Ist dir das Essen verbrannt?" Da wird eine Nutte von ihrem perversen Freier windelweich geprügelt mit den Worten: „Wenn dich dein Vater damals nicht geschlagen hat, dann muss ich das jetzt übernehmen." Und als sie nach ihrer Rettung heulend in der Ecke liegt, herrscht der hinzugekommene Polizist sie an: „Hör auf zu flennen!“ Auch sehr schön, dass man einer der Protagonistinnen während ihres Schäferstündchens, das ihr eigentlich ziemlich offensichtlich einige Freude bereitet, völlig genervte Sätze in den Mund legte, so dass sie im Deutschen nun mit total zufriedenem Gesichtsausdruck Dinge sagt wie „Nun mach endlich!" oder „Hoffentlich ist es bald soweit!"

Den größten Vogel der deutschen Dialog-Diarrhöe aber schießt zweifelsfrei der mordende Transvestit ab, der ohne Punkt und Komma Dinge herunterzetert wie: "Du blöde Gans, du blöde! Ich hasse alle Weiber! Ihr seid alle billige Flittchen und Huren! Ich bringe euch alle um! Alle!" Und bleiben dessen Beweggründe im Original im Verborgenen, wartet er in der deutschen Version gegenüber seinem letzten Opfer mit einer sehr plausiblen Erklärung auf: „Ich hasse alle Frauen, und weißt du auch, warum? Weil meine Mutter mich jeden Tag geschlagen hat mit ihren blutverschmierten Händen und mich dann zu den halbierten Schweinen in den Kühlraum gesperrt hat." Das klingt doch schon wesentlich aufschlussreicher als das ständig wiederkehrende „I kill you!“ der originalen Version und kommt glaubwürdig vorgetragen bestimmt auch richtig gut als launiger Anmachspruch auf der nächsten Kellerparty.

Schlecht, schlechter, DER SCHLÄCHTER. Harry H. Novak präsentiert seinem geifernden Publikum einen schmierig-schmutzigen Cocktail aus billigen Rammel-Eskapaden, alibihaftem Krimi-Kappes und jeder Menge Mumpitz. Das ist zwar nichts, was man irgendwie mit Kunst verwechseln würde, aber Spaß machen kann das trotzdem. Wer will, der erlebt hier stümperhaftes Super-Schmuddelkino, auf das eine völlig hemmungslose Synchronisation geschraubt wurde. Auch sowas muss es geben!

Laufzeit: 87 Min. / FSK: ohne

Dienstag, 21. Juni 2016

SADOMONA - INSEL DER TEUFLISCHEN FRAUEN

[POLICE WOMEN][USA][1974]

Regie: Lee Frost
Darsteller: Sondra Currie, Tony Young, Phil Hoover, Jeannie Bell, Jennifer Brooks, William Smith
 


In den An(n)alen der Filmgeschichte gibt es Auswüchse, die muss man sich als Sympathisant tiefergelegter Abendunterhaltung schon allein aufgrund ihres Titels zu Gemüte führen. Wem bei einem lyrischen Auswurf wie SADOMONA – INSEL DER TEUFLISCHEN FRAUEN nicht das berühmte Wasser im Munde zusammenläuft, der muss schon eine ausgemachte Spaßbremse sein. Gut, einmal mehr hat man es hier mit einer vermutlich unter Alkoholeinfluss entstandenen Kreation des deutschen Anbieters zu tun und zugegebenermaßen klingt das originale POLICE WOMEN schon nicht mehr halb so herzerwärmend. Aber irgendwie steckte in der damaligen Taktik hiesiger Verleihfirmen ja auch eine charmant-offene Portion Ehrlichkeit: Warum sollte man, wenn man sich schon auf Kundenfang begibt, überhaupt verschleiern, dass man es mit auf Zelluloid gebannter Ramschware zu tun hat? Auf diese Weise greift man immerhin auf Anhieb das richtige Publikum ab: nimmermüde Trash-Junkies auf der Suche nach dem nächsten befreienden Schuss. Im Falle von SADOMONA (was immer das Wort überhaupt bedeuten soll) wird schon nach wenigen Minuten klar, dass eben dieser auch voll ins Schwarze trifft, denn das unverhohlene Billigprodukt, dessen Entstehung vermutlich mit einer feucht-fröhlichen Urlaubsreise verknüpft war, bedient zuverlässig alle Erwartungen an maximal sinnlosen Zeitvertreib und präsentiert ohne jede Scham ein launiges Sammelsurium kuriosester Momentaufnahmen. 

Lacy Bond (vermutlich weder verwandt, noch verschwägert mit einem ungleich berühmteren Namensvetter) gehört zur Spezialeinheit der Polizei und ist dort – logisch! - eine der besten – nicht zuletzt aufgrund ihrer perfekten Karatekünste. Da sie so fleißig im Leutevermöbeln ist, bekommt sie einen halsbrecherischen Auftrag zugeschanzt, an dem schon viele ihrer Kollegen zuvor gescheitert sind: Auf dem idyllischen Eiland Catalina hat sich eine radikale Verbrecherorganisation formiert, gegen die James Bonds ewiger Kontrahent S.P.E.C.T.R.E. wie ein Haufen müder Waisenknaben wirkt. Diese besteht nämlich ausschließlich aus handverlesenen Bikinischönheiten, welche zudem noch angeführt werden von einer (geschätzt) 100 Jahre alten Dame, die aussieht wie die fleischgewordene Reinkarnation von Oma Knack. Besagte Madame führt dort ein strenges Regiment und hält sich zudem noch einen grenzdebilen, aber dafür umso treueren Liebessklaven, der seine Hanteln wohl nicht mal auf dem Donnerbalken aus der Hand nimmt.

Obwohl die einzigen Verbrechen dieser 'teuflischen Frauen' aus Planschen im Pool und exzessivem Tennisspielen zu bestehen scheinen, muss sich Bond zwecks Zerschlagung des gefürchteten Kartells zunächst ein Mal einem Spezialtraining unterziehen. Nachdem sie der Schießbudenfigur gleich den ganzen Schädel weggeballert hat, tritt sie im Anschluss gegen einen (angeblich versierten) Karateprofi [William Smith] an. Zwar lässt sie sich zur Tarnung ein paar Mal auf die Bretter schicken, wendet dann aber den gefürchteten 'Blütenstil-mit-den-zwei-Knospen'-Trick an: Ein beherzter Tritt in die Familienjuwelen verwandelt ihr Gegenüber innerhalb weniger Sekunden in ein greinendes Schulmädchen. Auf diese Weise bestens vorbereitet für schwerere Aufgaben geht es dann auch umgehend an die Beschattung einer Verdächtigen. Doch Miss Bond ist zu ungestüm: Als die Beobachtete in ihrem Wagen zu fliehen versucht, fackelt die Top-Polizistin nicht lange und entert das nächstbeste Polizeiauto. Die daraus resultierende Verfolgungsjagd endet dann allerdings mit dem Flammentod der Beschatteten, welche dann wiederum sogar ziemlich lange fackelt.

Nachdem sich Bond erfolgreich aus diesem Malheur herausgeredet hat, darf sie mit ihrem Kollegen und gleichzeitig neuer Flamme (denn schließlich darf auch die gute, alte Liebe nicht zu kurz kommen) bezahlten Urlaub auf Catalina machen. So zumindest sieht es aus, denn obwohl sie ja eigentlich dort sind, um die verbrecherische Organisation hochzunehmen, lümmeln sie sich eigentlich die ganze Zeit auf Staatskosten am Strand, reiten zu kitschiger Musik in den Sonnenuntergang und schnackseln, bis der Arzt kommt. Gerade noch rechtzeitig fällt ihnen ein, dass sie ja außerdem auch noch einen Auftrag zu erledigen haben. Als sie eines der Boote der Bikini-Brigade kapern möchten, kommt Bonds Herzblatt auf die dumme Idee, voran zu gehen, und bekommt - kaum einen Fuß aufs gegnerische Deck gesetzt – erst Mal schön einen Paddel in die Schnauze. Und dann noch einen. Und noch einen. Das geht so weiter, bis Bondchen sich ihrer Kampfkünste besinnt, um ihren Liebsten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Diesem allerdings hat die Paddelattacke dermaßen zugesetzt, dass er postwendend ins Krankenhaus muss. Nun auf sich allein gestellt kennt die knallharte Karatelady kein Halten mehr und beginnt eine gnadenlose Aufräumaktion, bei der kein Stein auf dem anderen und kein Auge trocken bleibt.

Es hätte ohnehin keinen Sinn, es zu leugnen: SADOMONA ist ein von vorn bis hinten gnadenlos bescheuerter Nonsens, der jedem in solch untiefen Gefilden weniger bewanderten Kritiker eine recht langanhaltende Schnappatmung bescheren würde. Gottlob besitzt das Team um Regisseur Lee Frost [→ BLACK GESTAPO] auch nicht mal im Ansatz die Intention, diesen Umstand irgendwie zu leugnen und liefert stattdessen viel lieber einen Orkan der guten Laune ab, der seine auffallend kosteneffiziente Entstehung zur Tugend macht und zur Kompensierung ein wahres Feuerwerk unbekümmerter Verrücktheiten abbrennt. Keine Idee schien zu infantil, kein Dialog zu deppert, keine Situation zu schwachsinnig, um nicht doch irgendwie vorkommen zu dürfen. Das alles ist trotz eklatantem Mangel an Mitteln und Talent mit derart eifrigem Elan in Szene gesetzt, dass die Begeisterung an der Sache höchstgradig ansteckend ist. So verzeiht man die subterranen Leistungen der Darsteller nicht nur, man erwartet sie geradezu, fügt sich die dargebotene Schmierenkomödie doch fast schon perfekt in das groteske Gesamtbild ein. In Erinnerung bleibt dabei vor allem die pythonesk anmutende Szene, in welcher sich Hauptfigur Lacy Bond noch am Ort des Geschehens für den Flammentod der von ihr ins Visier genommenen Verdächtigen rechtfertigen muss. Ein beknackter Dialog jagt den nächsten, während die Helfer im Hintergrund noch die Leichenteile davontragen. Ganz, ganz großes Kino!

Garniert wird das Ganze mit einer Handvoll Actionsequenzen, die freilich ebenfalls allesamt denkbar unbeholfen daherkommen. So funktionieren Lacy Bonds Karatekünste natürlich nur dann, wenn sich ihre Gegner auch alle brav so hinstellen, dass Lacy sie in Ruhe treten kann. Und da der Mann am Schnittpult vom Schneiden ungefähr genauso viel Ahnung hat wie Bond-Darstellerin Sondra Currie [→ HANGOVER] von korrektem Karate, fällt das auch umgehend ins Auge. Überaus erheiternd ist in diesem Zusammenhang auch der Auftritt von William Smith, der später Conans Vater in dem Schwarzenegger-Vehikel CONAN, DER BARBAR geben durfte, hier jedoch als Bonds Gegner einen abgeschmackten Karatekämpfer verkörpert, der aussieht wie Kommissar Schimanski auf LSD und sich nach wenigen Minuten verzweifelter Choreographieversuche theatralisch zu Boden werfen darf. Lediglich das Finale, das wie eine frühe Version der Lastwagen-Kaper-Szene aus JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES wirkt, lässt zumindest ein wenig mehr Aufwand und Professionalität erkennen. Dass sich Spielberg und Lucas hier inspirieren ließen, darf dennoch gut und gern bezweifelt werden. 

SADOMONA ist ein B-Film wie aus dem Bilderbuch. An jeder Ecke lauert eine eine neue Unglaublichkeit, ein weiterer unerwarteter Nackenschlag gegen die Regeln des normierten Erzählens. Komik gibt es reichlich, nicht nur unfreiwillige. Exemplarisch genannt sei hier die Szene mit dem armen Mann, dessen einzige Aufgabe es offenbar ist, tagein, tagaus auf den Überwachungsmonitor zu starren, welcher nie mehr als das geschlossene Eingangstor zeigt. Als sich selbiges eines Tages dann doch tatsächlich mal auftut, hyperventiliert der gute Knabe fast, kommt er mit dem Zählen der herein rollenden Autos doch gar nicht mehr nach. Der Humor stimmt, die Frauen sind attraktiv (zumindest die unter 80jährigen), alles andere ist auf wunderbar charmante Art und Weise grottig. Für Anspruchsflüchtlinge ist die Insel der teuflischen Frauen definitiv einen Urlaub wert. 

Laufzeit: 95 Min. / FSK: ab 18

Freitag, 4. März 2016

FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR

[SONORA][ITA/SPA][1968]

Regie: Alfonso Alcázar
Darsteller: George Martin, Jack Elam, Gilbert Roland, Antonio Monselesan, Rosalba Neri, Donatella Turi
 

„Weißt du, warum man ihn Callado nennt? Weil er schweigt. Er wartet, schweigt und tötet dich wortlos.“
 
Revolverheld Sartana [George Martin] dürstet es nach Rache. Das hat auch einen Grund: Seine geliebte Frau wurde geschändet und ermordet. Aus dem einst fröhlichen Gesellen ist ein in Schwarz gekleideter Einzelgänger geworden, der sich seinen Weg zum Verantwortlichen für die Misere wortkarg, aber treffsicher freischießt. Seine Zielperson ist der skrupellose Bandit Slim [Jack Elam], der sich noch einen weiteren Mann zum Todfeind gemacht hat: den Mexikaner José [Antonio Monselesan], der nach einem erfolgreichen Bankraub von Slim bleireich abserviert wurde. Doch Sartanas Weg kreuzt nicht nur den von José, sondern auch den des undurchsichtigen Kirchner [Gilbert Roland], den er erst vor dem Tode bewahrt, bevor er merkt, dass dieser sich seine Brötchen als Slims Leibwächter verdient. Die brisante Konstellation steuert auf ein explosives Finale zu, das keine Gefangenen macht. 

FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR entstand in jener Phase des Italo-Westerns, in der sich die Leinwände vor einsilbigen Revolverschwingern kaum retten konnten. Zu Beginn allerdings wähnt man sich buchstäblich im falschen Film, wenn die Ereignisse mit einer eher albern anmutenden und von nervtötendem Gedudel unterlegten Saloon-Schlägerei beginnen, in welcher der Held eifrig seine Fäuste schwingt und auch selbst einiges abbekommt, bevor ein holdes Mägdelein in Zeitlupe auf ihn zugehoppelt kommt, um mit ihm im Anschluss zu zärtlicher Kitschkotzmusik durch die Wälder zu toben. Aber der Schock ist schnell überwunden; nur ein paar Minütchen später geht alles seinen gewohnten Gang. Denn der sentimentale Einstieg hatte natürlich seinen Grund: die gute alte Rache. Nach einem brutalen Zeitsprung und einer nicht lang auf sich warten lassenden Rückblende wird klar: Des Helden Weib, das eben noch so ausgelassen in der Gegend herumsprang, musste mal wieder ins Gras beißen. Und vergewaltigt wurde es auch noch (freilich: vorher). Das war schon immer Grund genug, den Lauf zu entstauben und sich auf die Jagd zu begeben. Woher der Held eigentlich weiß, wem genau er sein Witwerdasein verdankt, obwohl er bei der Tat gar nicht anwesend war, ist dabei unersichtlich und auch nicht sonderlich relevant. Der Held macht einfach, was der Held machen muss. Und wer einfach nur untätig danebenstand, hat den Tod nicht minder verdient. „Du warst dabei und das reicht mir“, sagt der Held zu dem bedauernswerten Schergen, bevor er ihm das Licht auspustet.

Mit dem eigentlichen Täter jedoch wird, wie sich das gehört, erst ganz am Ende abgerechnet. Der hört auf den Namen Sartana – zumindest in Deutschland, denn im Original nennt er sich Slim (was auch gar nicht weiter auffallen würde, schöbe der Held nicht in einer Szene gut sichtbar dessen Steckbrief ins Bild, auf dem überdeutlich der Name Slim zu lesen ist). Und um noch weiter zu verwirren, ist Sartana im Original eigentlich der Name des Helden. Dieser wiederum heißt im Deutschen Callado - der Schweigsame. Wieso, weshalb, warum...? Man weiß es nicht. Bleibt noch anzumerken, dass dieser Sartana hier nicht identisch ist mit der Titelfigur der SARTANA-Reihe, in welcher Gianni Garko im Auftrag der Gerechtigkeit Blei verspritzte. Dieser Sartana trägt stattdessen die Züge von Western-Veteran George Martin, der sich nicht nur wie Clint Eastwood benimmt, sondern auch so klingt (zumindest in der deutschen Fassung). Doch Sartana/Callado ist nicht der Einzige, der Rachegelüste mit sich herumträgt: Der Mexikaner José will dem Banditen ebenfalls ans Leder, nachdem er sich nach einem Bankraub dessen Kugel eingefangen hat. Und mittendrin befindet sich noch der undurchsichtige Kirchner, ein einstiger Kumpel Sartanas/Callados, der nun Slims Leibwächter ist und seinen Gegnern netterweise noch Särge empfehlen lässt, bevor er ihnen den Garaus macht.

Keine Frage: Regisseur Alfonso Balcázar [→ DIE TODESMINEN VON CANYON CITY] präsentiert hier nicht mehr als allseits bekannte Versatzstücke. FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR ist ein kostengünstig produziertes Fließbandprodukt, dessen Schauplätze fast ausschließlich aus der üblichen Felsenlandschaft und dem abgerockten Wildwestkaff bestehen. Die Landschaften sind karg, die Wortmenge ist es ebenfalls, dazu viel Schuss- und Schlaggetümmel, einmal umgerührt und fertig ist der Lack. Das kennt man, das erwartet man. Sonderlich spannend ist das nicht, aber auch nicht völlig unsinnig. Denn Genrefans bekommen in der Regel nie genug von eben diesen Mätzchen und handwerkliches Geschick (wenn auch nur ein routiniertes) kann man SONORA (Originaltitel) nicht absprechen – auch, wenn man sich solch innovative Einstellungen wie in dem Moment, als ein vom Dach geschossener Fiesling mit dem Gesicht voran auf die Kamera zufliegt, noch etwas häufiger gewünscht hätte. Auch der Inhalt geriet weitestgehend überraschungsfrei: Der Held schießt schneller als seine Kontrahenten ziehen können, der Held wird kurz vor Schluss gefoltert, der Held triumphiert am Ende - das Übliche eben. Die Nebenhandlung um Bankräuber José, der ebenfalls noch ein Hühnchen mit dem Antagonisten zu rupfen hat, dient zudem allzu offensichtlich in erster Linie dem Zweck, die spartanische Handlung auf die notwendigen 90 Minuten zu strecken und ist im Grunde gar nicht weiter von Belang. Dennoch kann die ihrem deutschen Titel alle Ehre machende Pferdeoper angenehm unterhalten, gelegentlicher Leerlauf wird von Pulverdampf und Explosionsradau bestmöglich übertüncht.

George Martin [→ DREI TOLLE KERLE], der eigentlich Francisco Martinez Celeiro heißt und in Barcelona das Licht der Welt erblickte, erfüllt in der Rolle des schweigsamen Rächers seinen Zweck, wenn auch keine mimischen Meisterleistungen zu bestaunen sind – aber warum sollte man die hier auch erwarten? Seine DJANGO-/Eastwood-Imitation geriet sehr brauchbar, wenn ihm das Charisma der wirklich großen Westernhelden auch zweifelsfrei abgeht. Als seinen Widersacher sieht man Jack Elam [→ SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD], der alle geforderten Banditen-Klischees pflichtbewusst erfüllt: schielend, grobschlächtig, feige und alles andere als gewitzt – eine zwar nicht schillernde, aber angenehm hassenswerte Schurkenfigur, der man die Kugel am liebsten höchstpersönlich in die Stirn treiben würde. Ihm zur Seite steht Gilbert Roland [→ DAS GOLD VON SAM COOPER] als dessen Leibwächter Kirchner, den man bis zum Schluss nicht wirklich einordnen kann und der die Ambivalenz seines Charakters sehr gut rüberbringt. Antonio Monselesan [→ DICKE LUFT IN SACRAMENTO], der nebenbei auch als Boxtrainer arbeitete, bleibt als Mexikaner José hingegen kaum im Gedächtnis. Noch undankbarer hat es jedoch Rosalba Neri [→ DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL] erwischt, die sich hier mit einer winzigen Nebenrolle begnügen darf. Ihr Aufstieg zu einer Art Ikone des italienischen Erotik- und Krimikinos begann dann erst in den 70er Jahren.

Die hiesige Version geriet erneut nicht ganz so nihilistisch wie das Original und gefällt in den Dialogen durch einen eher lässigen Tonfall („Es wird nur Bumms machen und dann spielst du Vögelchen.“), wie es damals nicht unüblich war. Doch das schadet nicht. FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR bleibt dennoch ein wenn schon nicht unbedingt originelles, so doch überdurchschnittliches Genre-Werk, das vielleicht keine neuen Fans gewinnt, aber bereits infizierte Italo-Western-Jünger zuverlässig bedient. 

Laufzeit: 92 Min. / FSK: ab 16

Donnerstag, 3. März 2016

MÄDCHEN MIT GEWALT

[BRD][1970]

Regie: Roger Fritz
Darsteller: Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Helga Anders, Monika Zinnenberg, Astrid Boner, Elga Sorbas, Rolf Zacher, Henry van Lyck

„Es bleibt einem auch nichts erspart im Zeitalter der Emanzipation.“

Mike [Arthur Brauss] und Werner [Klaus Löwitsch] sind Kollegen – nicht nur auf der Arbeit, sondern auch bei ihrem Hobby: Sie jagen Frauen. Die testosterongeschwängerten Taugenichtse lassen keine Gelegenheit aus, dem schönen Geschlecht auf die Pelle zu rücken. Als sie eines Tages auf der Go-Kart-Bahn eine Gruppe von Studenten kennenlernen, kommt es bald zu Handgreiflichkeiten. Doch die junge Studentin Alice [Helga Anders] geht schlichtend dazwischen. Für Mike und Werner ist nun klar: Alice wird ihr nächstes Opfer. Da passt es gerade recht, dass die jungen Leute sich zum Baden verabredet haben. Durch einen Trick gelingt es den beiden, Alice vom Rest der Gruppe zu trennen und mit ihr an einen einsamen See mitten in einer abgelegenen Kiesgrube zu fahren. Zunächst ist alles noch ganz zwanglos: Man führt lockere Gespräche und Alice erfrischt sich beim fröhlichen Nacktbad. Aber schon bald beginnt das unbekümmerte Mädchen sich zu wundern, wo ihre Freunde bleiben, die doch eigentlich nachkommen sollten. „Sie kommen nicht“, erklärt Mike ihr schließlich. Erst jetzt wird Alice bewusst, dass sie den Männern schutzlos ausgeliefert ist. Die Nacht bricht an - und Mike und Werner beginnen ein perfides Spiel.

Roger Fritz führte nur selten Regie. Den gelernten Baustoffingenieur kennt man, wenn überhaupt, dann in erster Linie als Darsteller (beispielsweise aus Sam Peckinpahs STEINER – DAS EISERNE KREUZ). Eine seine wenigen Arbeiten hinter der Kamera ist der nihilistisch gefärbte Kiesgruben-Krimi MÄDCHEN MIT GEWALT, der nach seiner gekürzten Kinoauswertung 1970 quasi jahrzehntelang von der Bildfläche verschwunden war, bevor ihn der engagierte DVD-Anbieter 'Subkultur Entertainment' gut 45 Jahre später wieder der Öffentlichkeit zugänglich machte. Was sich hinter dem zunächst etwas kryptisch anmutenden Titel verbirgt, erläutert einem der Trailer: „Tu, was dir gefällt! Lass dir nichts gefallen! Nimm dir, was du willst – ohne Rücksicht! Nimm dir ein Mädchen mit Gewalt!“ heißt es da in nur wenig kuscheligem Tonfall, und diese Philosophie scheinen die beiden Hauptprotagonisten bereits mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben. Klaus Löwitsch und Arthur Brauss verkörpern zwei schmierige Herumtreiber mit ungebändigter Libido, die jedem Rock hinterhersteigen und sich das, was sie begehren, zur Not mit Zwang besorgen. Schon in der Eröffnungssequenz wird man Zeuge, wie sich eine junge Frau verschämt und unter den triumphierenden Blicken der beiden Schürzenjäger wieder ankleidet, bevor sie von ihnen am Straßenrand abgesetzt wird. Während ihr jüngstes Opfer eingeschüchtert den Heimweg antritt, brechen die Männer in höhnisches Gelächter aus. Bereits hier ist klar: Werner und Mike sind wahrlich keine Engel.

Doch Aufmachung und Marketing führen in die Irre: Gebärdet sich MÄDCHEN MIT GEWALT zu Beginn noch wie ein plumper Reißer mit viel nackter Haut und Misogynie, so entpuppt sich das rüde Radaustück bald als zornige Zurschaustellung gesellschaftlicher Missstände. Die junge Alice (verkörpert von der damals 21jährigen Helga Anders) wird von den Männern getäuscht, in die Einöde verschleppt und schließlich vergewaltigt. Als sie am nächsten Tag damit droht, zur Polizei zu gehen, kommt es zum wohl eindringlichsten Moment des Films: Mike verdeutlicht ihr auf ebenso nüchterne wie furchteinflößende Art und Weise, was geschehen würde, sollte sie tatsächlich Anzeige erstatten. Er beschreibt die erniedrigende Prozedur des Polizeiverhörs, das bohrende Nachfragen der Beamten nach intimen Details und die nervenzehrende Gerichtsverhandlung, in welcher der Staatsanwalt versuchen wird, sie unglaubwürdig zu machen, behaupten wird, sie hätte die Tat selbst provoziert.

„Es macht ihnen Spaß, dich auszuquetschen. Es macht ihnen Spaß, ein hübsches Mädchen nach den intimsten Dingen zu fragen. […] Am liebsten würden sie dich auf den Tisch legen, dich ausziehen und untersuchen, einer nach dem anderen.“

Das geschieht so kaltherzig und ist zugleich doch so voller Wahrheit, dass es einem in die Glieder fährt. Angesichts der Tatsache, dass MÄDCHEN MIT GEWALT zu einer Zeit entstanden ist, in der noch das allgemeine Vorurteil herrschte, die Frau treffe bei einer Vergewaltigung auch immer eine Teilschuld, ist das ein überaus effektives Plädoyer gegen die Diskriminierung des Individuums. So steckt in der effektheischenden Verpackung am Ende ein unerwartet feministisches Werk, das seine Rezipienten, ursprünglich selbst durch Schaulust und niedere Instinkte angelockt, ins offene Messer laufen lässt.

Roger Fritz' Regie ist dabei weder besonders ausgefeilt, noch von bahnbrechender Eleganz, doch stets geprägt von einem Gespür für ausdrucksstarke Bilder und Stimmungen. Bisweilen wirkt MÄDCHEN MIT GEWALT – nach seinem recht rasanten Großstadt-Prolog, der die Hauptprotagonisten bei der provokanten Balz zeigt - gar wie ein klassischer Endzeitfilm, und das nicht nur wegen des genretypischen Kiesgruben-Schauplatzes: Eine Zeit lang scheinen Mike, Werner und Alice tatsächlich die letzten Menschen auf der Welt zu sein, unter freiem Himmel zwar, aber dennoch gefangen in sich selbst. Denn anstatt das Martyrium der jungen Frau einfach zu beenden und zurück in die Stadt zu fahren, richten Mike und Werner ihre Aggressionen bald gegen sich selbst. Die traumatisierte Alice wird zur ohnmächtigen Zeugin eines Psychoduells zweier ehemaliger Freunde, das schließlich mit roher Gewalt ausgetragen wird. Speziell Klaus Löwitschs Werner erweist sich dabei als charakterliches Chamäleon, das seine Gesinnung fast im Minutentakt wechselt, hin- und hergerissen zwischen sexuellem Trieb und sensiblem Trachten nach menschlicher Wärme. Denn tatsächlich – so wird bald klar - wünscht er sich trotz aller Grobschlächtigkeit am Ende doch nur eines: die Liebe einer Frau. Die Fähigkeit, eine gesunde Beziehung zu führen, geht ihm freilich völlig ab, was Alice in einer Szene auf den Punkt bringt:

„Vielleicht kannst du nur mit Gewalt. Ein Freund aus meinem Semester hat mir erzählt, dass es Männer geben soll, die können einfach nicht anders.“

Ein derart minimalistisch angelegtes Szenario steht und fällt natürlich mit seinen Hauptdarstellern. In diesem Falle wurde durchgehend eine gute Wahl getroffen. Arthur Brauss' [→ PERRAK] Leistung als zynischer Drecksack geriet sogar so überzeugend, dass er dafür mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet werden sollte. Als man jedoch bemerkte, dass er in der hiesigen Fassung des ursprünglich auf Englisch gedrehten Films nicht mit seiner eigenen Stimme zu hören war, wurde die Verleihung zurückgezogen und sein Partner Klaus Löwitsch [→ DIE AKTE ODESSA] erhielt stattdessen den Preis. Diese etwas zweifelhafte Aktion macht die Auszeichnung zwar etwas beliebig, aber tatsächlich nimmt sich keine der beiden Parteien etwas. Sowohl Brauss als auch Löwitsch agieren wunderbar grob und ungeschliffen und hinterlassen so einen sehr authentischen Eindruck. Helga Anders [→ DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN] wirkt als Alice zwar bisweilen irritierend teilnahmslos (was durchaus auch Kalkül sein könnte), dennoch gelingt auch ihr die gelungene Darstellung einer erniedrigten Frau, die sich schließlich desillusioniert mit ihrer Opferrolle abfindet. In einer kleinen Rolle sieht man zu Beginn auch noch Rolf Zacher [→ DAS SIEBENTE OPFER], der als pazifistisch angehauchter Student den intellektuellen Gegenpol zu den kommenden Grausamkeiten bildet.

Auch, wenn die anfängliche Spannung nicht ganz bis zum Ende gehalten werden kann und die finale Konfrontation in ihren Beweggründen nicht immer vollends nachvollziehbar bleibt, ist MÄDCHEN MIT GEWALT eine überaus lohnende Ausgrabung, die beweist, zu welch unbequemen Beiträgen das eher als behäbig geltende deutsche Kino in der Lage war. Das schroffe Freiluft-Kammerspiel überzeugt durch Mut, Wut und staubige Western-Atmosphäre: Der Wind pfeift, der Sand knirscht, die Sitten sind rau; es wird geschändet, geschlagen und getäuscht. Auf eine explizite Darstellung grober Gewalttaten wurde zwar verzichtet, für damalige Verhältnisse allerdings war das Gebotene dennoch ein ziemlich harter Stoff. Bestimmt von Einsamkeit und Ausweglosigkeit und untermalt vom minimalistischen Kraut-Rock der deutschen Band 'Can', ist MÄDCHEN MIT GEWALT ein intelligenter Bastard aus Ausbeutung und Anspruch, von dem – neben seiner starken Botschaft - besonders zwei Erkenntnisse im Gedächtnis bleiben: Ende der 60er Jahre gingen die richtig harten Kerle in ihrer Freizeit Go-Kart-Fahren. Und das Anzünden von Autoreifen im freien Gelände kostete ein Bußgeld von 5 Mark. Es war nicht alles schlecht...

Laufzeit: 94 Min. / FSK: ab 16

Freitag, 4. September 2015

THE VISIT

[USA][2015]

Regie: M. Night Shyamalan
Darsteller: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Peter McRobbie, Deanna Dunagan, Kathryn Hahn, Benjamin Kanes, Erica Lynne Marszalek, Jon Douglas Rainey 

Der Besuch bei Oma und Opa kann für Kinder der Horror sein. Vom staubtrockenen Kuchengebäck bis zum obligatorischen "Du bist aber groß geworden!"-Wangenkniff sind der Schreckensskala nach oben hin kaum Grenzen gesetzt. Wie schlimm es aber tatsächlich werden kann, zeigt THE VISIT, ein kleiner, überaus gemeiner Schocker, in dem zwei jugendliche Geschwister erstmalig auf ihre Großeltern treffen und nach mehreren besorgniserregenden Begebenheiten schließlich anfangen müssen, um ihr Leben zu bangen.

Die 15jährige Becca [Olivia DeJonge] und ihr kleiner Bruder Tyler [Ed Oxenbould] fahren mit dem Zug aufs Land zur abgelegenen Farm ihrer Großeltern, um dort eine Woche Urlaub zu machen. Da ihre Mutter sich einst mit den etwas eigenbrötlerischen Sonderlingen zerstritt, begegnen sich die Generationen nun zum ersten Mal. Die beiden Alten entpuppen sich als ein zwar etwas tüdeliges, aber doch sehr freundliches Ehepaar. Lediglich die strengen Hausregeln überraschen die Kinder: Nach 21:30 Uhr darf das Zimmer nicht mehr verlassen werden. Als die Geschwister des nachts unheimliche Geräusche vernehmen, werden sie jedoch neugierig und schleichen durchs Haus. Dabei werden sie Zeuge, wie ihre Oma sich sehr merkwürdig verhält. Es bleibt nicht bei dem einen Zwischenfall. Auch mit ihrem Opa scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Nach und nach dämmert es den beiden Besuchern, dass sie schutzlos in der Falle sitzen.

THE VISIT ist vor allem eines: Die Rückkehr des Regisseurs M. Night Shyamalan, der 1999 mit THE SIXTH SENSE nicht nur einen Kassenfüller, sondern auch einen Meilenstein des Grusel-Thrillers schuf, dessen überraschende finale Wende die Mehrzahl der zuschauerlichen Kinnladen nach unten klappen lies. In den Folgejahren blieb er - trotz zunehmend nachlassendem Erfolg – Stil und Genre treu, bevor er sich mit DIE LEGENDE VON AANG und AFTER EARTH dem Fantasy- und Science-Fiction-Bereich zuwandte. Speziell letzterer war nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein künstlerisches Debakel, das durchaus die Macht gehabt hätte, den guten Ruf des einst gefeierten Wunderkindes endgültig zu ruinieren. Doch Shyamalan tat das einzig Richtige: Fern großer Studiogelder und zweifelhafter Einflüsse schrieb, produzierte und inszenierte er im Anschluss einen kleinen, unabhängigen Nervenkitzler mit deutlicher persönlicher Note und vollkommenem Verzicht auf Sensationen und Dicktuerei. Keine Stars, keine Effekte, kein Trachten nach Revolution - THE VISIT glänzt mit sympathischem Understatement und liefert eine unaufdringliche, klug durchdachte und gewitzt erzählte Schauergeschichte, deren unprätentiöses Gebaren sie gerade eben zu richtig großem Kino werden lässt.

Einer der Gründe, warum THE VISIT so fabelhaft funktioniert, ist der, dass Shyamalan das Publikum die Ereignisse aus arglosen Kinderaugen betrachten lässt – nämlich aus denen der 15jährigen Becca und ihres jüngeren Bruders Tyler, die beschlossen haben, den Besuch bei ihren Großeltern auf Video zu bannen. Dadurch, dass THE VISIT allein aus ihren Aufzeichnungen besteht, identifiziert man sich mit den beiden quasi von Anfang an – was auch nicht schwerfällt, wurden sie doch dermaßen liebenswert gezeichnet, dass man sie auf Anhieb ins Herz schließt. Der Ankunft bei ihren Verwandten, die zwar ihrem Alter entsprechend manchmal etwas sonderbar, aber nichtsdestotrotz großmütig erscheinen, und den ersten, noch fröhlichen Stunden, folgen bald erst nur ein paar, dann immer mehr seltsame Verhaltensweisen der beiden Senioren, die zunächst zwar alle noch irgendwie erklärbar sind, in der Summe jedoch ein ungutes Gefühl hinterlassen. Es ist diese geschickt eingesetzte Salamitaktik, die so grandios an der Spannungsschraube dreht: Die Merkwürdigkeiten mehren sich Stück für Stück, die Vorkommnisse werden immer rätselhafter, die Situation wirkt immer bedrohlicher. Und doch wird so manch unfassbar scheinende Begebenheit im nächsten Augenblick auf schlüssige und ziemlich banale Weise aufgelöst. Ebenso, wie die beiden jungen Hauptfiguren, beginnt auch der Zuschauer, sich zu fragen, ob hier tatsächlich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, oder ob man überreagiert und es letztendlich doch einen plausiblen Grund für all das gibt.

Diese Ungewissheit um die tatsächlichen Hintergründe, das häppchenweise Servieren von Erkenntnissen und das stetige Vor-die-Füße-Werfen von neuen Mysterien und unheimlichen Zwischenfällen erzeugen eine sagenhaft dichte Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Umso erstaunlicher ist es, dass THE VISIT gleichzeitig auch auf einer ganz anderen Ebene punkten kann: Mal abgesehen davon, dass die gesamte Story ohnehin bereits von rabenschwarzem Humor durchzogen ist, bietet das Schauerstück aller Gänsehaut zum Trotze dermaßen viel Typen- und Situationskomik, dass es am Ende mit mehr Lachern ins Ziel kommt, als so manche Komödie. Das liegt in erster Linie an den beiden Jugendlichen, die fantastisch miteinander harmonieren, sich auf reizende Art und Weise gegenseitig aufziehen und die schrägen Begebenheiten zum Teil wunderbar sarkastisch in den Sucher kommentieren. Und wenn der 13jährige Tyler zwischendurch mal beschließt, dass es angebracht wäre, in die Kamera zu rappen, dann wirkt das nicht etwa peinlich oder unpassend, sondern verleiht dem Ganzen eine Extra-Portion Charme und Herzlichkeit. Es ist verblüffend, wie unkompliziert und selbstverständlich es hier gelingt, waschechte Horror-Elemente mit warmherzigen bis brüllend komischen Humor-Einlagen zu kombinieren, ohne, dass sich etwas davon in irgendeiner Weise im Wege stehen würde.

Trotz des „Found-Footage“-Konzepts, also der seit BLAIR WITCH PROJECT beliebten Idee, angeblich „gefundene“ Videoaufzeichnungen statt einer als solchen erkennbaren Inszenierung zu präsentieren, wirkt THE VISIT sehr filmisch – was daran liegt, dass Shyamalan auch auf der Metaebene mit dem Thema spielt: Protagonistin Becca strebt eine Karriere als Regisseurin an und versucht daher, die Dokumentation ihres Besuches möglichst professionell zu arrangieren - ein großartiger Einfall, um die Vorteile des Found-Footage-Genres nutzen zu können (wie Nähe und Authentizität), ohne dabei auf Mehrwerte wie Bildgestaltung oder Kamerafahrten verzichten zu müssen. Und auch sonst werden die gebotenen Möglichkeiten bestmöglich ausgeschöpft. So bittet Becca im Laufe der Geschehnisse jeden der Beteiligten einmal für ein kurzes Interview vor die Kamera: ihre Mutter, ihren Bruder, ihre Oma und ihren Opa. Was relativ banal klingt, erweist sich als Geniestreich: In ihren Statements lassen sich die Personen in die Seelen blicken - und plötzlich fühlt man sich ihnen näher oder entfernter als jemals zuvor. Und als Becca schließlich selbst vor die Linse tritt, um sich den Fragen ihres Bruders zu stellen, wird das zu einem unerwartet bewegenden, fast magischen Moment, in dem man für kurze Zeit alles andere vollkommen vergisst.

Erneut erweist sich hier die Kleinheit THE VISITs als seine größte Stärke: Die nahezu unbekannten, aber hinreißend authentisch agierenden Darsteller (das Lob gilt besonders der jüngeren Generation) geben einem das Gefühl, gerade echten Persönlichkeiten beizuwohnen. Mit einem Bruce Willis, einem Mel Gibson, einem Mark Wahlberg wäre das schlichtweg nicht möglich gewesen. Statt großer Namen bietet THE VISIT bereits in den ersten fünf Minuten mehr Spannung, Witz und Raffinesse als manch hochbudgetierter Blockbuster. Eines der zumindest in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Markenzeichen Shyamalans, die überraschende Wendung am Schluss, gibt es freilich auch hier wieder. Sie ist nicht sensationell. Sie ist nicht noch niemals dagewesen. Sie wird die Welt nicht mehr in kollektives Erstaunen versetzen. Aber sie funktioniert. Und sie ist überaus effektiv. Nach AFTER EARTH ist THE VISIT wieder ein gehöriger Schritt zurück. Nach vorn. Zu den Wurzeln. Ein intelligentes Märchen mit Herz, Seele und Autorenkino-Flair. Sicherlich nicht der beste THE SIXTH SENSE-Nachfolger Shyamalans. Für seine Karriere aber gewiss mit Abstand der wichtigste. Ein kleines, feines Meisterstück, dessen Besuch sich mehr als lohnt.

Laufzeit: 94 Min. / FSK: ab 12