Dienstag, 2. August 2016

DER SCHLÄCHTER

[A SCREAM IN THE STREETS][USA][1973]

Regie: Carl Monson, Dwayne Avery, Harry H. Novak, Bethel Buckalew
Darsteller: Frank Bannon, John Kirkpatric, Rosie Stone, Brandy Lyman, Bobby Angelle, Con Covert


Ein Mörder in Frauenkleidern geht um und meuchelt unschuldige Frauen im Park. Zwei Polizeibeamte fahren durch die Gegend und plappern Stuss ohne Ende. Ein paar unansehnliche Personen fangen hin und wieder an zu pimpern und werden dabei von einem Spanner beobachtet. 

Was das alles miteinander zu tun hat? Nichts! Absolut gar nichts! Die absurde Aneinanderreihung alberner Abmurks-Anekdoten, schäbiger Beischlaf-Akrobatik und amerikanischem Kleinstadt-Pendant zur ruhrpott'schen Polizisten-Posse TOTO & HARRY sorgt in erster Linie für Langeweile und lange Gesichter. Offenbar hatte Pornofreund und Bumsparaden-Produzent Harry H. Novak noch ein paar übrig gebliebene Schnipsel seines letzten Libido-Lichtspiels auf dem versifften Schneideraum-Boden gefunden, als noch brauchbar genug dafür erachtet, mit ihnen ein paar Talerchen verdienen zu können, und sie - um die zahlreichen Minimalst-Handlungsstränge zumindest notdürftig miteinander zu verkitten - mit ein paar eilig nachgedrehten Szenen über zwei dösbaddelige Chaos-Cops angereichert, die die ganze Zeit ziellos durch die Gegend eiern, Kokolores quasseln und ansonsten irgendwie so gar keine sinnvolle Funktion erfüllen. Dass sich für dieses konfuse Kuddelmuddel sage und schreibe gleich fünf Regisseure verantwortlich zeigen, entkräftet den Verdacht der Resteverwertung nicht gerade.

Kenner abseitiger Kehricht-Kunst freilich ahnen bereits ab dem Vorspann, was sie in den kommenden Minuten erwarten wird: Wiederholungstäter Harry H. Novak war bekannt für seine handlungsentkernten Sexklamotten, produzierte und vertrieb in den 60er und 70er Jahren eine stolze Anzahl ähnlich gelagerter Spezialfälle, die mit wirrem Inhalt und nackten Tatsachen auf Kundenfang gingen. Nicht alles erreichte dabei auch deutsche Gefilde, aber Leinwand-Ergüsse wie LAILA – VAMPIR DER LUST oder SEXUALRAUSCH durften sich auch hiesige Koitus-Interessierte zu Gemüte führen. Oder eben DER SCHLÄCHTER, der jedoch (vermutlich) lediglich auf Video veröffentlicht wurde und dessen teutonische Vermarktung den Konsumenten in ziemlicher Dreistigkeit in die Irre führte. „Sein Hass gilt allen Frauen, seine ganze Liebe gilt der Axt“, trompetete das Cover und fügte verheißungsvoll hinzu: „Zerstückelt bei lebendigem Leib“. Schade nur, dass im gesamten Verlauf keine einzige Axt angerührt wird, und das einzige, was einem hier irgendwie zerstückelt vorkommt, die arg sprunghafte Ereignisfolge ist. Der verzweifelte Versuch, die ranzige Fick-Revue als blutrünstiges Schlitzer-Spektakel im FREITAG, DER 13.-Stil zu verkaufen, dürfte bei vielen Videofreunden zu einer herben Enttäuschung geführt haben. Dann anstatt saturierter Zeuge greulicher Meuchelmorde zu werden, sieht man hier nun plötzlich Leuten bei der Kopulation zu, denen man im realen Leben nicht mal mit der Kneifzange die Hand geben möchte.

Freunden filmischen Abfalls hingegen spielt DER SCHLÄCHTER höchst verdienstvoll in die ehrlosen Hände. Die cineastische Resterampe ist ein Paradebeispiel primitiv-lustiger Zeitverschwendung und sorgt in ihrer Absurdität mehr als einmal für enorme Heiterkeitsschübe. Nicht unerhebliches Gelächter erntet zum Beispiel die Szene, in der sich zwei Damen gerade miteinander vergnügen und währenddessen bemerken, dass sie dabei vom Fenster aus beobachtet werden. Was macht man in solch einem Fall? Schwer zu sagen! Die beiden Turteltauben jedenfalls gehen in die 69-Stellung und die eine ruft versteckt unter dem Arsch der anderen die Polizei an. Toller Trick, muss man sich merken! Dass an dieser Stelle nicht einmal versucht wurde, diese ansonsten abermals vollkommen überflüssige Episode mit dem Quasi-Haupthandlungsstrang (wenn man das denn tatsächlich so nennen möchte) der beiden  Schmalspur-Schutzmänner Ed und Bob zu verbinden, spricht Bände. Diese tingeln dafür in fast schon in anarchistischer Sinnbefreitheit durch die Straßen, verhaften ab und zu mal einen Ladenräuber oder versuchen einen Autoklau auf solch dilettantische Weise zu verhindern, dass sie dafür selbst von den Dieben ausgelacht werden. Dem titelgebenden „Schlächter“ begegnen sie am Ende dann einfach durch puren Zufall, ohne dass sie irgendetwas dafür getan hätten. Wer genau hinsieht, entdeckt bis dahin lauter bescheuerte Sachen. Exemplarisch genannt dafür sei an dieser Stelle der überfallene Ladenbesitzer, der zwar gerade mit der Waffe bedroht wird, dabei jedoch dermaßen verständnislos aus der Wäsche guckt, dass man sich ernsthaft Sorgen machen muss, ob ihm überhaupt bewusst ist, was um ihn herum eigentlich gerade passiert oder wo er sich befindet. 

Die Krone setzt dem Ganzen dann am Ende noch die deutsche Sprachfassung auf, die den Figuren fern irgendwelcher Synchronität am laufenden Meter dermaßen politisch unkorrekte Satzgefüge auf die Lippen kleistert, dass einem Hören und Sehen vergeht. Bei dem, was die beiden Gesetzeshüter Ed und Bob während ihrer Streifzüge an reaktionären Verbalentgleisungen ablassen, würde selbst „Dirty Harry“ der Speichel versiegen. „Wenn ich den Kerl erwische, zerlege ich ihn in 1000 Einzelteile“, verkündet der eine. „So einem gehört die Rübe ab. Mir würde es ein höllisches Vergnügen bereiten, diesen Kerl persönlich auf den elektrischen Stuhl zu schnallen. Aber die Brüder stecken ihn auf Staatskosten in ne Heilanstalt." „Man sollte kurzen Prozess mit ihnen machen", entgegnet der andere. „Der Meinung bin ich auch. So ein Schwein gehört weg! Aber unsere Gesetze sind viel zu human." - „Tja, unsere Gesetze sind nun mal so, was willst du machen?" - „Sie ändern - für solche minderwertigen Kreaturen."

So geht das in einem fort – und hat dabei nicht mal im Ansatz Ähnlichkeit mit dem Original. Doch auch abseits solcher Selbstjustizfantasien herrscht jede Menge politische Unkorrektheit. Da kommt ein Mann nach Hause und findet sein Eheweib in Tränen aufgelöst vor, da die Nachbarin ermordet wurde. Wie reagiert der alte Frauenversteher? „Warum weinst du? Ist dir das Essen verbrannt?" Da wird eine Nutte von ihrem perversen Freier windelweich geprügelt mit den Worten: „Wenn dich dein Vater damals nicht geschlagen hat, dann muss ich das jetzt übernehmen." Und als sie nach ihrer Rettung heulend in der Ecke liegt, herrscht der hinzugekommene Polizist sie an: „Hör auf zu flennen!“ Auch sehr schön, dass man einer der Protagonistinnen während ihres Schäferstündchens, das ihr eigentlich ziemlich offensichtlich einige Freude bereitet, völlig genervte Sätze in den Mund legte, so dass sie im Deutschen nun mit total zufriedenem Gesichtsausdruck Dinge sagt wie „Nun mach endlich!" oder „Hoffentlich ist es bald soweit!"

Den größten Vogel der deutschen Dialog-Diarrhöe aber schießt zweifelsfrei der mordende Transvestit ab, der ohne Punkt und Komma Dinge herunterzetert wie: "Du blöde Gans, du blöde! Ich hasse alle Weiber! Ihr seid alle billige Flittchen und Huren! Ich bringe euch alle um! Alle!" Und bleiben dessen Beweggründe im Original im Verborgenen, wartet er in der deutschen Version gegenüber seinem letzten Opfer mit einer sehr plausiblen Erklärung auf: „Ich hasse alle Frauen, und weißt du auch, warum? Weil meine Mutter mich jeden Tag geschlagen hat mit ihren blutverschmierten Händen und mich dann zu den halbierten Schweinen in den Kühlraum gesperrt hat." Das klingt doch schon wesentlich aufschlussreicher als das ständig wiederkehrende „I kill you!“ der originalen Version und kommt glaubwürdig vorgetragen bestimmt auch richtig gut als launiger Anmachspruch auf der nächsten Kellerparty.

Schlecht, schlechter, DER SCHLÄCHTER. Harry H. Novak präsentiert seinem geifernden Publikum einen schmierig-schmutzigen Cocktail aus billigen Rammel-Eskapaden, alibihaftem Krimi-Kappes und jeder Menge Mumpitz. Das ist zwar nichts, was man irgendwie mit Kunst verwechseln würde, aber Spaß machen kann das trotzdem. Wer will, der erlebt hier stümperhaftes Super-Schmuddelkino, auf das eine völlig hemmungslose Synchronisation geschraubt wurde. Auch sowas muss es geben!

Laufzeit: 87 Min. / FSK: ohne

Dienstag, 21. Juni 2016

SADOMONA - INSEL DER TEUFLISCHEN FRAUEN

[POLICE WOMEN][USA][1974]

Regie: Lee Frost
Darsteller: Sondra Currie, Tony Young, Phil Hoover, Jeannie Bell, Jennifer Brooks, William Smith
 


In den An(n)alen der Filmgeschichte gibt es Auswüchse, die muss man sich als Sympathisant tiefergelegter Abendunterhaltung schon allein aufgrund ihres Titels zu Gemüte führen. Wem bei einem lyrischen Auswurf wie SADOMONA – INSEL DER TEUFLISCHEN FRAUEN nicht das berühmte Wasser im Munde zusammenläuft, der muss schon eine ausgemachte Spaßbremse sein. Gut, einmal mehr hat man es hier mit einer vermutlich unter Alkoholeinfluss entstandenen Kreation des deutschen Anbieters zu tun und zugegebenermaßen klingt das originale POLICE WOMEN schon nicht mehr halb so herzerwärmend. Aber irgendwie steckte in der damaligen Taktik hiesiger Verleihfirmen ja auch eine charmant-offene Portion Ehrlichkeit: Warum sollte man, wenn man sich schon auf Kundenfang begibt, überhaupt verschleiern, dass man es mit auf Zelluloid gebannter Ramschware zu tun hat? Auf diese Weise greift man immerhin auf Anhieb das richtige Publikum ab: nimmermüde Trash-Junkies auf der Suche nach dem nächsten befreienden Schuss. Im Falle von SADOMONA (was immer das Wort überhaupt bedeuten soll) wird schon nach wenigen Minuten klar, dass eben dieser auch voll ins Schwarze trifft, denn das unverhohlene Billigprodukt, dessen Entstehung vermutlich mit einer feucht-fröhlichen Urlaubsreise verknüpft war, bedient zuverlässig alle Erwartungen an maximal sinnlosen Zeitvertreib und präsentiert ohne jede Scham ein launiges Sammelsurium kuriosester Momentaufnahmen.

Lacy Bond (vermutlich weder verwandt, noch verschwägert mit einem ungleich berühmteren Namensvetter) gehört zur Spezialeinheit der Polizei und ist dort – logisch! - eine der besten – nicht zuletzt aufgrund ihrer perfekten Karatekünste. Da sie so fleißig im Leutevermöbeln ist, bekommt sie einen halsbrecherischen Auftrag zugeschanzt, an dem schon viele ihrer Kollegen zuvor gescheitert sind: Auf dem idyllischen Eiland Catalina hat sich eine radikale Verbrecherorganisation formiert, gegen die James Bonds ewiger Kontrahent S.P.E.C.T.R.E. wie ein Haufen müder Waisenknaben wirkt. Diese besteht nämlich ausschließlich aus handverlesenen Bikinischönheiten, welche zudem noch angeführt werden von einer (geschätzt) 100 Jahre alten Dame, die aussieht wie die fleischgewordene Reinkarnation von Oma Knack. Besagte Madame führt dort ein strenges Regiment und hält sich zudem noch einen grenzdebilen, aber dafür umso treueren Liebessklaven, der seine Hanteln wohl nicht mal auf dem Donnerbalken aus der Hand nimmt. 


Obwohl die einzigen Verbrechen dieser 'teuflischen Frauen' aus Planschen im Pool und exzessivem Tennisspielen zu bestehen scheinen, muss sich Bond zwecks Zerschlagung des gefürchteten Kartells zunächst ein Mal einem Spezialtraining unterziehen. Nachdem sie der Schießbudenfigur gleich den ganzen Schädel weggeballert hat, tritt sie im Anschluss gegen einen (angeblich versierten) Karateprofi [William Smith] an. Zwar lässt sie sich zur Tarnung ein paar Mal auf die Bretter schicken, wendet dann aber den gefürchteten 'Blütenstil-mit-den-zwei-Knospen'-Trick an: Ein beherzter Tritt in die Familienjuwelen verwandelt ihr Gegenüber innerhalb weniger Sekunden in ein greinendes Schulmädchen. Auf diese Weise bestens vorbereitet für schwerere Aufgaben geht es dann auch umgehend an die Beschattung einer Verdächtigen. Doch Miss Bond ist zu ungestüm: Als die Beobachtete in ihrem Wagen zu fliehen versucht, fackelt die Top-Polizistin nicht lange und entert das nächstbeste Polizeiauto. Die daraus resultierende Verfolgungsjagd endet dann allerdings mit dem Flammentod der Beschatteten, welche dann wiederum sogar ziemlich lange fackelt.

Nachdem sich Bond erfolgreich aus diesem Malheur herausgeredet hat, darf sie mit ihrem Kollegen und gleichzeitig neuer Flamme (denn schließlich darf auch die gute, alte Liebe nicht zu kurz kommen) bezahlten Urlaub auf Catalina machen. So zumindest sieht es aus, denn obwohl sie ja eigentlich dort sind, um die verbrecherische Organisation hochzunehmen, lümmeln sie sich eigentlich die ganze Zeit auf Staatskosten am Strand, reiten zu kitschiger Musik in den Sonnenuntergang und schnackseln, bis der Arzt kommt. Gerade noch rechtzeitig fällt ihnen ein, dass sie ja außerdem auch noch einen Auftrag zu erledigen haben. Als sie eines der Boote der Bikini-Brigade kapern möchten, kommt Bonds Herzblatt auf die dumme Idee, voran zu gehen, und bekommt - kaum einen Fuß aufs gegnerische Deck gesetzt – erst Mal schön einen Paddel in die Schnauze. Und dann noch einen. Und noch einen. Das geht so weiter, bis Bondchen sich ihrer Kampfkünste besinnt, um ihren Liebsten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Diesem allerdings hat die Paddelattacke dermaßen zugesetzt, dass er postwendend ins Krankenhaus muss. Nun auf sich allein gestellt kennt die knallharte Karatelady kein Halten mehr und beginnt eine gnadenlose Aufräumaktion, bei der kein Stein auf dem anderen und kein Auge trocken bleibt.

Es hätte ohnehin keinen Sinn, es zu leugnen: SADOMONA ist ein von vorn bis hinten gnadenlos bescheuerter Nonsens, der jedem in solch untiefen Gefilden weniger bewanderten Kritiker eine recht langanhaltende Schnappatmung bescheren würde. Gottlob besitzt das Team um Regisseur Lee Frost [→ BLACK GESTAPO] auch nicht mal im Ansatz die Intention, diesen Umstand irgendwie zu leugnen und liefert stattdessen viel lieber einen Orkan der guten Laune ab, der seine auffallend kosteneffiziente Entstehung zur Tugend macht und zur Kompensierung ein wahres Feuerwerk unbekümmerter Verrücktheiten abbrennt. Keine Idee schien zu infantil, kein Dialog zu deppert, keine Situation zu schwachsinnig, um nicht doch irgendwie vorkommen zu dürfen. Das alles ist trotz eklatantem Mangel an Mitteln und Talent mit derart eifrigem Elan in Szene gesetzt, dass die Begeisterung an der Sache höchstgradig ansteckend ist. So verzeiht man die subterranen Leistungen der Darsteller nicht nur, man erwartet sie geradezu, fügt sich die dargebotene Schmierenkomödie doch fast schon perfekt in das groteske Gesamtbild ein. In Erinnerung bleibt dabei vor allem die pythonesk anmutende Szene, in welcher sich Hauptfigur Lacy Bond noch am Ort des Geschehens für den Flammentod der von ihr ins Visier genommenen Verdächtigen rechtfertigen muss. Ein beknackter Dialog jagt den nächsten, während die Helfer im Hintergrund noch die Leichenteile davontragen. Ganz, ganz großes Kino!

Garniert wird das Ganze mit einer Handvoll Actionsequenzen, die freilich ebenfalls allesamt denkbar unbeholfen daherkommen. So funktionieren Lacy Bonds Karatekünste natürlich nur dann, wenn sich ihre Gegner auch alle brav so hinstellen, dass Lacy sie in Ruhe treten kann. Und da der Mann am Schnittpult vom Schneiden ungefähr genauso viel Ahnung hat wie Bond-Darstellerin Sondra Currie [→ HANGOVER] von korrektem Karate, fällt das auch umgehend ins Auge. Überaus erheiternd ist in diesem Zusammenhang auch der Auftritt von William Smith, der später Conans Vater in dem Schwarzenegger-Vehikel CONAN, DER BARBAR geben durfte, hier jedoch als Bonds Gegner einen abgeschmackten Karatekämpfer verkörpert, der aussieht wie Kommissar Schimanski auf LSD und sich nach wenigen Minuten verzweifelter Choreographieversuche theatralisch zu Boden werfen darf. Lediglich das Finale, das wie eine frühe Version der Lastwagen-Kaper-Szene aus JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES wirkt, lässt zumindest ein wenig mehr Aufwand und Professionalität erkennen. Dass sich Spielberg und Lucas hier inspirieren ließen, darf dennoch gut und gern bezweifelt werden. 

SADOMONA ist ein B-Film wie aus dem Bilderbuch. An jeder Ecke lauert eine eine neue Unglaublichkeit, ein weiterer unerwarteter Nackenschlag gegen die Regeln des normierten Erzählens. Komik gibt es reichlich, nicht nur unfreiwillige. Exemplarisch genannt sei hier die Szene mit dem armen Mann, dessen einzige Aufgabe es offenbar ist, tagein, tagaus auf den Überwachungsmonitor zu starren, welcher nie mehr als das geschlossene Eingangstor zeigt. Als sich selbiges eines Tages dann doch tatsächlich mal auftut, hyperventiliert der gute Knabe fast, kommt er mit dem Zählen der herein rollenden Autos doch gar nicht mehr nach. Der Humor stimmt, die Frauen sind attraktiv (zumindest die unter 80jährigen), alles andere ist auf wunderbar charmante Art und Weise grottig. Für Anspruchsflüchtlinge ist die Insel der teuflischen Frauen definitiv einen Urlaub wert. 

Laufzeit: 95 Min. / FSK: ab 18

Freitag, 4. März 2016

FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR

[SONORA][ITA/SPA][1968]

Regie: Alfonso Alcázar
Darsteller: George Martin, Jack Elam, Gilbert Roland, Antonio Monselesan, Rosalba Neri, Donatella Turi
 

„Weißt du, warum man ihn Callado nennt? Weil er schweigt. Er wartet, schweigt und tötet dich wortlos.“
 
Revolverheld Sartana [George Martin] dürstet es nach Rache. Das hat auch einen Grund: Seine geliebte Frau wurde geschändet und ermordet. Aus dem einst fröhlichen Gesellen ist ein in Schwarz gekleideter Einzelgänger geworden, der sich seinen Weg zum Verantwortlichen für die Misere wortkarg, aber treffsicher freischießt. Seine Zielperson ist der skrupellose Bandit Slim [Jack Elam], der sich noch einen weiteren Mann zum Todfeind gemacht hat: den Mexikaner José [Antonio Monselesan], der nach einem erfolgreichen Bankraub von Slim bleireich abserviert wurde. Doch Sartanas Weg kreuzt nicht nur den von José, sondern auch den des undurchsichtigen Kirchner [Gilbert Roland], den er erst vor dem Tode bewahrt, bevor er merkt, dass dieser sich seine Brötchen als Slims Leibwächter verdient. Die explosive Konstellation steuert auf ein explosives Finale zu, das keine Gefangenen macht. 

FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR entstand in jener Phase des Italo-Westerns, in der sich die Leinwände vor einsilbigen Revolverschwingern kaum retten konnten. Zu Beginn allerdings wähnt man sich buchstäblich im falschen Film, wenn die Ereignisse mit einer eher albern anmutenden und von nervtötendem Gedudel unterlegte Saloon-Schlägerei beginnen, in welcher der Held eifrig seine Fäuste schwingt und auch selbst einiges abbekommt, bevor ein holdes Mägdelein in Zeitlupe auf ihn zugehoppelt kommt, um mit ihm im Anschluss zu zärtlicher Kitschkotzmusik durch die Wälder zu toben. Aber der Schock ist schnell überwunden; nur ein paar Minütchen später geht alles seinen gewohnten Gang. Denn der sentimentale Einstieg hatte natürlich seinen Grund: die gute alte Rache. Nach einem brutalen Zeitsprung und einer nicht lang auf sich warten lassenden Rückblende wird klar: Des Helden Weib, das eben noch so ausgelassen in der Gegend herumsprang, musste mal wieder ins Gras beißen. Und vergewaltigt wurde es auch noch (freilich: vorher). Das war schon immer Grund genug, den Lauf zu entstauben und sich auf die Jagd zu begeben. Woher der Held eigentlich weiß, wem genau er sein Witwerdasein verdankt, obwohl er bei der Tat gar nicht anwesend war, ist dabei unersichtlich und auch nicht sonderlich relevant. Der Held macht einfach, was der Held machen muss. Und wer einfach nur untätig danebenstand, hat den Tod nicht minder verdient. „Du warst dabei und das reicht mir“, sagt der Held zu dem bedauernswerten Schergen, bevor er ihm das Licht auspustet.

Mit dem eigentlichen Täter jedoch wird, wie sich das gehört, erst ganz am Ende abgerechnet. Der hört auf den Namen Sartana – zumindest in Deutschland, denn im Original nennt er sich Slim (was auch gar nicht weiter auffallen würde, schöbe der Held nicht in einer Szene gut sichtbar dessen Steckbrief ins Bild, auf dem überdeutlich der Name Slim zu lesen ist). Und um noch weiter zu verwirren, ist Sartana im Original eigentlich der Name des Helden. Dieser wiederum heißt im Deutschen Callado - der Schweigsame. Wieso, weshalb, warum...? Man weiß es nicht. Bleibt noch anzumerken, dass dieser Sartana hier nicht identisch ist mit der Titelfigur der SARTANA-Reihe, in welcher Gianni Garko im Auftrag der Gerechtigkeit Blei verspritzte. Dieser Sartana trägt stattdessen die Züge von Western-Veteran George Martin, der sich nicht nur wie Clint Eastwood benimmt, sondern auch so klingt (zumindest in der deutschen Fassung). Doch Sartana/Callado ist nicht der Einzige, der Rachegelüste mit sich herumträgt: Der Mexikaner José will dem Banditen ebenfalls ans Leder, nachdem er sich nach einem Bankraub dessen Kugel eingefangen hat. Und mittendrin befindet sich noch der undurchsichtige Kirchner, ein einstiger Kumpel Sartanas/Callados, der nun Slims Leibwächter ist und seinen Gegnern netterweise noch Särge empfehlen lässt, bevor er ihnen den Garaus macht.

Keine Frage: Regisseur Alfonso Balcázar [→ DIE TODESMINEN VON CANYON CITY] präsentiert hier nicht mehr als allseits bekannte Versatzstücke. FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR ist ein kostengünstig produziertes Fließbandprodukt, dessen Schauplätze fast ausschließlich aus der üblichen Felsenlandschaft und dem abgerockten Wildwestkaff bestehen. Die Landschaften sind karg, die Wortmenge ist es ebenfalls, dazu viel Schuss- und Schlaggetümmel, einmal umgerührt und fertig ist der Lack. Das kennt man, das erwartet man. Sonderlich spannend ist das nicht, aber auch nicht völlig unsinnig. Denn Genrefans bekommen in der Regel nie genug von eben diesen Mätzchen und handwerkliches Geschick (wenn auch nur ein routiniertes) kann man SONORA (Originaltitel) nicht absprechen – auch, wenn man sich solch innovative Einstellungen wie in dem Moment, als ein vom Dach geschossener Fiesling mit dem Gesicht voran auf die Kamera zufliegt, noch etwas häufiger gewünscht hätte. Auch der Inhalt geriet weitestgehend überraschungsfrei: Der Held schießt schneller als seine Kontrahenten ziehen können, der Held wird kurz vor Schluss gefoltert, der Held triumphiert am Ende - das Übliche eben. Die Nebenhandlung um Bankräuber José, der ebenfalls noch ein Hühnchen mit dem Antagonisten zu rupfen hat, dient zudem allzu offensichtlich in erster Linie dem Zweck, die spartanische Handlung auf die notwendigen 90 Minuten zu strecken und ist im Grunde gar nicht weiter von Belang. Dennoch kann die ihrem deutschen Titel alle Ehre machende Pferdeoper angenehm unterhalten, gelegentlicher Leerlauf wird von Pulverdampf und Explosionsradau bestmöglich übertüncht.

George Martin [→ DREI TOLLE KERLE], der eigentlich Francisco Martinez Celeiro heißt und in Barcelona das Licht der Welt erblickte, erfüllt in der Rolle des schweigsamen Rächers seinen Zweck, wenn auch keine mimischen Meisterleistungen zu bestaunen sind – aber warum sollte man die hier auch erwarten? Seine DJANGO-/Eastwood-Imitation geriet sehr brauchbar, wenn ihm das Charisma der wirklich großen Westernhelden auch zweifelsfrei abgeht. Als seinen Widersacher sieht man Jack Elam [→ SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD], der alle geforderten Banditen-Klischees pflichtbewusst erfüllt: schielend, grobschlächtig, feige und alles andere als gewitzt – eine zwar nicht schillernde, aber angenehm hassenswerte Schurkenfigur, der man die Kugel am liebsten höchstpersönlich in die Stirn treiben würde. Ihm zur Seite steht Gilbert Roland [→ DAS GOLD VON SAM COOPER] als dessen Leibwächter Kirchner, den man bis zum Schluss nicht wirklich einordnen kann und der die Ambivalenz seines Charakters sehr gut rüberbringt. Antonio Monselesan [→ DICKE LUFT IN SACRAMENTO], der nebenbei auch als Boxtrainer arbeitete, bleibt als Mexikaner José hingegen kaum im Gedächtnis. Noch undankbarer hat es jedoch Rosalba Neri [→ DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL] erwischt, die sich hier mit einer winzigen Nebenrolle begnügen darf. Ihr Aufstieg zu einer Art Ikone des italienischen Erotik- und Krimikinos begann dann erst in den 70er Jahren.

Die hiesige Version geriet erneut nicht ganz so nihilistisch wie das Original und gefällt in den Dialogen durch einen eher lässigen Tonfall („Es wird nur Bumms machen und dann spielst du Vögelchen.“), wie es damals nicht unüblich war. Doch das schadet nicht. FÜR EIN PAAR LEICHEN MEHR bleibt dennoch ein wenn schon nicht unbedingt originelles, so doch überdurchschnittliches Genre-Werk, das vielleicht keine neuen Fans gewinnt, aber bereits infizierte Italo-Western-Jünger zuverlässig bedient. 

Laufzeit: 92 Min. / FSK: ab 16

Donnerstag, 3. März 2016

MÄDCHEN MIT GEWALT

[BRD][1970]
 
Regie: Roger Fritz
Darsteller: Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Helga Anders, Monika Zinnenberg, Astrid Boner, Elga Sorbas, Rolf Zacher, Henry van Lyck

„Es bleibt einem auch nichts erspart im Zeitalter der Emanzipation.“

Mike [Arthur Brauss] und Werner [Klaus Löwitsch] sind Kollegen – nicht nur auf der Arbeit, sondern auch bei ihrem Hobby: Sie jagen Frauen. Die testosterongeschwängerten Taugenichtse lassen keine Gelegenheit aus, dem schönen Geschlecht auf die Pelle zu rücken. Als sie eines Tages auf der Go-Kart-Bahn eine Gruppe von Studenten kennenlernen, kommt es bald zu Handgreiflichkeiten. Doch die junge Studentin Alice [Helga Anders] geht schlichtend dazwischen. Für Mike und Werner ist nun klar: Alice wird ihr nächstes Opfer. Da passt es gerade recht, dass die jungen Leute sich zum Baden verabredet haben. Durch einen Trick gelingt es den beiden, Alice vom Rest der Gruppe zu trennen und mit ihr an einen einsamen See mitten in einer abgelegenen Kiesgrube zu fahren. Zunächst ist alles noch ganz zwanglos: Man führt lockere Gespräche und Alice erfrischt sich beim fröhlichen Nacktbad. Aber schon bald beginnt das unbekümmerte Mädchen sich zu wundern, wo ihre Freunde bleiben, die doch eigentlich nachkommen sollten. „Sie kommen nicht“, erklärt Mike ihr schließlich. Erst jetzt wird Alice bewusst, dass sie den Männern schutzlos ausgeliefert ist. Die Nacht bricht an - und Mike und Werner beginnen ein perfides Spiel.

Roger Fritz führte nur selten Regie. Den gelernten Baustoffingenieur kennt man, wenn überhaupt, dann in erster Linie als Darsteller (beispielsweise aus Sam Peckinpahs STEINER – DAS EISERNE KREUZ). Eine seine wenigen Arbeiten hinter der Kamera ist der nihilistisch gefärbte Kiesgruben-Krimi MÄDCHEN MIT GEWALT, der nach seiner gekürzten Kinoauswertung 1970 quasi jahrzehntelang von der Bildfläche verschwunden war, davor ihn der engagierte DVD-Anbieter 'Subkultur Entertainment' gut 45 Jahre später wieder der Öffentlichkeit zugänglich machte. Was sich hinter dem zunächst etwas kryptisch anmutenden Titel verbirgt, erläutert einem der Trailer: „Tu, was dir gefällt! Lass dir nichts gefallen! Nimm dir, was du willst – ohne Rücksicht! Nimm dir ein Mädchen mit Gewalt!“ heißt es da in nur wenig kuscheligem Tonfall, und diese Philosophie scheinen die beiden Hauptprotagonisten bereits mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben. Klaus Löwitsch und Arthur Brauss verkörpern zwei schmierige Herumtreiber mit ungebändigter Libido, die jedem Rock hinterhersteigen und sich das, was sie begehren, zur Not mit Zwang besorgen. Schon in der Eröffnungssequenz wird man Zeuge, wie sich eine junge Frau verschämt und unter den triumphierenden Blicken der beiden Schürzenjäger wieder ankleidet, bevor sie von ihnen am Straßenrand abgesetzt wird. Während ihr jüngstes Opfer eingeschüchtert den Heimweg antritt, brechen die Männer in höhnisches Gelächter aus. Bereits hier ist klar: Werner und Mike sind wahrlich keine Engel.

Doch Aufmachung und Marketing führen in die Irre: Gebärdet sich MÄDCHEN MIT GEWALT zu Beginn noch wie ein plumper Reißer mit viel nackter Haut und Misogynie, so entpuppt sich das rüde Radaustück bald als zornige Zurschaustellung gesellschaftlicher Missstände. Die junge Alice (verkörpert von der damals 21jährigen Helga Anders) wird von den Männern getäuscht, in die Einöde verschleppt und schließlich vergewaltigt. Als sie am nächsten Tag damit droht, zur Polizei zu gehen, kommt es zum wohl eindringlichsten Moment des Films: Mike verdeutlicht ihr auf ebenso nüchterne wie furchteinflößende Art und Weise, was geschehen würde, sollte sie tatsächlich Anzeige erstatten. Er beschreibt die erniedrigende Prozedur des Polizeiverhörs, das bohrende Nachfragen der Beamten nach intimen Details und die nervenzehrende Gerichtsverhandlung, in welcher der Staatsanwalt versuchen wird, sie unglaubwürdig zu machen, behaupten wird, sie hätte die Tat selbst provoziert.

„Es macht ihnen Spaß, dich auszuquetschen. Es macht ihnen Spaß, ein hübsches Mädchen nach den intimsten Dingen zu fragen. […] Am liebsten würden sie dich auf den Tisch legen, dich ausziehen und untersuchen, einer nach dem anderen - aber leider dürfen die das nicht.“

Das geschieht so kaltherzig und ist zugleich doch so voller Wahrheit, dass es einem in die Glieder fährt. Angesichts der Tatsache, dass MÄDCHEN MIT GEWALT zu einer Zeit entstanden ist, in der noch das allgemeine Vorurteil herrschte, die Frau treffe bei einer Vergewaltigung auch immer eine Teilschuld, ist das ein überaus effektives Plädoyer gegen die Diskriminierung des Individuums. So steckt in der effektheischenden Verpackung am Ende ein unerwartet feministisches Werk, das seine Rezipienten, ursprünglich selbst durch Schaulust und niedere Instinkte angelockt, ins offene Messer laufen lässt.

Roger Fritz' Regie ist dabei weder besonders ausgefeilt, noch von bahnbrechender Eleganz, doch stets geprägt von einem Gespür für ausdrucksstarke Bilder und Stimmungen. Bisweilen wirkt MÄDCHEN MIT GEWALT – nach seinem recht rasanten Großstadt-Prolog, der die Hauptprotagonisten bei der provokanten Balz zeigt - gar wie ein klassischer Endzeitfilm, und das nicht nur wegen des genretypischen Kiesgruben-Schauplatzes: Eine Zeit lang scheinen Mike, Werner und Alice tatsächlich die letzten Menschen auf der Welt zu sein, unter freiem Himmel zwar, aber dennoch gefangen in sich selbst. Denn anstatt das Martyrium der jungen Frau einfach zu beenden und zurück in die Stadt zu fahren, richten Mike und Werner ihre Aggressionen bald gegen sich selbst. Die traumatisierte Alice wird zur ohnmächtigen Zeugin eines Psychoduells zweier ehemaliger Freunde, das schließlich mit roher Gewalt ausgetragen wird. Speziell Klaus Löwitschs Werner erweist sich dabei als charakterliches Chamäleon, das seine Gesinnung fast im Minutentakt wechselt, hin- und hergerissen zwischen sexuellem Trieb und sensiblem Trachten nach menschlicher Wärme. Denn tatsächlich – so wird bald klar - wünscht er sich trotz aller Grobschlächtigkeit am Ende doch nur eines: die Liebe einer Frau. Die Fähigkeit, eine gesunde Beziehung zu führen, geht ihm freilich völlig ab, was Alice in einer Szene auf den Punkt bringt:

„Vielleicht kannst du nur mit Gewalt. Ein Freund aus meinem Semester hat mit erzählt, dass es Männer geben soll, die können einfach nicht anders.“

Ein derart minimalistisch angelegtes Szenario steht und fällt natürlich mit seinen Hauptdarstellern. In diesem Falle wurde durchgehend eine gute Wahl getroffen. Arthur Brauss' [→ PERRAK] Leistung als zynischer Drecksack geriet sogar so überzeugend, dass er dafür mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet werden sollte. Als man jedoch bemerkte, dass er in der hiesigen Fassung des ursprünglich auf Englisch gedrehten Films nicht mit seiner eigenen Stimme zu hören war, wurde die Verleihung zurückgezogen und sein Partner Klaus Löwitsch [→ DIE AKTE ODESSA] erhielt stattdessen den Preis. Diese etwas zweifelhafte Aktion macht die Auszeichnung zwar etwas beliebig, aber tatsächlich nimmt sich keine der beiden Parteien etwas. Sowohl Brauss als auch Löwitsch agieren wunderbar grob und ungeschliffen und hinterlassen so einen sehr authentischen Eindruck. Helga Anders [→ DAS RASTHAUS DER GRAUSAMEN PUPPEN] wirkt als Alice zwar bisweilen irritierend teilnahmslos (was durchaus auch Kalkül sein könnte), dennoch gelingt auch ihr die gelungene Darstellung einer erniedrigten Frau, die sich schließlich desillusioniert mit ihrer Opferrolle abfindet. In einer kleinen Rolle sieht man zu Beginn auch noch Rolf Zacher [→ DAS SIEBENTE OPFER], der als pazifistisch angehauchter Student den intellektuellen Gegenpol zu den kommenden Grausamkeiten bildet.

Auch, wenn die anfängliche Spannung nicht ganz bis zum Ende gehalten werden kann und die finale Konfrontation in ihren Beweggründen nicht immer vollends nachvollziehbar bleibt, ist MÄDCHEN MIT GEWALT eine überaus lohnende Ausgrabung, die beweist, zu welch unbequemen Beiträgen das eher als behäbig geltende deutsche Kino in der Lage war. Das schroffe Freiluft-Kammerspiel überzeugt durch Mut, Wut und staubige Western-Atmosphäre: Der Wind pfeift, der Sand knirscht, die Sitten sind rau; es wird geschändet, geschlagen und getäuscht. Auf eine explizite Darstellung grober Gewalttaten wurde zwar verzichtet, für damalige Verhältnisse allerdings war das Gebotene dennoch ein ziemlich harter Stoff. Bestimmt von Einsamkeit und Ausweglosigkeit und untermalt vom minimalistischen Kraut-Rock der deutschen Band 'Can', ist MÄDCHEN MIT GEWALT ein intelligenter Bastard aus Ausbeutung und Anspruch, von dem – neben seiner starken Botschaft - besonders zwei Erkenntnisse im Gedächtnis bleiben: Ende der 60er Jahre gingen die richtig harten Kerle in ihrer Freizeit Go-Kart-Fahren. Und das Anzünden von Autoreifen im freien Gelände kostete ein Bußgeld von 5 Mark. Es war nicht alles schlecht...

Laufzeit: 94 Min. / FSK: ab 16

Freitag, 4. September 2015

THE VISIT

[USA][2015]

Regie: M. Night Shyamalan
Darsteller: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Peter McRobbie, Deanna Dunagan, Kathryn Hahn, Benjamin Kanes, Erica Lynne Marszalek, Jon Douglas Rainey 

Der Besuch bei Oma und Opa kann für Kinder der Horror sein. Vom staubtrockenen Kuchengebäck bis zum obligatorischen "Du bist aber groß geworden!"-Wangenkniff sind der Schreckensskala nach oben hin kaum Grenzen gesetzt. Wie schlimm es aber tatsächlich werden kann, zeigt THE VISIT, ein kleiner, überaus gemeiner Schocker, in dem zwei jugendliche Geschwister erstmalig auf ihre Großeltern treffen und nach mehreren besorgniserregenden Begebenheiten schließlich anfangen müssen, um ihr Leben zu bangen.

Die 15jährige Becca [Olivia DeJonge] und ihr kleiner Bruder Tyler [Ed Oxenbould] fahren mit dem Zug aufs Land zur abgelegenen Farm ihrer Großeltern, um dort eine Woche Urlaub zu machen. Da ihre Mutter sich einst mit den etwas eigenbrötlerischen Sonderlingen zerstritt, begegnen sich die Generationen nun zum ersten Mal. Die beiden Alten entpuppen sich als ein zwar etwas tüdeliges, aber doch sehr freundliches Ehepaar. Lediglich die strengen Hausregeln überraschen die Kinder: Nach 21:30 Uhr darf das Zimmer nicht mehr verlassen werden. Als die Geschwister des nachts unheimliche Geräusche vernehmen, werden sie jedoch neugierig und schleichen durchs Haus. Dabei werden sie Zeuge, wie ihre Oma sich sehr merkwürdig verhält. Es bleibt nicht bei dem einen Zwischenfall. Auch mit ihrem Opa scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Nach und nach dämmert es den beiden Besuchern, dass sie schutzlos in der Falle sitzen.

THE VISIT ist vor allem eines: Die Rückkehr des Regisseurs M. Night Shyamalan, der 1999 mit THE SIXTH SENSE nicht nur einen Kassenfüller, sondern auch einen Meilenstein des Grusel-Thrillers schuf, dessen überraschende finale Wende die Mehrzahl der zuschauerlichen Kinnladen nach unten klappen lies. In den Folgejahren blieb er - trotz zunehmend nachlassendem Erfolg – Stil und Genre treu, bevor er sich mit DIE LEGENDE VON AANG und AFTER EARTH dem Fantasy- und Science-Fiction-Bereich zuwandte. Speziell letzterer war nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein künstlerisches Debakel, das durchaus die Macht gehabt hätte, den guten Ruf des einst gefeierten Wunderkindes endgültig zu ruinieren. Doch Shyamalan tat das einzig Richtige: Fern großer Studiogelder und zweifelhafter Einflüsse schrieb, produzierte und inszenierte er im Anschluss einen kleinen, unabhängigen Nervenkitzler mit deutlicher persönlicher Note und vollkommenem Verzicht auf Sensationen und Dicktuerei. Keine Stars, keine Effekte, kein Trachten nach Revolution - THE VISIT glänzt mit sympathischem Understatement und liefert eine unaufdringliche, klug durchdachte und gewitzt erzählte Schauergeschichte, deren unprätentiöses Gebaren sie gerade eben zu richtig großem Kino werden lässt.

Einer der Gründe, warum THE VISIT so fabelhaft funktioniert, ist der, dass Shyamalan das Publikum die Ereignisse aus arglosen Kinderaugen betrachten lässt – nämlich aus denen der 15jährigen Becca und ihres jüngeren Bruders Tyler, die beschlossen haben, den Besuch bei ihren Großeltern auf Video zu bannen. Dadurch, dass THE VISIT allein aus ihren Aufzeichnungen besteht, identifiziert man sich mit den beiden quasi von Anfang an – was auch nicht schwerfällt, wurden sie doch dermaßen liebenswert gezeichnet, dass man sie auf Anhieb ins Herz schließt. Der Ankunft bei ihren Verwandten, die zwar ihrem Alter entsprechend manchmal etwas sonderbar, aber nichtsdestotrotz großmütig erscheinen, und den ersten, noch fröhlichen Stunden, folgen bald erst nur ein paar, dann immer mehr seltsame Verhaltensweisen der beiden Senioren, die zunächst zwar alle noch irgendwie erklärbar sind, in der Summe jedoch ein ungutes Gefühl hinterlassen. Es ist diese geschickt eingesetzte Salamitaktik, die so grandios an der Spannungsschraube dreht: Die Merkwürdigkeiten mehren sich Stück für Stück, die Vorkommnisse werden immer rätselhafter, die Situation wirkt immer bedrohlicher. Und doch wird so manch unfassbar scheinende Begebenheit im nächsten Augenblick auf schlüssige und ziemlich banale Weise aufgelöst. Ebenso, wie die beiden jungen Hauptfiguren, beginnt auch der Zuschauer, sich zu fragen, ob hier tatsächlich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, oder ob man überreagiert und es letztendlich doch einen plausiblen Grund für all das gibt.

Diese Ungewissheit um die tatsächlichen Hintergründe, das häppchenweise Servieren von Erkenntnissen und das stetige Vor-die-Füße-Werfen von neuen Mysterien und unheimlichen Zwischenfällen erzeugen eine sagenhaft dichte Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Umso erstaunlicher ist es, dass THE VISIT gleichzeitig auch auf einer ganz anderen Ebene punkten kann: Mal abgesehen davon, dass die gesamte Story ohnehin bereits von rabenschwarzem Humor durchzogen ist, bietet das Schauerstück aller Gänsehaut zum Trotze dermaßen viel Typen- und Situationskomik, dass es am Ende mit mehr Lachern ins Ziel kommt, als so manche Komödie. Das liegt in erster Linie an den beiden Jugendlichen, die fantastisch miteinander harmonieren, sich auf reizende Art und Weise gegenseitig aufziehen und die schrägen Begebenheiten zum Teil wunderbar sarkastisch in den Sucher kommentieren. Und wenn der 13jährige Tyler zwischendurch mal beschließt, dass es angebracht wäre, in die Kamera zu rappen, dann wirkt das nicht etwa peinlich oder unpassend, sondern verleiht dem Ganzen eine Extra-Portion Charme und Herzlichkeit. Es ist verblüffend, wie unkompliziert und selbstverständlich es hier gelingt, waschechte Horror-Elemente mit warmherzigen bis brüllend komischen Humor-Einlagen zu kombinieren, ohne, dass sich etwas davon in irgendeiner Weise im Wege stehen würde.

Trotz des „Found-Footage“-Konzepts, also der seit BLAIR WITCH PROJECT beliebten Idee, angeblich „gefundene“ Videoaufzeichnungen statt einer als solchen erkennbaren Inszenierung zu präsentieren, wirkt THE VISIT sehr filmisch – was daran liegt, dass Shyamalan auch auf der Metaebene mit dem Thema spielt: Protagonistin Becca strebt eine Karriere als Regisseurin an und versucht daher, die Dokumentation ihres Besuches möglichst professionell zu arrangieren - ein großartiger Einfall, um die Vorteile des Found-Footage-Genres nutzen zu können (wie Nähe und Authentizität), ohne dabei auf Mehrwerte wie Bildgestaltung oder Kamerafahrten verzichten zu müssen. Und auch sonst werden die gebotenen Möglichkeiten bestmöglich ausgeschöpft. So bittet Becca im Laufe der Geschehnisse jeden der Beteiligten einmal für ein kurzes Interview vor die Kamera: ihre Mutter, ihren Bruder, ihre Oma und ihren Opa. Was relativ banal klingt, erweist sich als Geniestreich: In ihren Statements lassen sich die Personen in die Seelen blicken - und plötzlich fühlt man sich ihnen näher oder entfernter als jemals zuvor. Und als Becca schließlich selbst vor die Linse tritt, um sich den Fragen ihres Bruders zu stellen, wird das zu einem unerwartet bewegenden, fast magischen Moment, in dem man für kurze Zeit alles andere vollkommen vergisst.

Erneut erweist sich hier die Kleinheit THE VISITs als seine größte Stärke: Die nahezu unbekannten, aber hinreißend authentisch agierenden Darsteller (das Lob gilt besonders der jüngeren Generation) geben einem das Gefühl, gerade echten Persönlichkeiten beizuwohnen. Mit einem Bruce Willis, einem Mel Gibson, einem Mark Wahlberg wäre das schlichtweg nicht möglich gewesen. Statt großer Namen bietet THE VISIT bereits in den ersten fünf Minuten mehr Spannung, Witz und Raffinesse als manch hochbudgetierter Blockbuster. Eines der zumindest in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Markenzeichen Shyamalans, die überraschende Wendung am Schluss, gibt es freilich auch hier wieder. Sie ist nicht sensationell. Sie ist nicht noch niemals dagewesen. Sie wird die Welt nicht mehr in kollektives Erstaunen versetzen. Aber sie funktioniert. Und sie ist überaus effektiv. Nach AFTER EARTH ist THE VISIT wieder ein gehöriger Schritt zurück. Nach vorn. Zu den Wurzeln. Ein intelligentes Märchen mit Herz, Seele und Autorenkino-Flair. Sicherlich nicht der beste THE SIXTH SENSE-Nachfolger Shyamalans. Für seine Karriere aber gewiss mit Abstand der wichtigste. Ein kleines, feines Meisterstück, dessen Besuch sich mehr als lohnt.

Laufzeit: 94 Min. / FSK: ab 12

Mittwoch, 2. September 2015

SICARIO

[USA][2015]

Regie: Denis Villeneuve
Darsteller: Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin, Daniel Kaluuya, Jon Berthal, Jeffrey Donovan, Raoul Trujillo, Sarah Minnich, Maximiliano Hernández, Dylan Kenin, Lora Martinez-Cunningham, Julio Cedillo

Bei einem Einsatz gegen die mexikanische Drogenmafia entdeckt das FBI in einem Haus in Arizona mehrere Dutzend Leichen. Obwohl Agentin Kate Macer [Emily Blunt] dieses Ereignis psychisch schwer zu schaffen macht, meldet sie sich freiwillig als Mitglied einer Sondereinheit unter dem Kommando ihres etwas undurchsichtigen Kollegen Matt Graves [Josh Brolin]: In El Paso will man - auf amerikanischem Boden - nach dem großen Boss des Kartells suchen. Doch Macer merkt bald, dass sie getäuscht wurde: Der Einsatz führt tatsächlich ins mexikanische Júarez, wo internationales Recht herrscht, was die Operation illegal macht. Schnell ist klar, dass dies nicht der einzige Regelverstoß bleiben wird: Matts Team missachtet alle Vorschriften und wendet rücksichtslos Gewalt an, um ans Ziel zu gelangen. Und dann ist da noch das undurchschaubare Mitglied Alejandro Medellín [Benicio Del Toro], das ebenfalls zweifelhafte Motive zu haben scheint. Für Macer wird der Einsatz mehr und mehr zum Alptraum.

"Sicario" ist ein mexikanischer Slang-Ausdruck und bedeutet so viel wie "Auftragsmörder". So erklärt es die einführende Texteinblendung, bevor einen Denis Villeneuves [→ PRISONERS] so betitelter Drogen-Thriller ohne Umwege in ein fiebriges Höllenszenario wirft und eine elektrisierende Eröffnungssequenz präsentiert, die den Tenor der folgenden zwei Stunden maßgeblich bestimmen wird. Die brutale Aushebung eines Geheimverstecks der Drogenmafia, kumulierend im unerwarteten Fund eines grauenvollen Massengrabes, ist ein Musterbeispiel brillanten Regiehandwerks und fesselt einen von der ersten Sekunde an in den Sitz. Die ausdrucksstarken Bilder Roger Deakins' [→ NO COUNTRY FOR OLD MEN] in Kombination mit dem pulsierenden, ins Mark dringenden Sound Jóhann Jóhannssons [→ SKYFALL] kreieren eine zum Schneiden dichte Atmosphäre, die einen regelrecht in sich hineinzieht und eine suggestive Spannung freisetzt, die bis zum Finale anhält. Denn die ganze Aktion ist nur der Vorläufer einer erbarmungslosen Reise in die Finsternis, welche die Hauptprotagonistin Kate Macer bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit führt.

Dabei bietet SICARIO auf inhaltlicher Ebene sogar nur wenig Innovatives: Dass die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, ist nun wahrlich kein neues Thema des politischen Thrillers, wurde jedoch selten so überzeugend umgesetzt wie hier. Das amerikanische Sondereinsatzkommando missachtet jede formelle und moralische Regel, agiert mit rücksichtsloser Härte und unterscheidet sich somit kaum von den Kartellen, die sie eigentlich bekämpfen. Macer verkommt währenddessen zur fast passiven Person, die fassungslos auf die Gräueltaten und Ungerechtigkeiten blickt und damit in erster Linie dem Publikum als Identifikation dient, dem es kaum anders ergeht. Bereits die erste Station, die Stadt Júarez, die ihre Besucher mit verstümmelten, von einer Brücke hängenden Leichen begrüßt und von einem Team-Mitglied wenig subtil als "Biest" bezeichnet wird, gleicht einer Hölle auf Erden, in der menschliches Leben keinen Pfifferling mehr wert ist und die einem auf Anhieb klarmacht, dass jede Hoffnung auf Ausmerzung der Verbrechensherrschaft vergebens ist. Das Übel lässt sich nicht mehr bekämpfen - höchstens noch ein bisschen kontrollieren. Und um das zu erreichen, muss man selbst zum Übeltäter werden.

Die Männer in SICARIO wissen das; sie sind abgebrühte Haudegen, die ihre einstigen Ideale, falls sie denn jemals welche hatten, schon längst über Bord geworfen haben. Macer hingegen, die von Anfang an belogen, bisweilen sogar benutzt wird, begreift das erst nach und nach. Emily Blunt [→ LOOPER] gelingt es, alle Facetten dieses inneren Prozesses glaubwürdig abzubilden, ohne dabei in darstellerische Klischees zu verfallen. Ihr gegenüber steht (der zugegebenermaßen sehr wohl klischeehaft besetzte) Benicio Del Toro [→ SIN CITY] als zwielichtiger Alejandro Medellín, der eine entscheidende Rolle für den Verlauf der Ereignisse spielt, dessen Ziele jedoch lange Zeit unklar bleiben und der dadurch abwechselnd als Bedrohung und Verbündeter erscheint. Dazu gesellt sich Josh Brolin [→ GANGSTER SQUAD] als Einsatzleiter Matt Graves, der als zunächst recht sympathischer schräger Vogel auftritt, später jedoch in erster Linie durch seinen eiskalten Zynismus schockiert. Diese Konstellation mag nicht frei sein von gängigen Stereotypen, funktioniert jedoch bestens.

Den brillanten Darstellerleistungen zum Trotze wäre SICARIO allerdings nur halb so beeindruckend ohne seine exzellente Visualisierung, die in vielen Momenten in Sachen Look und Stil eher einem Kriegsfilm als einem Thriller gleicht. Und wenn die Karawanen des Sonderkommandos sich martialisch ihren Weg durch Wüstenlandschaften und Straßenlabyrinthe bahnen, fühlt man sich bisweilen auch an apokalyptische Endzeitszenarien der Marke MAD MAX erinnert. Auffällig ist dabei immer wieder eine ungemein starke Symbolik: Als Macer nach ihrem ersten Einsatz unter der Dusche steht und sich erschöpft das Blut vom Körper wäscht, dann beschreibt das ihre ganze Situation innerhalb nur weniger Sekunden und ist zugleich auch finsterer Vorbote aller schrecklichen Ereignisse, die noch folgen werden. Später steht sie dann auf einem Häuserdach, um sich ein „Feuerwerk“ anzusehen, und wird Zeuge, wie rot glühende Geschütze den Nachthimmel erhellen - eine eben so simple wie effektive Veranschaulichung der Tatsache, dass die Gewalt an diesem Teil der Erde nicht nur längst zum Alltag gehört, sondern sich bereits unauslöschlich etabliert hat.

Das "Mittendrin, statt nur dabei"-Gefühl, das SICARIO vermittelt, ist beachtlich und erreicht seinen Höhepunkt in dem Moment, als das amerikanische Team an der Grenzstation von Júarez in einem Stau eingepfercht ist und plötzlich jeder Insasse der umliegenden Fahrzeuge eine Waffe auf die Männer zu richten scheint. Die Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt, jede falsche Bewegung könnte ein gewaltiges Massaker zur Folge haben. Die hier aufgebaute Dramatik ist von immenser Intensität, das in der Luft liegende Unheil förmlich greifbar und die Erregung der Protagonisten scheint auch der Zuschauer bis in die Haarspitzen zu spüren. Es sind Augenblicke wie dieser, die SICARIO zu einem Erlebnis machen, dessen Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. Dass der Kreislauf aus Blut und Brutalität nicht zu durchbrechen ist, ist die Quintessenz, auf die schließlich alles hinauslaufen wird und die in einer nicht unbedingt erbaulichen, wenngleich großartigen Schlussszene auf den Punkt gebracht wird. "Du wirst hier nicht überleben“, heißt es am Ende, „denn du bist kein Wolf. Und dies ist jetzt das Land der Wölfe.“

Laufzeit: 121 Min. / FSK: ab16

Sonntag, 23. August 2015

THE TRANSPORTER REFUELED

[FR/CHI][2015]

Regie: Camille Delamarre
Darsteller: Ed Skrein, Loan Chabanol, Ray Stevenson, Lenn Kudrjawizki, Tatiana Pajkovic, Radivoje Bukvic, Mikael Buxton, Cédric Chevalme, Robbie Nock, Anatole Taubman, Gabriella Wright


Frankreichs Unterwelt kennt Frank Martin [Ed Skrein] nur als den „Transporter“. Er gilt als der beste Fahrer, den man für Geld bekommen kann; er erledigt illegale Lieferungen, an sich sich sonst niemand herantraut. Seine neue Kundin ist die geheimnisvolle Anna [Loan Chabanol], die Rachegelüste mit sich herumträgt: Ein skrupelloser Bandenchef zwang sie seit ihrer Kindheit zur Prostitution. Nach vorgetäuschtem Tod befindet sie sich nun auf der Flucht und dürstet nach Vergeltung. Dabei hat sie ihre ganz eigenen Methoden, Frank zur Mitarbeit zu überreden: Sie entführt dessen Vater [Ray Stevenson] und injiziert ihm ein tödliches Gift. Frank hat keine Wahl und nimmt gemeinsam mit Anna und zwei weiteren Mitstreiterinnen den Kampf mit brutalen Menschenhändlern auf.

Als TRANSPORTER glückte dem Briten Jason Statham einst der Durchbruch. Das 2002 von Louis Leterrier inszeniere Action-Vehikel kreuzte Look und Dynamik des Hongkong-Kinos mit europäischem Flair und wurde in Kombination mit seinem charismatischen Hauptdarsteller überraschend zum Kassenschlager. Es folgten ein TV-Ableger und zwei Leinwand-Fortsetzungen, die der Marke eher schadeten als nutzten - wobei speziell der 2008 veröffentlichte, vollkommen an die Wand gefahrene dritte Teil den Nagel eigentlich schon dermaßen fest in den Sarg schlug, dass wohl niemand mehr ernsthaft mit einer Wiederkehr des prügelnden PS-Profis gerechnet hätte. Aber das ungeschriebene Gesetz, dass alles, was einmal Erfolg hatte, nicht ohne mindestens einen Reanimationsversuch zu Grabe getragen werden darf, gilt nicht nur in Hollywood, sondern auch in Frankreich. So durfte der Lieferheld sieben Jahre später tatsächlich noch ein weiteres Mal aufs Gaspedal treten, um Räubern wie Gendarmen gleichermaßen das Leben schwer zu machen. Da Jason Statham mittlerweile jedoch ebenfalls raus war aus der Nummer, war man gezwungen, ihm dafür ein neues Gesicht verpassen. Dieses fand man in dem des englischen Schauspielers und Rappers Ed Skrein [→ GAME OF THRONES], der damit fraglos ein schweres Erbe antrat. Kann ein "Transporter" funktionieren ohne Jason Statham – ohne den Mann, für den diese Rolle Ruhm und Ehre bedeutete und der in eben dieser so prägend war, dass man ihn selbst Jahre später immer noch fast ausschließlich damit identifizierte?

"Refueled" wurde der "Transporter" also – neu aufgetankt – womit man das Vorhaben bereits im Titel verankerte: Die Sause heißt zwar noch gleich, aber die Füllung ist eine andere. Dass man zur Einführung des 'neuen' Transporters die Anfangsszene aus TRANSPORTER 2 nahezu 1:1 nachstellte, beißt sich hingegen sehr unsanft mit der selbst auferlegten Ambition und bietet letztendlich dann doch wieder nur Altbekanntes und Aufgewärmtes: Im Parkhaus klopft der Super-Kämpfer erst lästige Lümmel, dann lässige Sprüche und im Anschluss sich selbst das schnieke Sakko wieder zurecht, bevor er sich in sein Luxusgefährt schwingt und den Schauplatz unbeschadet verlässt. Kopie also statt Kreativität, Ideenmangel statt Innovation. Doch gerade aufgrund ihrer Ähnlichkeit zum Original taugt diese Szene natürlich bestens, um gleich auf Anhieb Vergleiche anstellen zu können. Und so ist auch schnell erkannt, dass Skrein seinem Vorgänger erwartungsgemäß nicht das Wasser reichen kann: Seine Coolness wirkt aufgesetzt, die Lockerheit erzwungen und den harten Kerl will man ihm trotz mehrerer Tage ausgebliebener Rasur auch nicht so recht abkaufen. Seine Kung-Fu-Einlagen absolviert er dank schneller Schnitte und fester Tritte zwar sehr anständig, seinen Milchbubi-Appeal jedoch kann er bis zum Schluss nicht wegknüppeln. Zweifelte man bei einem Jason Statham nicht eine Sekunde daran, dass er bei entsprechendem Missmut ganze Horden an Unholden auf die Bretter schicken konnte, wirkt die gleiche Aktion bei Skrein ebenso unglaubwürdig wie albern.

Schafft man es, zu akzeptieren, dass der neu aufgetankte TRANSPORTER keine Ausgeburt an Charisma mehr ist, können einem die folgenden 90 Minuten allerdings recht viel Freude bereiten – zumal einem nach gewisser Zeit so langsam, aber sicher bewusst wird, dass hier gar nicht so sehr der Titelheld im Mittelpunkt steht, sondern eher dessen Auftraggeberin. Tatsächlich erzählt REFUELED in erster Linie die Geschichte der flüchtigen Zwangs-Prostituierten Anna, die sich im großen Stil an ihrem Zuhälter rächen will und dafür mit ein paar Leidensgenossinnen einen hochkomplizierten Plan austüftelt, der zwar streckenweise absolut haarsträubend ist (wer versetzt schon eine ganze Diskothek in den Tiefschlaf, nur, um sich ein paar Informationen zu beschaffen?), aber die meiste Zeit doch angenehm bei Laune hält. Die Fokussierung auf den Vergeltungsschlag dreier Frauen rückt den Beitrag zeitweise sogar weg vom simplen Stunt- und Krawall-Kino der Vorgänger und dafür mehr in Richtung einer gemäßigten Exploitation-Variante der Marke 'Rape'n Revenge' – in deutlich zahmerer Ausführung, versteht sich, aber dennoch nicht ohne Reiz. Dass Loan Chabanol [→ PLÖTZLICH GIGOLO] in der Rolle der Anna nicht einen Augenblick lang so wirkt, als habe sie ein Trauma hinter sich, ist nun wieder eine andere Sache. Und dass die Ausbeutung weiblicher Körper inhaltlich zwar verurteilt wird, die optischen Vorzüge der Damen aber dennoch immer wieder lüstern ins Bild geschoben werden, ebenfalls.

Nun kann man aber natürlich auch kein feministisches Manifest erwarten von einem Werk, dessen Kamera bereits während des Vorspanns in erotischer Verzückung über das funkelnde Blech eines Audis fährt. Denn selbstverständlich ist der "Transporter" auch mit neuer Tankfüllung ein simpel gestricktes Unterhaltungs-Produkt, das stets an der Oberfläche bleibt. Fast exemplarisch dafür steht die Rolle von Frank Martins Vater, erstmals mit dabei und von Ray Stevenson [→ PUNISHER - WARZONE] als reichlich abgeschmackte Altherrenfantasie verkörpert, als alternder Dandy und Weiberheld, der es sich selbst als Entführungsopfer nicht nehmen lässt, bei seiner Kidnapperin auf Tuchfühlung zu gehen. Gleichzeitig raubt das plötzlich vorhandene Elternteil der Hauptfigur auch ihren Einzelkämpferstatus – noch einer der Gründe, warum man Ed Skrein bis zum Schluss nicht als autark operierende Persönlichkeit toleriert: Der einst einsame Kämpfer ist plötzlich ein ergebenes Vatersöhnchen, das mit seinem eitlen Erzeuger im permanenten Zwist liegt. Die daraus resultierenden Kabbeleien gemahnen ein wenig an Sean Connery und Harrison Ford in INDIANA JONES UND DER LETZTE KREUZZUG – freilich ohne dabei auch nur annähernd in der Nähe dieser Spritzigkeit zu sein.


Die Action ist insgesamt seltener geworden (speziell die Fahrkünste Frank Martins spielen gar keine allzu große Rolle mehr), wenn sie stattfindet, geht sie allerdings passabel über die Bühne – nicht zu übertrieben, nicht zu bodenständig, eine gesunde Mischung. Regisseur Camille Delamarre sammelte bereits im Schneideraum von Teil 3 und am Set der Fernseh-Adaption TRANSPORTER-Erfahrung und inszenierte sauber und ohne Mätzchen. Irgendwo zwischen Reboot (also kompletten Neustart) und verspäteter Fortsetzung erspinnt sich so eine abstruse Rache-Mär mit diversen Geschwindigkeits- und Kampfkunst-Intermezzos, die insgesamt sogar ziemlich gut goutierbar ist - die Maschine läuft gut geschmiert und kommt trotz leichtem Schlingerkurs gegen Ende souverän und ohne allzu großes Stottern ins Ziel. Das Rad wurde zwar nicht neu erfunden (höhö!), aber REFULED ist zumindest doch deutlich erträglicher als der letzte Beitrag der Original-Reihe. Lediglich Jason Statham fehlt. Aber man kann nicht alles haben.


Laufzeit: 97 Min.

Mittwoch, 19. August 2015

HITMAN - AGENT 47

[USA][2014]

Regie: Aleksander Bach
Darsteller: Rupert Friend, Hannah Ware, Zachary Quinto, Ciarán Hinds, Thomas Kretschmann, Emilio Rivera, Dan Bakkedahl, Mona Pirzad, Prince William E. Morris, Michaela Caspar

"640509-040147" [Strichcode von Agent 47]

Die junge Katia van Dees [Hanna Ware] staunt nicht schlecht, als ihr plötzlich ein glatzköpfiger Mann [Rupert Friend] hinterhersteigt - allerdings kommt der nicht zum Kaffeetrinken vorbei, sondern offensichtlich eher, um sie mit ein paar Kugeln zu spicken. Mit Müh und Not kann sie dem Angreifer entkommen - nicht ohne Hilfe des aus dem Nichts auftauchenden John Smith [Zachary Quinto], der ihr erklärt, dass sie es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hat: Der 'Hitman' ist ein im Genlabor gezüchtetes Killerwesen, ohne Emotion, ohne Gewissen, dafür aber mit übermenschlichen Fähigkeiten und unbändiger Tötungslust. Katias Vater [Ciarán Hinds] war in die Erschaffung einer ganzen Armee dieser Mordmaschinen verwickelt. Nun beginnt eine blei- und gewalthaltige Verfolgungsjagd, denn der Hitman hat eine Mission, von der noch niemand etwas ahnt.

'Reboot' ist des Produzenten Lieblingswort, wenn er der Meinung ist, einen potentiellen Kassenhit an der Angel zu haben, der seinen ersten Kinoeinsatz zwar bereits hinter sich hat, aus irgendeinem Grunde jedoch nicht in alter Form fortgesetzt werden kann - sei es aufgrund personeller Veränderungen, Knatsch hinter den Kulissen oder ganz einfach deswegen, weil sich die vermeintlich große Nummer am Ende dann doch als finanzieller Rohrkrepierer erwies. Das Vorgängerprojekt wird dann einfach ignoriert und das ganze Ding noch einmal komplett von vorn gestartet. Besonders Comic-Helden können ein Lied davon singen: Ob nun SUPERMAN, SPIDER-MAN oder BATMAN - kaum ein 'Man', dem nicht die Ehre eines Neubeginns zuteil wurde. Der HITMAN hingegen hat seine Wurzeln nicht in der Welt der Sprechblasen und Lautmalereien, sondern in der der Bits und Bytes und erblickte im Jahre 2000 als Titelfigur eines Computerspiels das Licht der Popkultur. Trotz (oder gerade auch wegen) der Vielzahl mahnender Kritikerstimmen, welche den hohen Gewaltpegel tadelten (und dabei überwiegend ignorierten, dass man auch ohne eine einzige Kugel abfeuern zu müssen ans Ziel gelangen konnte), wurde der im Labor gezüchtete Auftragskiller mit der markanten Glatze ein weltweiter Erfolg, der 2007 auch seinen Weg auf die Leinwand fand.

Dort allerdings konnte er keinen Treffer landen und erntete überwiegend Verrisse - besonders die gegenüber der Vorlage stark abgeänderte Vorgeschichte des Killers stieß vielen Fans sauer auf. Der HITMAN floppte und die geplante Fortsetzung war vom Tisch. Da man jedoch trotzdem nicht gewillt war, die Flinte einfach so ins Korn zu werfen, entschied man sich für einen kompletten Neuanfang und schickte die Tötungsmaschine acht Jahre später ein zweites Mal in den Kampf um die Publikumsgunst. Und tatsächlich durfte der Titelheld dieses Mal auch wirklich ein Produkt von Genmanipulation sein und dem Reagenzglas entspringen, wie einem das Intro in Hypergeschwindigkeit erklärt. Dass Nähe zur Vorlage jedoch nicht alles ist, worauf es ankommt, machen einem die folgenden 90 Minuten dann nur allzu schmerzhaft bewusst - AGENT 47 mag zwar originalgetreuer sein als der Vorgänger, besser ist er deswegen noch lange nicht. Und nicht nur, dass er im direkten Vergleich den Kürzeren zieht - das Reboot entpuppt sich auch generell als fast schon desaströses Debakel, das selbst geringsten Ansprüchen nicht gerecht werden kann, was angesichts des gewiss vorhandenen Engagements, dieses Mal wirklich einen Treffer abzuliefern, eigentlich kaum erklärbar ist.

Die nur rudimentär vorhandene Story ist dabei nicht einmal das Problem - inhaltlicher Minimalismus kann für anständige Action-Unterhaltung unter Umständen ein wahrer Segen sein. Dass man sich frei von dramaturgischem Zusammenhang salopp von Szene zu Szene hangelt, ist hingegen schon weitaus gravierender. Falls jemals so etwas Ähnliches wie ein die Ereignisse verbindender Spannungsbogen vorhanden war - spätestens der hektische, ohne Fingerspitzengefühl gesetzte Schnitt hat ihn ins Nirwana befördert. Dabei sind gute Ansätze durchaus vorhanden. So liegt der Fokus zu Beginn nicht auf dem Hitman, sondern stattdessen auf der Protagonistin Katia van Dees [Hannah Ware], die offenbar ein Geheimnis hütet und deshalb aus zunächst unerfindlichen Gründen vom Titelgeber gejagt wird. Unterstützung bei der Flucht gewährt ihr dabei der aus heiterem Himmel auftauchende John Smith [Zachary Quinto], der sich ihrer annimmt und sie um die Absichten des kahlköpfigen Killers aufklärt. So entwickelt sich zunächst eine zwar nicht unbedingt originelle, aber durchaus brauchbare TERMINATOR-Variante, die lange Zeit von der Frage lebt, wer Freund und wer Feind ist. Doch spätestens, nachdem die Fronten geklärt sind, geht es endgültig den Bach runter. AGENT 47 springt ziellos von einem Schauplatz zum nächsten, streut unüberlegte Action-Sequenzen dazwischen und erstickt damit jeden Anflug von Ambition und Atmosphäre bereits im Keim.

Die unmotivierten Schlag- und Schusswechsel, eigentlich das Herzstück eines derartigen Genrebeitrags, mögen teilweise nett konzipiert sein, sind jedoch dermaßen unübersichtlich geraten, dass sie keine Freude mehr bereiten: Zwar verteilt der Hitman eifrig Blei in gegnerische Köpfe und Körper, doch die Kamera wirbelt dabei so unstet durch das Szenario, dass man, in Kombination mit dem nervösen Schnitt, davon höchstens noch etwas erahnen kann. Verzweifelt wünscht man da die Ruhe und Entspanntheit eines JOHN WICK herbei, dessen durchaus vergleichbares Tagwerk selbst im größten Trubel stets noch strukturiert und nachvollziehbar blieb. Besonders bedauerlich ist das in Momenten, in welchen es einem immerhin dämmert, wie viel Potential hier eigentlich verschleudert wurde: Wenn der Retorten-Killer gegen Ende seine Widersacher in einer viel zu kurzen Szene in klinisch reiner, strahlend weißer Umgebung mit Patronen spickt und die daraus resultierenden Blutfontänen bizarre Muster auf dem blitzeblank polierten Untergrund hinterlassen, dann ist das genau die Mischung aus roher Gewalt und künstlerischem Anspruch, die man sich gern dauerhaft erbeten hätte.

Die zur Unterstützung der Massaker herangezogenen Digital-Effekte sind derweil für eine Kino-Produktion des Jahres 2015 schon beinahe blamabel und wirken, als wären sie mindestens 20 Jahre früher entstanden - umso erstaunlicher, dass sich die renommierte Schmiede 'ILM' dafür verantwortlich zeichnete. Das Niveau der permanenten Pixelei ist dabei durchgehend dermaßen tief angesiedelt, dass man diesen Umstand schon fast wieder als gewolltes Stilmittel anerkennen könnte. Im Sinne des Erfinders dürfte das wohl allerdings eher nicht sein. Zu allem Überfluss scheinen auch die Darsteller noch reichlich hilflos in ihren Rollen, obwohl sie zumindest rein theoretisch nicht vollkommen verkehrt besetzt sind. Nach Timothy Olyphant entledigte sich hier Rupert Friend [→ DIE LETZTE LEGION] seiner Haarpracht, um mit finsterer Miene den emotionslosen Super-Killer zu geben. Er müht sich redlich, wirft sich alle naslang in lachhaft-coole Posen, doch so recht will man ihm den harten Kerl dann doch nicht abkaufen. Hannah Ware [→ OLDBOY] wirkt als Fräulein auf der Flucht fast schon amateurhaft und auch Zachary Quinto [→ STAR TREK] scheint irgendwie gar nicht so richtig zu wissen, was genau er eigentlich tun soll. Lediglich der alte Schauspiel-Hase Ciarán Hinds [→ ROAD TO PERDITION] strahlt bei seinem Kurzauftritt eine souveräne Würde aus, obwohl er insgesamt natürlich sträflich unterfordert ist.

Dass das produzierende Studio tatsächlich die Hoffnung hegte, mit einem derartigen Produkt eine neue Erfolgsreihe auf den Weg schicken zu können, nimmt Wunder – zumal man mit Aleksander Bach auch noch einen Debütanten auf dem Regiestuhl parkte, der mit einem Projekt dieser Größenordnung merklich überfordert war. AGENT 47 wirkt phasenweise reichlich unbeholfen und erweckt den Anschein, als hätte eine im Fahrwasser des Erstlings entstandene Videopremiere Jahre später auf Umwegen doch noch irgendwie den Weg ins Kino gefunden. Der 2007er HITMAN mag nicht unbedingt dem Original entsprechen, war jedoch lupenrein inszeniertes, konsequent und kompetent in Szene gesetztes Actionkino. Der Neustart hingegen ist eine zerfahrene Ruine ohne Stil, Stimmung und sichtbares Konzept. Dass die deutsche Filmförderung das Projekt auch noch finanzkräftig unterstützte (eben die selbe Filmförderung, die niemals auf die Idee käme, einem rein deutschen Action-Projekt auch nur einen müden Heller zuzuschanzen), macht betroffen, sorgt aber immerhin für den attraktiven Schauplatz Berlin und ein paar Gastauftritte gern gesehender heimischer Schauspieler. Retten kann das freilich nichts. AGENT 47 ist und bleibt ein Rohrkrepierer allererster Kajüte. Eliminieren! Jetzt! 

Laufzeit: 97 Min.

Sonntag, 16. August 2015

CODENAME U.N.C.L.E.

[THE MAN FROM U.N.C.L.E.][GB][2015]

Regie: Guy Ritchie
Darsteller: Henry Cavill, Armie Hammer, Alicia Vikander, Jared Harris, Elizabeth Debicki, Daniel Westwood, Claudia Newman, Guy Potter, Christian Berkel, Sylvester Groth, Hugh Grant


1960: Der Kalte Krieg befindet sich auf dem Höhepunkt; die USA und Russland sind bis aufs Blut verfeindet. Inmitten dieser angespannten Situation werden CIA-Agent Napoleon Solo [Henry Cavill] und KGB-Agent Illya Kuryakin [Armie Hammer] gezwungen, zusammenarbeiten: Sie sollen eine von Altnazis unterwanderte Verbrecherorganisation ausfindig machen, die in den Besitz einer Atombombe gelangt ist. Das Gleichgewicht der Mächte steht auf dem Spiel! Vermutlich soll der als tot geltende deutsche Wissenschaftler Udo Teller [Christian Berkel] dazu gezwungen werden, die Bombe zusammenbauen. Solo und Kuryakin suchen in Ost-Berlin dessen Tochter, die taffe Automechanikerin Gaby Teller [Alicia Vikander], auf, um an ihn herankommen. Tatsächlich gelingt es ihnen, die junge Frau zur Zusammenarbeit zu bewegen. Die Spur führt nach Italien zu Gabys Onkel Rudi [Sylvester Groth]. Dieser scheint nicht ganz so harmlos zu sein, wie er tut...

SOLO FÜR O.N.K.E.L. lautet der Titel der Agentenserie, die in den 60er Jahren als amerikanisches Pendant zu JAMES BOND entworfen wurde und sich schon bald als Straßenfeger erwies. Die Ähnlichkeit zum großen Vorbild hatte dabei nicht ausschließlich kommerzielle Gründe: Bond-Erfinder Ian Fleming selbst war an der Konzeption beteiligt und erdachte die Figur des Napoleon Solo, der im Auftrage der titelgebenden Organisation erst um die Welt jettet, um sie im Anschluss dann vorschriftsmäßig zu retten. Noch bevor er damit auch die deutschen Fernsehschirme erreichte, brachte er es hierzulande in mehreren Zusammenschnitten sogar zu Kinoehren und konnte dort im Fahrwasser seines britischen Kollegen trotz deutlich kostengünstigerer Machart beachtliche Erfolge einheimsen. Am Anfang noch um Seriosität bemüht, verlies die Serie diesen Pfad im Laufe der Zeit und wurde nach und nach zur schrillen Selbstpersiflage. So dient THE MAN FROM U.N.C.L.E., wie der Spaß im Original heißt, nun in erster Linie als Dokumentation der ausgelassenen Attitüde der 'Swinging Sixties', an deren knalliger Übertreibung von Kitsch und Klischee  wohl auch Austin Powers seine helle Freude gehabt hätte. Ungewöhnlich für damalige Verhältnisse war dabei der Umstand, dass der Hauptfigur ein russischer Partner zur Seite gestellt wurde, der – nach etwas vorsichtig-zaghaftem Einstieg – bald gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit dem Amerikaner agieren durfte, was zu Zeiten des Kalten Krieges schon ein ziemliches Novum darstellte.

Eben diese Idee griff das Team um Regisseur Guy Ritchie auf, als man sich fast 50 Jahre nach Einstellung der Serie an eine Kino-Neuauflage wagte. Dabei versetzte man die Ereignisse nicht etwa in die Moderne, sondern verortete sie abermals in den 60er Jahren, als sich die Feindschaft zwischen Russen und Amerikanern auf ihrem Höhepunkt befand. Ein ernsthaftes Zeitdokument ist das natürlich trotzdem nicht: Der historische Hintergrund wurde lediglich dazu genutzt, einen amüsierten Blick auf damalige Zustände zu werfen und auf dieser Basis eine launige Kumpel-Komödie zu kreieren, die sich der bewährten Genreformel bedient: Zwei vollkommen verschiedene Charaktere treffen aufeinander, kabbeln sich um die Wette und werden nach Überwindung äußerer und innerer Widerstände schließlich ein Herz und eine Seele. CODENAME U.N.C.L.E. erzählt somit strenggenommen die Vorgeschichte zur Serie, wenn berichtet wird, wie Napoleon Solo und Illya Kuryakin zum ersten Male aufeinandertreffen und sich erst zu einem Team zusammenraufen müssen – zumindest theoretisch, denn mit den Originalen haben diese beiden Figuren fast nur noch die Namen gemein. So machte man den in der Vorlage eine blütenreine Weste spazierentragenden Solo zum Ex-Kriminellen und -Knastbruder und seinen Kollegen Kuryakin zum traumatisierten Waisenkind mit leicht psychotischen Zügen.

Allerdings hätte eine schlichte 1:1-Umsetzung wohl auch kaum funktioniert, waren die einstigen Titelhelden doch reichlich konturlose Gestalten, die, außer, dass sie jede noch so gefährliche Situation mit einem Achselzucken und einem flotten Spruch zu kommentieren wussten, keine besonderen Merkmale vorzuweisen hatten. Henry Cavill [→ KRIEG DER GÖTTER] und Armie Hammer [→ LONE RANGER] sind in den Rollen deutlich verwundbarer und liefern sich, wenn auch keine sonderlich innovativen, so doch durchaus amüsante Machtspielchen, die angenehm bei Laune halten können. Ergänzt werden sie dabei von Alicia Vikander [→ SEVENTH SON], die für die unverzichtbare weibliche Note sorgt und ihre Rolle als Gaby Teller mit einnehmendem Charme absolviert. Woran es hingegen mangelt, ist ein wirklich ernstzunehmender Gegner: Kämpfte man in der Serie noch pro Folge gegen ein meist größenwahnsinniges Verbrechergenie mit sinisteren, der Realität enthobenen Vernichtungs- und Beherrschungsplänen, präsentiert man hier gleich eine ganze Handvoll Finstermänner und -frauen, die für sich genommen zwar reizvoll sind, in ihrer Vielzahl jedoch unnötig verschenkt wirken.

Ohnehin ist es etwas betrüblich, dass man bei der Neuauflage, obwohl ein durchaus beträchtliches Fass an Ironie und schwarzem Humor geöffnet wurde, insgesamt doch eher auf dem Teppich blieb, betrachtet man die völlig verrückten Ausschweifungen, die das Original zum Teil einst betrieb. CODENAME U.N.C.L.E. verzichtet auf die Möglichkeit zur Rundum-Satire, was die Vorlage mit all ihrer Hemmungslosigkeit und ihrem arglosen Sexismus fast zur größeren Komödie macht. Ritchies Werk gibt sich im Vergleich eher zurückhaltend und suhlt sich stattdessen im attraktiven Retro-Look, der allerdings so gut gelungen ist, dass letztendlich auch das nicht sonderlich originelle Drehbuch hinter ihm zurückstecken muss. Wirklich aufregend ist die ausgelutschte Story vom Kampf gegen eine atomar bestückte Schurken-Organisation nämlich beileibe nicht. Dafür beweist Ritchie abermals sein Talent und serviert elegantes, bisweilen sogar meisterhaft komponiertes Nostalgie-Kino mit zum Teil hervorragenden darstellerischen Leistungen. Exemplarisch dafür sei die Szene genannt, in welcher einer der Protagonisten seine Maske fallenlässt und zur fröhlichen Folterstunde einlädt: Die großartige Regie entfacht, in Kombination mit grandiosem Schauspiel, ein alptraumhaft angehauchtes Szenario, das einem, obwohl immer noch ironisch gebrochen, einen wohligen Schauer über den Rücken jagt, bevor es schließlich in einer überaus makabren, doch befreienden Pointe gipfelt.

Trotz aller inszenatorischer Brillanz wurde auf allzu viele Extravaganzen verzichtet. Anders, als bei SHERLOCK HOLMES, dem Guy Ritchie 2009 auf ähnliche Art und Weise eine erfolgreiche Wiederbelebung spendierte, geriet die Darbietung hier weitaus weniger verspielt und, ganz im Sinne der Vorlage, beinahe schon klassisch - so sehr, dass eine im aufgeregten Split-Screen erzählte Aktion in der Mitte fast schon ein wenig fehl am Platze wirkt. Dass es dabei durchgehend nur so sprüht vor Stil, Esprit und Leichtigkeit, gereicht nicht zum Schaden und ist zudem ein erfrischender Kontrast zur einstigen Blaupause James Bond, welcher spätestens seit SKYFALL mit nie zuvor erlebter Schwermut operiert. Der Mann von U.N.C.L.E. hat sich somit endgültig von seinem Vorbild emanzipiert und empfiehlt sich als amüsante, augenzwinkernde Alternative zum überwiegend freudlosen Agentenalltag der Konkurrenz – ein knallbunter Rückwärts-durch-die-Zeit-Trip mit etwas Action, viel Humor und einer gehörigen Portion Schwung und Schick. Nicht nur für Onkel. Auch für Tante.

Laufzeit: 116 Min.

Sonntag, 19. Juli 2015

BROTHERHOOD OF BLADES

[XIU CHUN DAO][CHI][2014]
 
Regie: Lu Yang
Darsteller: Chang Chen, Wang Qian-Yuan, Liu Shishi, Li Dong-Xue, Zhu Dan, Nie Yuan, Zhou Yiwei, Chin Shih-Chieh
 
Peking, 1627: Kaiser Chongzhen [Ye Xiang Ming] entlässt den einflussreichen Eunuchen Wèi Zhōngxián [Chin Shih-Chieh], Oberbefehlshaber der Geheimpolizei, aus seinem Dienst. Dieser will die Schmach nicht hinnehmen und beginnt im Untergrund, gegen den Kaiser zu intrigieren. Chongzhen fürchtet um seine Macht und befiehlt die Tötung des Mannes. Die Mission geht an den Attentäter Shen Lian [Chang Chen] und seine beiden 'Schwertbrüder' Lu Jianxing [Wang Qian-Yuan] und Jin Yichan [Li Dong-Xue]. Zwar kann Shen den Mann erfolgreich stellen, doch dieser bietet ihm 400 Tael Gold, falls er ihn verschone – für den in Geldsorgen sich befindenden Hofdiener ein verlockendes Angebot. Die verbrannte Leiche, die Shen schließlich seinem Auftraggeber präsentiert, stammt dann auch nicht von Wèi. Der Betrug fliegt auf, als vermeintlich Tote den neuen Anführer der Geheimpolizei, Zhao Jingzhong [Nie Yuan], aufsucht und ihn anweist, Shen zu töten, da dieser nun der einzige ist, der um sein Überleben weiß. Zhao lockt Shen und seine Gefährten in eine Falle und es kommt zu einem gewaltigen Massaker, aus dem die drei Männer nur mit Müh und Not mit heiler Haut davonkommen. Nun befinden sich Shen, Lu und Jin plötzlich zwischen allen Fronten und müssen nicht nur um ihr Überleben kämpfen, sondern auch um ihre Freundschaft.
 
Im Chinesischen bedeutet die Silbe Wǔ () 'Kampf' (so in etwa) und die Silbe Xiá () 'Ritter' (so in etwa). Setzt man beides zusammen, erhält man die Bezeichnung für eines der beliebtesten asiatischen Genres überhaupt: Der “Wǔxiá“, der uralte, fest in der chinesischen Kultur verankerte Mythos vom fahrenden Ritter auf Heldenreise, erlebt in regelmäßigen Abständen seine cineastische Reinkarnation und präsentiert seinem Publikum immer wieder wackere, von eherner Redlichkeit beseelte Schwertkämpfer, die Schlachten an historischen Schauplätzen schlagen und für die gerechte Sache ihr eigenes Leben gäben - und dies häufig auch tun. Da ihre Feinde seit jeher nicht selten auch in der verbeamteten oder herrschenden Obrigkeit zu finden waren, galt die “Wǔxiá“-Dichtung in ihrem Heimatland Anfang der 30er Jahre als staatsfeindlich und war daher über 20 Jahre lang verboten (was freilich tief blicken lässt!). Nach Aufhebung des Verbots war es vor allem das Studio der 'Shaw Brothers', das dem Genre ab den 60er Jahren mit blutgetränkten Epen wie DAS GOLDENE SCHWERT DES KÖNIGSTIGERS zu großer Popularität verhalf, während Regisseur King Hu das etwas intellektuellere Klientel bediente: Sein EIN HAUCH VON ZEN wurde auf den Filmfestspielen in Cannes preisgekrönt und verschaffte der Gattung eine gehörige Portion internationale Aufmerksamkeit.
 
BROTHERHOOD OF BLADES ist von seinen Zutaten her geradezu ein Musterbeispiel für den Wǔxiá und hätte 40 Jahre früher mit ziemlicher Sicherheit als weitere Shaw-Brothers-Produktion das Licht der Leinwand erblickt: Drei Krieger, Brüder nicht nur an der Waffe, sondern auch im Geiste, werden Opfer von Verrat und Intrige, verbünden sich gegen das korrupte Ränkespiel ihrer Machthaber und nutzen ihre scheinbar übermenschlichen kämpferischen Fähigkeiten, um Recht und Ordnung wiederherzustellen - alles vor dem geschichtlichen Hintergrund der dahinsiechenden Ming-Dynastie und vorangetrieben von Emotion, Konflikt und Schicksal. Im Gegensatz zu manch anderem Beitrag jedoch verzichtete man in diesem Falle darauf, die Charaktere als tugendhafte Instanzen zu präsentieren, und zeichnete stattdessen das ambivalente Bild dreier Männer, die sich aus unterschiedlichen Gründen in finanziellen Nöten befinden und dementsprechend verführbar und bisweilen willensschwach sind: Shen Lian [Chang Chen] ist der Konkubine Zhou Miaotong [Cecilia Liu] verfallen, die er freikaufen will, obwohl sie jemand anderen liebt, Lu Jianxing [Wang Qian-Yuan] besticht seinen Vorgesetzten Zhang Ying [Qiao Lei], um befördert zu werden, und Jin Yichuan [Li Dong-Xue] wird von seinem ehemaligen Freund Ding Xiu [Zhou Yiwei] erpresst, der damit droht, ihre gemeinsame kriminelle Vergangenheit publik zu machen.
 
Eine moralische Verfehlung Shen Lians setzt die nachfolgende Gewaltspirale schließlich überhaupt erst in Gang - auch wenn seine Motive zumindest zum Teil lauterer Natur waren. Das angewandte Ursache-Wirkungs-Prinzip funktioniert dabei zu Beginn ganz hervorragend, die aus Shens Tat resultierenden Ereignisse wirken logisch konstruiert und können in ausreichendem Maße Interesse wecken. Nach einer Weile jedoch wird die bis dahin recht geradlinige Erzählweise ein wenig verwässert, betreten doch immer neue Personen die Bildfläche, von denen nicht jede auch wirklich erforderlich erscheint - ganz zu schweigen davon, dass es zudem auch reichlich abstrus wird, ist doch plötzlich jeder irgendwie mit jedem verwandt. Das wirkt nicht nur stellenweise etwas weit hergeholt, sondern führt bisweilen auch zur Konfusion. Dass sich Jin Yichan so nebenbei auch noch in Zhang Yan [Marina Ye], die Tochter eines Arztes, verlieben darf, scheint zudem auch ohne jeden Belang, wird die Figur doch lediglich auf ihr schnuckeliges Äußeres reduziert und darf ansonsten weder Profil, noch großartig Leinwand-Präsenz besitzen. So gelingt es BROTHERHOOD OF BLADES nicht, die anfängliche Dichte bis zum Schluss zu halten. Zwar kommt es auch fortlaufend immer mal wieder zu Spannungsmomenten, doch ein dramaturgischer Gesamtbogen bleibt letztendlich aus. Dazu passt dann auch, dass kurz vor Schluss aus heiterem Himmel noch die Mongolen als altbewährtes Feindbild aus der Mottenkiste geholt werden, um die Geschichte zumindest einigermaßen sinnvoll zu Ende bringen zu können.
 
Mag es inhaltlich auch stellenweise etwas hapern, zumindest im Action-Segment gibt sich BROTHERHOOD OF BLADES keine Blöße. Die Kampfszenen, erneut mit viel Drahtseilunterstützung realisiert, sind erstklassig durchchoreographiert und sorgen für eine Flut intensiver Eindrücke und furioser Bilder. Vor allem das mörderische Massaker im Hofe Yan Peiweis [Hu Xiaoguang] nagelt einen in den Sitz. Regisseur Lu Yang, Kameramann Han Qiming und die Editors Yiran Tu und Li Yun Zhu machen keine Gefangenen und entfachen ein perfekt getimtes und konsequent durchgezogenes Inferno aus Regen, Feuer und Blut. Ohnehin ist die Cinematographie durchgehend exzellent und kreiert ikonische Momentaufnahmen, die sich ins Gedächtnis brennen. Das ist schon allein deswegen bemerkenswert, da es für die gesamte Crew quasi das erste Projekt dieser Größenordnung war. Von Unerfahrenheit oder Ähnlichem ist jedoch nicht das Geringste zu spüren: BROTHERHOOD OF BLADES ist absolut versiert in Szene gesetztes und kompetent gefertigtes Blockbuster-Entertainment ohne formale Schwächen. Als Ausführender Produzent agiert im Hintergrund noch Terence Chang, dessen Name vor allem aufgrund seiner Kollaborationen mit John Woo [→ IM KÖRPER DES FEINDES] ein Begriff ist.
 
Auch bei der Besetzung orientierte man sich eher an Unbekannterem, wenngleich man mit Chang Chen in der Hauptrolle immerhin ein echtes Schwergewicht bieten konnte: Der 1976 geborene Schauspieler war im Jahre 2000 in Ang Lee prächtigem Wǔxiá TIGER & DRAGON zu sehen, der zu einem internationalen Erfolg wurde, und konnte auch in den Folgejahren mit Auftritten in Historienfilmen wie RED CLIFF oder THE GRANDMASTER weiterhin von sich reden machen. Seine Mitstreiter Wang Qian-Yuan [→ THE CROSSING] und Li Dong-Xue [→ GEN-Y COPS] mögen etwas weniger bekannte Namen tragen, stehen ihm schauspielerisch jedoch in nichts nach. Besonderes Augenmerk verdient noch Chin Shih-Chieh [→ REIGN OF ASSASSINS] in der Rolle des intriganten Eunuchen Wèi Zhōngxián, der diesen als herrlich durchtriebenen alten Mann anlegt und dabei auf gewisse Weise an David Carradine in KILL BILL erinnert. Wèi Zhōngxián ist – neben Kaiser Chongzhen - die einzige Figur aus BROTHERHOOD OF BLADES, die historisch verbürgt ist und war der Überlieferung nach tatsächlich ein machthungriger Intrigant, der nach seiner Anstellung am Hofe begann, sich immer mehr Einfluss zu verschaffen, sich rücksichtslos bereicherte, Gegner beseitigen lies und mit Hilfe der ihm unterstellten Geheimpolizei bald die gesamte Verwaltung Chinas kontrollierte. Nach dem Tode des Kaisers Tianqi wurde Wèi von dessen Nachfolger Chongzhen entmachtet, worauf dieser sich das Leben genommen haben soll. Das von Wèi hinterlassene wirtschaftliche und politische Chaos soll nicht unschuldig daran gewesen sein, dass die Ming-Dynastie kurz darauf unterging.
 
Sich mit der Frage beschäftigend, was wohl gewesen wäre, hätte Wèi Zhōngxián seinen Tod damals lediglich vorgetäuscht, erspinnt BROTHERHOOD OF BLADES ein hypothetisches und freilich völlig wirklichkeitsfernes Konstrukt, das Fakten und Fiktionen, historische Personen und erdachte nebeneinanderstellt, um daraus ein klassisches Kung-Fu-Epos zu weben, das trotz durchaus vorhandener Defizite in der ersten Liga spielt. Schwächen in der Dramaturgie werden ausgeglichen durch rasant komponierte, sich der Schwerkraft verweigernde Schwertkampf-Duelle und die imposanten Aufnahmen hinterlassen mächtig Eindruck. Lu Yang erschuf mit hohem Aufwand an Kostüm und Kulisse eine Welt aus Korruption und Chaos, Gewalt und Gier, Missgunst und Menschenverachtung, deren Protagonisten unaufhaltsam ihrem tragischen Ende entgegensteuern. Die Speerspitze wird zwar nicht erobert, aber Lus gekonnt und nicht ohne Anspruch arrangierte Action-Oper kann sich durchaus sehen lassen und bietet Wǔxiá- und Kampfkunst-Freunden eine vorzügliche zubereitete Zwischenmahlzeit.

Laufzeit: 106 Min.