Sonntag, 21. Juni 2015

FÜNF BLUTIGE STRICKE

[JOKO, INVOCA DIO.. E MUORI][ITA/BRD][1968]

Regie: Antonio Margheriti
Darsteller: Richard Harrison, Claudio Camaso, Spela Rozin, Guido Lollobrigida, Werner Pochath, Paolo Gozlino, Alberto Dell'Acqua, Luciano Pigozzi, Mariangela Giordano

Rocco [Richard Harrison] schiebt Hass! Fünf Männer haben seinen Kumpanen Ricky [Alberto Dell'Acqua] auseinandergenommen – nicht verbal, sondern auf gute, alte Wildwest-Manier: fünf Stricke, auf der einen Seite befestigt an jeweils einem Pferd und auf der anderen an jeweils einem von Rickys Körperteilen, und dann kräftig ziehen. Grund für die Übeltat: Die Schurken waren spitz auf die Beute eines Raubes, den Rocco, Ricky und ein paar weitere Spießgesellen vollzogen hatten. Klar, dass Rocco nun auf Rache sinnt. So behält er für jeden der Mörder ein blutiges Strick-Stück am Mann. Leider weiß er aber noch nicht, wer an dem Verbrechen beteiligt war. Ein instinktiver Verdacht metaphysischen Charakters führt ihn zunächst zum feigen Domingo [Luciano Pigozzi], wo er gleich in zweifacher Hinsicht einen Volltreffer landet: Erst entpuppt sich der geldgierige Halunke tatsächlich als einer der Killer, dann fängt er sich von Rocco die verdiente Kugel ein – nicht ohne kurz vor seinem Ableben zumindest noch die Namen von dreien der vier weiteren Täter auszuspucken. Nun hat Rocco erst mal eine Menge zu tun und stattet ein paar sehr netten Herren einen Besuch ab.

FÜNF BLUTIGE STRICKE beginnt gleich mit einem Paukenschlag und lässt Alberto Dell'Acqua in den Seilen hängen - buchstäblich, denn der Gute ist drauf und dran, wichtige Gliedmaße zu verlieren und schreit dementsprechend wie am Spieß. Seine Scharfrichter lachen dreckig, reißen erst menschenverachtende Sprüche und dann den armen Mann in Fetzen. Das gewiss hässliche Resultat bleibt dem Betrachter zwar erspart, doch die gefühlsferne Grausamkeit dieses Auftakts verfehlt ihre Wirkung trotzdem nicht und stellt die Weichen für den nachfolgend dominierenden Zynismus, der freilich typisch ist für den Italo-Western dieser Zeit. Ebenso rasant, wie es begonnen hat, geht es im Anschluss auch weiter. Jede Gewalttat erfordert einen Rächer, so will es das Gesetz. Zumindest das der einschlägigen Genreregeln. In diesem Falle ist das der einsame Revolverheld Rocco. Dieser vergeudet auch nicht eine Sekunde und geht unverzüglich ans Werk. Es dauert nicht lang, da fliegt bereits die erste Kugel. Dass sie ins Schwarze trifft, bedarf keiner Erläuterung. Die strikte Geradlinigkeit der Ereignisse und deren kompromisslose Umsetzung versöhnen dabei mit Vorhersehbarkeit und offensichtlichem Mangel an Innovation.

Leugnen ist natürlich völlig zwecklos: VENGEANCE, wie sich der Trip auf den Punkt gebracht im englischen Sprachraum nennt, ist zyklische Dutzendware, die damals den Markt in Massen heimsuchte. Die Leinwände konnten sich kaum retten vor schießprügelschwingenden Vigilanten, die auf der Suche nach Gerechtigkeit dem fiesen Möpp mal so richtig einheizen. Trotz seiner Armut an Überraschungsmomenten liegt FÜNF BLUTIGE STRICKE dabei deutlich über dem Durchschnitt und liefert eine formal überzeugend in Szene gesetzte Atmosphäre aus Sand, Staub und Pulverdampf, garniert mit schroffer Härte und gesundem Sarkasmus. Rocco gibt alles und plättet seine Gegner wahlweise per Schlag, Schuss oder Sporenhieb (was für eine der originellsten Szenen sorgt; man sieht die Tötung aus Sicht der Stiefel!). Dabei scheint Rocco um seinen gemeuchelten Kumpanen nicht einmal wirklich zu trauern. Selbst, als er in einem Moment des Erinnerns von ihrem gemeinsamen Coup und den daraus resultierenden folgenschweren Fehlschlägen berichtet, bleibt er ohne sichtbare Anteilnahme. Vielmehr scheint es ihm bei der ganzen Sache ums Prinzip zu gehen: Bringst du meinen Kollegen ums Eck, dann puste ich auch dir die Lampe aus.

Die emotionale Kälte der Hauptfigur passt allerdings ungemein zu dem entmenschlichten Szenario, das hier kreiert wurde, und unterstreicht noch einmal dessen spartanischen Minimalismus: Hier werden weder Tränen verschwendet, noch Worte. Was zählt, ist die Tat. Dazu passt dann auch, dass das Drehbuch nicht mal im Ansatz erklärt, woher Rocco eigentlich weiß, wo sich die abzuarbeitenden Halunken eigentlich gerade aufhalten. Ein Rocco recherchiert nicht, ein Rocco macht einfach, Umwege werden nicht in Kauf genommen. Nicht mal das kurze Nebenkapitel, in welchem er sich kurzerhand selbst zum Sheriff eines kleinen Wüstenkaffs ernennt, um dieses vom Terror einer Banditenbande zu säubern, kann daran etwas ändern, denn auch dieser Job ist für ihn nur Mittel zum Zweck: Der Anführer der Schurkentruppe ist der schmierige Laredo [Lucio de Santis] – Nummer 3 auf Roccos Liste. Und auch der einzige Handlungspunkt, den man zumindest als so etwas Ähnliches wie eine überraschende Wende bezeichnen könnte, wird im Nullkommanix abgefrühstückt: Die bis dahin noch unbekannte Identität des fünften Mörders fällt dem Helden quasi aus dem Nichts heraus in den Schoß, so dass pflichtbewusst und zielorientiert wie immer das große Finale eingeläutet werden darf.

Dabei geriet das Charakterbild des rachsüchtigen Revolverhelden zwischen all seinen Faust- und Bleiduellen sogar im Ansatz ambivalent. Denn auch Rocco ist kein integrer Saubermann, der, wenn er nicht gerade feige Mörder ins Gras beißen lässt, eine blütenreine Weste spazierenträgt. Als Beteiligter an dem verhängnisvollen Raubzug, der die unglückseligen Ereignisse erst ins Rollen brachte, war er ebenso scharf auf den schnöden Mammon wie der Rest der Belegschaft und hatte keine Skrupel, dafür das Gesetz zu übertreten. Erst, als er zur Selbstjustiz übergeht, verliert er an der Beute das Interesse – eine moralische Verfehlung ersetzt die andere. Ein ausgefeiltes Psychogramm ist das freilich nicht, aber das verlangt ja auch niemand. Dass Rocco gleichzeitig aber auch noch eine halbe Rothaut sein soll, ist schon ein ziemlicher Lacher, sieht Richard Harrison doch ungefähr so indianisch aus wie John Wayne. Immerhin beschert dieser Umstand FÜNF BLUTIGE STRICKE eines seiner besten Zitate: „Er hat Recht, ich bin ein Halbblut. Als die Cheyenne plötzlich was gegen Weiße hatten, gaben sie mir einen Tritt in den Arsch. Anschließend spuckten mir die Weißen ins Gesicht. Aber die meisten von ihnen sind jetzt tot.“

Mimisch mag Richard Harrison etwas eingeschränkt sein, für eine so wenig komplexe Rolle wie diese jedoch geht seine Leistung vollkommen in Ordnung - zumal sein etwas knabenhaftes Äußeres mit Drei-Tage-Bart, modischer Weste und schwarzer Dunstkiepe tüchtig aufgemotzt wurde und sicher nicht nur zufällig an Franco Neros Erscheinung in DJANGO erinnert. Dessen Karriere blieb Harrison freilich verwehrt, so dass er gut 20 Jahre später, deutlich weniger knabenhaft, dafür mit 80er-Jahre-Porno-Schnauzer, Dauergast in asiatischen Trash-Produktionen wurde und sich unter der Regie Godfrey Hos regelmäßig in eine ziemlich alberne Ninja-Kluft warf. Ihm zur Seite steht eine illustre Schar gerngesehener Italo-Gesichter: Alberto Dell'Acqua [→ EIN HOSIANNA FÜR ZWEI HALUNKEN] darf sich in der Eröffnungsszene laut schreiend zerlegen lassen, Luciano Pigozzi [→ DIE JÄGER DER GOLDENEN GÖTTIN] fängt sich als wimmernder Feigling die erste Kugel ein und der Deutsche Werner Pochat [→ HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS] gibt abermals ein bemerkenswert widerliches Arschgesicht, dessen Foltermethoden der Hauptfigur fast zum Verhängnis werden. Besonderes Augenmerk verdient Claudio Camaso [→ 10.000 BLUTIGE DOLLAR], der als ausgeflippter Hippie-Cowboy Mendoza den anfänglichen Beutezug ausbaldowert hat und von Rocco einige Male als Genie betitelt wird. Mit seinen schrillen Klamotten (inklusive Handschuhen und Spazierstock) und seiner extravaganten Art mit leicht perverser Ader wirkt er wie von einem anderen Stern und eine frühe Blaupause für Stanley Kubricks drei Jahre später entstandenen Kult-Schurken Alex aus dem Meisterwerk UHRWERK ORANGE.

Regie bei dem Schauspiel führte der fleißige Antonio Margheriti, der damals kein kassenträchtiges Genre ausließ und auch hier wieder in gewohnter Kompetenz die Zügel führte. Bereits ein Jahr zuvor lies er VIER HALLELUJA FÜR DYNAMIT-JOE erklingen, was jedoch alles andere als ein Wohlklang war. FÜNF BLUTIGE STRICKE ist eine deutliche Steigerung zu der lauen Komödie, wurde von ihm zwei Jahre später allerdings nochmals getoppt durch den ähnlich konzipierten SATAN DER RACHE, für dessen gotische Horror-Attitüde Margheriti hier schon mal geübt hat: Der Showdown geschieht in einem unterirdischen Schwefelhöhlensystem, was für einen stimmungsvoll-gruseligen Einschlag sorgt. Von Inhalt, Stil und Aufbau her erinnert das Werk zudem stark an den im selben Jahr entstandenen DJANGO – UNBARMHERZIG WIE DIE SONNE, wozu neben der nahezu identischen Idee und Struktur auch der vergleichbar schräge Endgegner beiträgt.

Aber so austauschbar der Stoff seinerzeit auch gewesen sein mag: Die straff durchgezogene Rache-Mär funktioniert, eine gewisse Affinität zum Genre immer vorausgesetzt, fabelhaft, besitzt ordentlich Tempo und nutzt das offenbar limitierte Budget bestmöglich aus. Dabei heißt Rocco im Original eigentlich Joko, aber das klang dem deutschen Verleih wohl nicht kernig genug. Zudem war der Name 'Rocco' durch ähnliche Produktionen wie ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN oder ROCCO – DER EINZELGÄNGER VON ALAMO bereits im Italo-Western-Universum etabliert. Aber ob nun Joko, Rocco oder Django (so nannte man Harrisons Figur pfiffigerweise in der französischen Fassung) ist im Grunde auch völlig egal: Namen sind Schall und Rauch, und davon bietet FÜNF BLUTIGE STRICKE ohnehin jede Menge. Antonio Margheriti präsentiert erneut kompromisslose Unterhaltung auf grundsolidem B-Niveau und macht dafür ordentlich die Hölle heiß. 95 blutige Minuten.

Laufzeit: 95 Min.

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