Samstag, 18. November 2017

TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT

[LA POLIZIA INCRIMINA, LA LEGGE ASSOLVE][[ITA][1973]

Regie: Enzo G. Castellari
Darsteller: Franco Nero, James Whitmore, Delia Boccardo, Fernando Rey, Duilio Del Prete, Silvano Tranquilli, Ely Galleani, Daniel Martín, Paul Costello, Luigi Diberti, Mario Erpichini

"Dieses Mal werden Sie sich auf die Polizei nicht verlassen können. Wenn sie Sie nicht kriegen können, kriegen sie die, die Ihnen nahe stehen, die sie lieben!"

In Genua ist die libanesische Drogenmafia auf dem Vormarsch. Kommissar Belli [Franco Nero] ermittelt energisch gegen die Hintermänner. Sein Objekt der Begierde ist der „Libanese“, der sich als Kurier für das Syndikat verdingt und der Polizei daher wertvolle Informationen liefern könnte. Endlich, nach monatelanger Planung, kann Belli den Mann nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd festnehmen. Doch die Freude über den Erfolg währt nicht lang: Noch bevor das Polizeiauto samt Gefangenem das Revier erreicht, wird es in die Luft gesprengt. Belli selbst entkommt dem Flammentod dabei nur durch puren Zufall. Mehr denn je legt er es nun darauf an, an die Drahtzieher heranzukommen und redet energisch auf seinen Vorgesetzten Scavio [James Whitmore] ein. Dieser hat über Jahre hinweg wichtige Informationen gesammelt, die er allerdings gezielt zurückhält, bis die Beweise zum großen Gegenschlag ausreichen. Auf Bellis Drängen hin beschließt er, die Akten vorzeitig freizugeben. Sein Todesurteil! Scavio wird auf offener Straßen ermordet, die Beweise werden gestohlen. Zwar gelingt es Belli, den Attentäter ausfindig zu machen, doch damit bringt er nun seine Familie in Gefahr. Es beginnt ein Kampf und Leben und Tod.

In den 70er Jahren entwickelte sich italienische Polizeifilm quasi zu einem eigenen Genre. Inspiriert von Don Siegels Reißer DIRTY HARRY sowie realen Ereignissen (blutige Ausschreitungen auf offener Straße standen, vor allem in Palermo, damals an der Tagesordnung) ersannen die Drehbuchautoren einen ganzen Bau voller skrupelloser Selbstjustiz-Bullen, die sich mit ganzer Härte und vollem Körpereinsatz gegen das grassierende Unrecht zur Wehr setzten – und damit ironischerweise selbst zu einem Rädchen im Gewalt-Getriebe wurden. Der 1973 fertiggestellte TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT gehört noch zu den früheren Vertretern dieser Gattung, was man ihm rückwirkend auch anmerkt, bleibt man hier inhaltlich doch überwiegend auf dem Teppich. Wo ein Maurizio Merli später in vollkommen überspitzten Gassenhauern wie DIE GEWALT BIN ICH bereits Maulschellen verteilte, bevor er überhaupt „Guten Tag“ gesagt hatte, erscheint Franco Neros Kommissar Belli noch ausreichend bodenständig und gesetzeskonform, um nicht zu einer Karikatur zu verkommen. Trotz des nicht zu leugnenden Schwerpunkts auf Kinetik und Krawall, schafft das rüde Spektakel daher dennoch den schwierigen Spagat zwischen Action und Anspruch und besticht durch eine geerdetere und realistischere Herangehensweise. Autor und Regisseur Enzo G. Castellani [→ TÖTE ALLE UND KEHR ALLEIN ZURÜCK] verband publikumswirksame, zum Teil freilich nicht unspekulativ ausgeschlachtete Sensationseffekte mit der anklagenden Attitüde eines Damiano Damiani, der zeitgleich versuchte, mit gesellschaftskritischen Thrillern wie DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEGENDIG EINMAUERT (1971, ebenfalls mit Franco Nero in der Hauptrolle) wachzurütteln.

Dass es dabei nicht gerade zimperlich zugeht, liegt in der Natur der Sache. TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT portraitiert die Mafia nicht romantisch-verklärt, wie viele Mitbewerber, sondern als völlig außer Kontrolle geratene Bande vollkommen skrupel- und ehrloser Berserker, die ohne Rücksicht auf Verluste rumholzen, dass sich die Balken biegen. Da wird aus nichtigstem Anlass lieber mal einer zu viel zur Hölle geschickt als einer zu wenig und der Tod kleiner Kinder dabei achselzuckend unter Kollateralschaden verbucht. Es werden keine raffinierten Pläne mehr ausgetüftelt, sondern der Weg des geringsten Widerstandes gewählt. Da werden Sprengsätze gelegt oder Widersacher auf offener Straße wahlweise erschossen oder überrollt. Ein effektiver Schutz scheint ob dieser Ruchlosigkeit schlichtweg nicht mehr existent. In einer noch recht frühen Szene besucht der gebeutelte Kommissar Belli den alternden Mafiaboss Cafiero (klischeehaft, aber effektiv verkörpert von Fernando Rey), der sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen hat, um seinen Lebensabend der Blumenzucht zu widmen. Dieser warnt den Kommissar, dass die Regeln sich geändert und längst neue Leute die Bühne des Organisierten Verbrechens betreten haben, deren Brutalität alles bisher Bekannte übersteigt.

Spätestens hier wird auch dem Publikum klar, dass ein rechtsstaatlicher Weg, das Unheil auszuräumen, nicht funktionieren kann. Dass Kommissar Belli am Ende dennoch nicht, wie es vielleicht zu erwarten wäre, zur Charles-Bronson-artigen Kampfmaschine mutiert, die sich ohne Rücksicht auf Verluste durch seine Gegner pflügt, beweist, dass es Castellari nicht daran gelegen war, lediglich eine simple Jahrmarktsattraktion abzuliefern, sondern durchaus das nötige Maß an Frustration und Wut in seine Arbeit legte. Dass im Finale dennoch ordentlich die Fetzen fliegen, freut den gemeinen Actionfreund natürlich. Überhaupt legt TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT ein enormes Tempo vor und beglückt den Zuschauer bereits in der Eröffnung mit einer zünftigen Verfolgungsjagd. Zwar weiß man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht genau, worum es eigentlich geht, der Puls wird nichtsdestotrotz anständig in die Höhe getrieben. Überhaupt sind die gebotenen Hetzjagden und Bleigewitter allesamt auf der Höhe ihrer Zeit und müssen sich hinter ihren mit mächtig Budget realisierten amerikanischen Pendants wahrlich nicht verstecken. Dazu gesellt sich die bewährte italienische Radikalität, die das Geschehen immer wieder mit kleinen Sadismen würzt (die man aus der damaligen deutschen Kinofassung dann pflichtbewusst auch gleich wieder entfernt hat). So werden auch mal durchaus wertvolle Körperteile entfernt oder Schürhaken effektiv zweckentfremdet, um den Gegner das Fürchten zu lehren.

Ausfälle erlaubt sich TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT kaum. Franco Nero kratzt mit seinem Spiel zwar hin und wieder mal an der Grenze zur Übertreibung, aber hier hat man es halt mit großem Kino zu tun, da gehört ein bisschen Theatralik eben auch dazu. Und dass ein Kommissar aus Italien quasi auch mühelos durch Genua und Marseille toben darf, ohne dabei irgendwelche Kompetenzen zu überschreiten, kauft man da ebenfalls gleich mit, zumal die verschiedenen Schauplätze auch für ein angenehmes internationales Flair sorgen. Auch an der Besetzung gibt es nichts zu kritteln. Natürlich wird das Szenario ohne jede Frage von Franco Nero beherrscht (der hier nur zufällig den selben Namen trägt wie in seiner Rolle als zwielichtiger Bulle in DIE KLETTE), aber auch die kleineren Rollen sind wunderbar besetzt. Fernando Rey als Rentner-Paten zu besetzen war eine ebenso raffinierte wie effektive Idee, war seine Darstellung als hassenswerter Antagonist in dem Action-Meilenstein FRENCH CONNECTION 2 damals doch noch allzugut im Gedächtnis. Und als vielleicht bester Casting-Coup erweist sich James Whitmore [→ DIE VERURTEILTEN], der als Bellis Vorgesetzter Scavio, stets zwischen Pflichtbewusstsein, Furcht und Verzweifelung pendelnd, eine Glanzleistung aufs Parkett legt. Das weibliche Personal hat, wie so oft im italienischen Machokino, eher das Nachsehen und darf keine großen Akzente setzen. Als Kommissar Bellis Freundin sieht man Delia Boccardo [→ DIE KILLERMAFIA], die nicht viel zu tun hat, das dafür aber gut macht, und deren gemeinsamen Nachwuchs gibt die Regisseurstochter Stefania Girolami Goodwin [→ THE RIFFS], die aufgrund ihrer Plietschigkeit (und deutschen Synchronstimme) ein wenig nervig rüberkommt, aber das ist mehr oder minder schnell vorbei.

Summa summarum ist TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT ein echtes Brett. Zwar hat man es hier wider Erwarten nicht mit einem amoklaufenden Franco Nero zu tun, sondern eher mit einem, der aus lauter Verzweiflung über seine Impotenz im Angesicht des Verbrechens fast vor die Hunde geht, Freunde ruppiger Action kommen dennoch voll und ganz auf ihre Kosten. Castellari kreierte eine gesunde Mischung aus Gesellschaftskritik und publikumswirksamen Effekten und schafft es somit, gleich mehrere Parteien zufrieden zu stellen. Da ist man gern Zeuge.

Laufzeit: 102 Min. / FSK: ab 18 

Samstag, 11. November 2017

DIE KLETTE

[UN DETECTIVE][ITA][1969]

Regie: Romolo Guerrieri
Darsteller: Franco Nero, Florinda Bolkan, Adolfo Celi, Delia Boccardo, Susanna Martinková, Renzo Palmer, Roberto Bisacco, Maurizio Bonuglia, Laura Antonelli, Silvia Dionisio

„Ein in der Wahl seiner Methoden unverfrorener Detektiv klärt in Rom mehrere Morde auf. Schablonenhafter Kriminalfilm.“ [Das 'Lexikon des Internationalen Films' lässt mal wieder keine Fragen offen.]

Kommissar Stefano Belli [Franco Nero] arbeitet bei der Fremdenpolizei, bessert seine Kasse allerdings hin und wieder mit nicht immer ganz astreinen Privataufträgen auf. Eines Tages bittet ihn Rechtsanwalt Avvocato Fontana [Adolfo Celi] um zwei vermeintlich einfache Gefallen: Zum einen soll Belli das britische Fotomodell Sandy Bronson [Delia Boccardo], die aktuelle Bettgespielin seines Sohnes Mino [Maurizio Bonuglia], außer Landes weisen, da diese ihm ein Dorn im Auge ist, und zum anderen die Integrität des Musikproduzenten Romanis [Marino Masé] überprüfen, in den Fontanas Gattin Vera [Florinda Bolkan] eine Stange Geld zu investieren gedenkt. Nachdem Belli zunächst Bronson einen Besuch abgestattet hat (die daran scheiterte, ihn mit Aussicht auf horizontales Vergnügen von seinem Vorhaben abzubringen), macht er sich als nächstes auf zu Romanis. Dieser befindet sich zwar auch in der Horizontalen, ist aber leider tot. Erschossen. Urplötzlich wird der scheinbar so simple Nebenjob zu einem gefährlichen Spiel, denn Kommissar Baldo [Renzo Palmer] von der Mordkommission ist plötzlich ebenfalls vor Ort und Belli gerät unter Verdacht, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Um seine Unschuld zu beweisen und seine Bestechlichkeit zu vertuschen, stellt Belli eigene Ermittlungen an und erfährt mit Verblüffung, wer die Wohnung des Opfers als letztes verlassen hat: Sandy Bronson. Belli beginnt mit der Suche nach den Hintergründen und verfängt sich in einem Netz aus Lügen und Intrigen.

Humphrey Bogart machte es vor, Franco Nero macht es nach. Zwar stammt DIE KLETTE unübersehbar nicht aus der Heimat der Schwarzen Serie, den in schickes Schwarzweiß getauchten Vereinigten Staaten, sondern aus dem sonnigen Italien, ist aber dennoch ein lupenreiner Film noir mit allem, was was dazugehört: abgebrühte Ermittler, verhängnisvolle Frauen (hier gleich mehrere an der Zahl) und miese Morde, dazu jede Menge Lug und Trug und Niedertracht. Strahlende Helden gibt es hier ebenso wenig wie Anstand oder Moral. Auch Franco Neros Kommissar Belli, ohne jede Frage die Hauptfigur in diesem rücksichtslosen Ränkespiel, beugt das Recht, wie es ihm passt, und hat hauptsächlich den schnellen Taler im Sinn. Dabei geht er alles andere als zimperlich zur Sache, und die Frage, wie viele Maulschellen er hier verteilt, lautet schicht und ergreifend: Alle! Tatsächlich gibt es kaum einen Besuch Bellis, der für den Besuchten nicht mit einer zünftigen Ohrfeige oder der Zerstörung des Mobiliars oder beidem endet. Fast könnte man ein Trinkspiel daraus machen: Wer sich traut, sich jedes Mal, wenn die „Klette“ wieder Backenfutter verteilt, einen zur Brust zu nehmen, der dürfte das Ende nicht mehr in vollem Bewusstsein miterleben. Allzu tragisch wäre das nun allerdings nicht, das ist eh ein wenig seltsam (wobei offenbar mehrere Varianten davon existieren). Zudem verliert man ohnehin spätestens ab der Hälfte den Faden, da einen der ganze Bau voller Intrigen, die das Drehbuch im Laufe der Zeit so zusammenspinnt, irgendwann nicht mehr so recht interessieren will.

Das soll nun allerdings nicht etwa heißen, dass DIE KLETTE nichts taugt. Freunde gediegener Krimi- und Noir-Unterhaltung erleben hier sogar ein kleines Fest und Fans üppiger Dekors werden in manchen Szenen ebenso gegeistert in die Hände klatschen wie Franco Nero in fremde Gesichter. Übrig bleibt davon am Ende zwar wenig, wenn die „Klette“ mal wieder eskaliert und ihre Umgebung fachmännisch in ihre Einzelteile zerlegt, eine Augenweide bleibt es dennoch. Viel schwieriger als die Suche nach attraktivem Interieur gestaltet sich hingegen die nach einer geeigneten Identifikationsfigur. Zwar ist man als Zuschauer aufgrund der Erzählstruktur zwangsläufig irgendwie auf Kommissar Bellis Seite, wirkliche Sympathien allerdings empfindet man für den reichlich ruchlosen Schnüffler nicht. Belli macht von Anfang an keinen Hehl daraus, sich hauptsächlich für den schnöden Mammon zu interessieren und macht auch im weiteren Verlauf keine nennenswerte charakterliche Entwicklung durch. Auch seine Gewalt- und Zerstörungsorgien ordnen ihn eher in die Kategorie des Psychopathen ein, was seinen Höhepunkt in der Sequenz findet, in welcher er mit dem Auto eine selbstmörderische Amokfahrt unternimmt, um seine Beifahrerin zu einem Geständnis zu bewegen. Dass er dabei andere Verkehrsteilnehmer gefährdet und einige sogar tatsächlich vom Bock holt, scheint ihm völlig egal sein.

Trotz allem ist die Figur des Kommissar Belli allerdings noch weit entfernt von dem DIRTY HARRY-artigen Selbstjustiz-Cop, wie er von Franco Nero (zumindest ansatzweise) ein wenig später in TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT portraitiert wurde. Zwar nimmt Belli bereits gewisse Grundzüge vorweg (wie die bewusste Übertretung von Dienstvorschriften oder das rabiate Erzwingen von Geständnissen), insgesamt jedoch agiert er noch viel zu betulich und auf eigenen Vorteil bedacht, um z. B. mit einem Maurizio Merli verglichen zu werden, der später in Italien zum rachsüchtigen Prügel-Polizisten wurde. Das weibliche Geschlecht ist hier zwar ausnahmslos attraktiv und verführerisch, wird aber entweder von eiskalten Biestern vertreten oder von zumindest scheinbar naiven Schönheiten, denen schlichtweg nicht über den Weg zu trauen ist. „It's a man's world“, singt James Brown während des Vorspanns (wobei wohl auch da unterschiedliche Varianten existieren), aber die Wahrheit sieht anders aus. Zwar frönen Belli und seine Kollegen dem gemeinen Machismus bis in die letzte Haarspitze (man beachte die Szene, in der sie in völliger Selbstverständlichkeit mit Glimmstengel zwischen den Fingern im Krankenhauskorridor stehen und bei der vorbeilaufenden Schwester einen Kaffee bestellen), tatsächlich jedoch sind sie hilflose Opfer durchtriebener Weiblichkeit.

Auf keinen Fall sollte man den Fehler begehen, hier ein spektakuläres Action-Vehikel mit jeder Menge Schlag- und Schussabtausch zu erwarten, wie es Franco Nero in späteren Jahren in seine Vita aufnahm. Trotz besagter Autojagd-Sequenz ist DIE KLETTE nämlich ganz im Gegenteil ein in fast schon klassischer Langsamkeit erzählter Detektivfilm, der zudem auch auf graphische Brutalitäten verzichtet. Fans des charismatischen Schauspielers kommen dennoch voll und ganz auf ihre Kosten. Franco Nero ist in so gut wie jeder Szene zugegen, sieht ohne seinen später üblichen Schnauzbart Terence Hill allerdings fast ähnlicher als sich selbst. Dazu gesellen sich Renzo Palmer [→ DIE GEWALT BIN ICH] als gegen Belli ermittelnder, aber ihm irgendwie auch verbundener Kommissar Baldo, und Adolfo Celi [→ DER MAFIABOSS] als stinkreicher und schon allein dadurch zwielichtiger Anwalt. Die feminine Fraktion besteht unter anderem aus Delia Boccardo [→ DIE KILLERMAFIA] als verführerisches Fotomodell, der in Brasilien geborenen Florinda Bolkan [→ JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN] als geheimnisvolle Anwaltsgattin und der in Prag zur Welt gekommenen Susanna Martinková [→ DJANGO, DER BASTARD] als wahrhaft schnuckelige Sängerin, die hier drollige Sätze sagen darf wie: „Ich bin mal mit ihm ins Bett gegangen. Es war nachmittags.“ Die Inszenierung geriet dazu sehr schick und vor allem die originelle Bild- und Tonmontage gefällt (man beachte die ungewöhnlich aufgelöste Eröffnungssequenz des die Ereignisse in Gang setzenden Mordes).

Warum sich der eigentlich sonst so gewitzt auftretende Kommissar Belli am Ende dann anstellt wie ein blutiger Anfänger, ist vermutlich das größte Geheimnis, das es in DIE KLETTE zu lösen gilt. Sei es drum! Romolo Guerrieris [→ 10.000 BLUTIGE DOLLAR] stilsichere Fingerübung ist, trotz mittiger Spannungs- und Stimmungsschwankungen, am Ende dennoch lohnende Unterhaltung für all jene, die dem klassischen Kriminalkino etwas abgewinnen können und ein Faible dafür haben, wenn zwischen Kippendunst und Alkoholfahne gemeuchelt, ermittelt und verführt wird. Wer was anderes behauptet, dem stattet die „Klette“ einen Hausbesuch ab. Und dann kippt wieder der Watschenbaum um. It's a man's world.

Laufzeit: 101 Min. / FSK: ab 18

Donnerstag, 9. November 2017

DER MAFIABOSS - SIE TÖTEN WIE SCHAKALE

[LA MALA ORDINA][ITA/BRD][1972]

Regie: Fernando Di Leo
Darsteller: Mario Adorf, Henry Silva, Woody Strode, Adolfo Celi, Luciana Paluzzi, Franco Fabrizi, Femi Benussi, Gianni Macchia, Peter Berling, Francesca Romana Coluzzi, Cyril Cusack

"Schieß mir ins Herz und schau mir dabei in die Augen, wenn du der Mann bist, für den ich dich halte!"

New Yorks Mafia ist vergrätzt: In Mailand ist eine ganze Ladung Heroin verschwunden. Pate Don Vito Tressoldi [Adolfo Celi] präsentiert dafür ziemlich hurtig einen Schuldigen: den kleinen Zuhälter Luca Canali [Mario Adorf]. Infolgedessen heften sich die beiden Killer Frank [Henry Silva] und David [Woody Strode] an die Fersen des vermeintlichen Übeltäters, um diesen fachgerecht über die Klinge springen zu lassen. Der Haken dabei: Canali ist vollkommen unschuldig und hat keine Ahnung, warum er plötzlich auf der Abschussliste steht. Mehr durch Glück denn durch Können kann er den beiden Auftragsmördern zunächst entkommen. Doch als seine Verfolger nicht locker lassen und seine Ex-Frau samt Kind ebenfalls bedrohen, erwacht der Kämpfer in ihm. Mit dem Mut der Verzweifelung versucht er herauszufinden, warum er aus heiterem Himmel ins Fadenkreuz geriet und muss dabei gegen immer mehr Verfolger antreten.

Mit MILANO KALIBER 9 inszenierte sich Fernando Di Leo 1971 in die Herzen vieler Genre-Fans. Das spröde Gangster-Drama über einen aus dem Knast entlassenen Ganoven, der in die Mühlen der Mafia gerät und von da an um seine heile Haut bangen muss, konnte durch großartige Darsteller, stringente Story und konstante Hochspannung Kritik wie Publikum mehrheitlich überzeugen. Im Folgejahr machte Leo sich dann daran, den frisch erworbenen Ruf als Erste-Liga-Regisseur zu verteidigen und lieferte einen weiteren im Mailänder Mafia-Milieu angesiedelten Unterwelt-Reißer ab, der Deutschlands Schauspiel-Ikone Mario Adorf [→ DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER] auf eine gewalt- und actionreiche Tour de Force schickt, die final in einer Orgie aus Blut, Blech und Blei mündet. Um die Pointe vorweg zu nehmen: Trotz inhaltlicher Parallelen muss sich Leos zweite Syndikat-Sause dem Vorgänger geschlagen geben. DER MAFIABOSS – SIE TÖTEN WIE SCHAKALE wirkt stellenweise ähnlich holprig zusammengeschustert wie sein deutscher Titel und läuft zeitweilen ein wenig unrund. Dazu gehören, neben einer oftmals arg sprunghaften Montage, die einen manche Abläufe gar nicht so recht nachvollziehen lässt (was zugegebenermaßen auch an den Handlungskürzungen der deutschen Kinofassung liegen könnte), auch die gelegentlich eingestreuten etwas befremdlichen humoristischen Einlagen, wie z. B. die beschwipste Mutti, die einige Male durch das Bild taumelt und vergessen hat, in welcher Stadt sie sich gerade befindet, oder die mehrmals stattfindenden seltsam sinnlosen Partysequenzen, in denen die Kamera um teils kurios kostümierte Männer und textilbefreite Frauen herumwirbelt.

So wirkt Leos zweiter Streich anfangs ein wenig larifari und man beginnt, die Geradlinigkeit eines MILANO KALIBER 9 schmerzlich zu vermissen, der bereits von Beginn an mächtig steil ging. Später jedoch, wenn die Ereignisse sich langsam, aber sicher zuspitzen und das Netz beginnt, sich um den Protagonisten Luca Canali zuzuziehen, ist dieses Manko schnell vergessen und DER MAFIABOSS wird tatsächlich noch zu dem intensiven, mitreißenden Stück Kino, das man gern schon etwas früher gehabt hätte. Die große Trumpfkarte ist dabei ohne jeden Zweifel dessen Hauptdarsteller, der hier teilweise wahrlich um sein Leben zu spielen scheint. War Mario Adorf im Vorgänger noch selbst der gnadenlose Jäger, so gibt er hier nun den Gejagten und durchleidet im Laufe der gut 90 Minuten so ziemlich jede Gefühlsregung, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist. Der zunächst noch recht arglos scheinende Zuhälter, der zwar junge Frauen auf den Strich schickt, ansonsten aber einen ganz knorken Eindruck macht, mutiert im Laufe der schicksalhaften Ereignisse schließlich zur entfesselten Kampfmaschine, zu einem blutdürstenden Berserker, der in unbändiger Wut rennt, kämpft, schießt, auf fahrende Autos springt und deren Windschutzscheiben mit seiner bloßen Stirn zertrümmert, um im Anschluss nochmals weiterzukämpfen. Das Ende dieser schwindelerregenden Dauer-Action-Sequenz ist an Intensität kaum zu überbieten: Nachdem Adorf den verfolgten Missetäter gerichtet hat, bricht er weinend zusammen. Erst jetzt wird ihm so richtig bewusst, dass sein Sieg kein Sieg ist und er alles verloren hat.

Auch, wenn es wie ein Klischee klingt, aber in solchen Momenten vergisst man fast tatsächlich, lediglich einen Schauspieler vor sich zu haben. Adorf scheint wirklich dieses arme Schwein zu sein, dieser in die Enge getriebene kleine Mann, dem alles über den Kopf wächst und der in selbstmörderischem Zorn schier übermenschliche Kräfte entwickelt. Dazu gehört dann auch, dass Canali eben nicht der überlegene und in passend-coolen Posen operierende Superheld ist, sondern hin und wieder auch mal ein wenig albern rüberkommt in seiner hilflosen Kopflosigkeit, die oftmals alles nur noch schlimmer macht. In gewisser Weise gilt das allerdings auch für seine Kontrahenten, bestehend aus dem wahrhaft ungleichen Killer-Duo Frank und David, verkörpert von Henry Silva [→ ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN] und Woody Strode [→ HÜGEL DER BLUTIGEN STIEFEL]. Silva gibt den amüsiersüchtigen Lebemann, der so ziemlich jeden Rock angräbt, der ihm über den Weg läuft, dabei aber meistens schlagfertige Abfuhren kassiert („Sag mal, was machst du überhaupt hier? Zum Rumhüpfen bist du zu alt und zum Aufreißen siehst du zu bescheuert aus.“). Ganz anders als der einsilbige Strode, dem sich das schöne Geschlecht gleich reihenweise an den Hals wirft, der aber gar kein Interesse an irgendetwas anderem als an seinem Auftrag hat und die ganze Zeit aus der Wäsche guckt, als könne er seit Tagen nicht mehr vernünftig kacken. Wie eine ernstzunehmende Bedrohung wirken die beiden dabei freilich nicht und da ihre Bemühungen auch niemals so wirklich vom Erfolg gekrönt sind, fragt man sich schon, ob die Mafia kein geeigneteres Personal hat, um dringende Mordaufträge auszuführen.

Als Mafiaboss (der trotz seiner kleinen Rolle merkwürdigerweise den deutschen Titel stellen durfte) sieht man Adolfo Celi [→ EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN], der allerdings nicht wirklich viel zu tun hat und daher auch gar nicht viel verpatzen konnte. Noch fataler traf es freilich die weibliche Belegschaft. Zwar sind mit Luciana Paluzzi [→ MONSTER AUS DEM ALL] oder Femi Benussi [→ DIE ZEIT DER GEIER] durchaus talentierte und gern gesehene Gesichter dabei, die hier drehbuchswegen aber gar keine Chance hatten, sich irgendwie darstellerisch zu profilieren, da es rollenbedingt bereits ausreichte, sich möglichst freizügig zu geben. In einer Nebenrolle erkennt man noch Peter Berling, der später neben Helge Schneider in dadaistischen Kleinoden wie PRAXIS DR. HASENBEIN! auf sich aufmerksam machen konnte.

Wirkt DER MAFIABOSS bisweilen auch etwas stottrig, so passt in den entscheidenden Augenblicken dann doch wieder alles: Wenn Canali nach einem harten Schicksalsschlag wutschnaubend eskaliert oder seine (Ex-)Frau und sein Kind versuchen, sich vor den Killern des Paten in Sicherheit zu bringen und an jeder Ecke das Böse zu lauern scheint, dann nagelt einen das in seiner Intensität in den Sitz. Und Showdowns, die auf Autofriedhöfen stattfinden, sind ja generell auch immer großartig. So kommt Leos schweißtreibende Hetzjagd am Ende trotz allem als eindeutiger Sieger ins Ziel. Ein Jahr später widmete sich der Regisseur mit DER TEUFEL FÜHRT REGIE noch ein weiteres Mal dem harten Mobster-Alltag. Da durfte Henry Silva dann auch endlich mal Erfolg bei den Damen haben.

Laufzeit: 85 Min. / FSK: ab 18

Mittwoch, 1. November 2017

IM DUTZEND ZUR HÖLLE

[IL CONSIGLIORI][ITA][1973]

Regie: Alberto De Martino
Darsteller: Tomas Milian, Martin Balsam, Francisco Rabal, Dagmar Lassander, Nello Pazzafini, Perla Cristal, Carlo Tamberlani, Manuel Zarzo, John Anderson, Franco Agricano, Fortunato Arena

„Wo du auch bist, es geht überall um das Gleiche, Thomas! Um das Überleben. Dafür kämpfen wir gemeinsam. Sind wir zusammen, können wir uns helfen. Wir sind wie Fischschuppen, die sich gegenseitig decken.“

Mehrere Jahre saß Thomas Accardo [Tomas Milian] im Gefängnis. Grund: Der findige Anwalt verdingte sich für die Mafia und ist der Patensohn des einflussreichen Don Antonio [Martin Balsam]. Nach seiner Entlassung hat Thomas eine erschreckende Nachricht für seinen Ziehvater: Er will die Organisation verlassen, um mit der hübschen Laura Murchison [Dagmar Lassander] samt Haus und Hof zur Ruhe zu kommen. Don Antonio, der große Stücke auf ihn hält, gestattet ihm seinen Wunsch schließlich, wohl wissend, dass er sich damit in eine prekäre Lage bringt: Ein Ausstieg aus der Mafia, so das ungeschriebene Gesetz, ist eigentlich ausgeschlossen. Sein Konkurrent, der machthungrige Don Vincent Garafalo [Francisco Rabal], nutzt die Gelegenheit, um den mächtigen Paten zu diskreditieren, säht Zwietracht und zettelt einen brutalen Bandenkrieg an, der die Verhältnisse neu ordnen soll. Als auch Thomas klar wird, dass er ohne weiteres keinen Frieden finden wird, verbündet er sich erneut mit Don Antonio – dieses Mal allerdings, um gemeinsam mit den letzten treuen Gefolgsleuten und blank geputztem Waffenarsenal gegen den intriganten Garafalo ins Feld zu ziehen.

Der Kino-Welterfolg DER PATE machte die Mafia 1972 quasi über Nacht zum Popstar und wurde zu einer Art Startschuss für einen ganzen Strauss ähnlicher Gangsterfilme, welche die „ehrenwerte Gesellschaft“ als Basis für ihr oft nicht besonders zimperliches Unterhaltungprogramm nutzten. Mit der Realität dürfte die oft stark romantisierte Darstellung nie allzuviel am Hut gehabt haben, aber das von Regisseur Francis Ford Coppola auf den Weg geschickte Bild war dermaßen prägend, dass es nachfolgend meist schlicht übernommen wurde. Eine Vielzahl der Epigonen kam - wenig überraschend - aus italienischen Gefilden - zum einen, weil die dortige Filmindustrie zu der Zeit ohnehin auf jeden erfolgversprechenden Zug aufsprang, zum anderen natürlich auch deswegen, weil die Organisation im Stiefelland ihre Wurzeln hat und der Publikumsbezug zur Thematik somit automatisch größer war. Alberto De Martinos IM DUTZEND ZUR HÖLLE, ein Jahr nach Coppolas stilbildendem Epos entstanden, erreicht zwar in keiner Minute dessen erzählerische und inhaltliche Dichte, allerdings ist die Intention dahinter auch eine ganz andere. Drehbuchautor Adriano Bolzoni [→ DIE TODESMINEN VON CANYON CITY] ersann keine auf ausladende Präsentation bedachte Geschichte, sondern konzentrierte sich hauptsächlich, oftmals fast schon kammerspielartig, auf die gegenseitige Beziehung zweier Personen: die des Aussteiger Thomas Accardo und seines Paten Don Antonio.

Dabei dient trotz der italienischen Herkunft der Produktion hier die amerikanische Metropole San Francisco als Hintergrund für einen gewiss nicht sonderlich originell erdachten, doch packend in Szene gesetzten Konflikt, der sich zwar absehbar, aber logisch und folgerichtig nach dem Aktions-Reaktions-Prinzip ablaufend zuspitzt bis zum unausweichlichen Finale, in dem dann reichlich Blei und Blut verspritzt wird. Trotz bisweilen pathetischer Reden wird dabei auf redundante Heldenverklärung verzichtet. Und obwohl man natürlich dazu neigt, sich am ehesten mit den beiden Hauptprotagonisten zu identifizieren, lässt das Drehbuch von Anfang an keinen Zweifel daran, dass auch diese nicht im Kirchenchor singen. Dass die Sympathien dennoch bei Thomas und Don liegen, obwohl sie eigentlich Mitglieder einer grausamen Verbrecherorganisation sind, liegt in erster Linie daran, dass sie wie unschuldige Lämmer wirken, denen die Situation über den Kopf wächst, und dass rund um sie herum noch ein ganzer Bau voller Charaktere existiert, die noch verworfener agieren. Die „Familie“ wird portraitiert als ein von der Außenwelt hermetisch abgeriegelter Kosmos, in dem zwar stets Nettigkeiten ausgetauscht und formelle Höflichkeitsregeln eingehalten werden, in dem jedoch Neid, Missgunst und Machtstreben für den anderen das Todesurteil bedeuten können. Zwar blitzt hin und wieder mal auf, dass auch hinter den Mafia-Mitgliedern menschliche Wesen mit menschlichen Befangenheiten stecken (wie z. B. die Sorge eines Paten um dessen Tochter), aber insgesamt regiert die Skrupellosigkeit. Die Polizei spielt dabei so irgendwie gar keine Rolle. Falls hier mal jemand vorbeiläuft, der eine Dienstuniform spazierenträgt, steht er entweder ebenfalls auf der Gehaltsliste des Syndikats oder er ist ein Rassist, der über „Schlitzaugen“ und „Itaker“ schimpft, aber feige den Schwanz einzieht, wenn man ihm Aug in Aug gegenübertritt.

Das alles folgt vertrauten Mustern und ist weder inhaltlich, noch formal bahnbrechend, fesselt jedoch über die gesamte Laufzeit hinweg. Martino und Bolzoni erschufen mit IM DUTZEND ZUR HÖLLE eine grobschlächtige Großstadt-Fabel, die einen quasi von Beginn an gefangen nimmt. Bereits der atmosphärische Auftakt mit der traumhaften Titelmelodie von Riz Ortolani [→ DAS GEHEIMNIS DER DREI DSCHUNKEN] atmet so viel Flair, dass man den Alltag ganz schnell Alltag sein lässt, um in dieser wildfremden Welt bald vollständig zu versinken. Action macht sich dabei rar. Wenn sie stattfindet, ist sie jedoch effektiv und sorgfältig in Szene gesetzt. Dazu gehören ein paar Schießereien, eine Autojagd und eine radikale Aufräumaktion in einer Fabrikhalle, bei welcher so Einiges zersiebt wird. Ein paar sehr unschöne Todesfälle gibt es gratis dazu; der Mafia grausame Schergen verschonen weder Kind noch Pizzabäcker. Und mittendrin agieren mit Tomas Milian [→ LAUF UM DEIN LEBEN] und Martin Balsam [→ ZWIEBEL-JACK RÄUMT AUF] zwei echte schauspielerische Schwergewichte des italienischen Kinos, so dass auch die darstellerischen Qualitäten stets gewahrt bleiben. Milian, der auch gern mal ein wenig übertrieb, spielt hier ungewohnt reserviert und betreibt sympathisches Understatement, was hervorragend zur Figur des desillusionierten Gangster-Anwaltes passt, während Balsam patriarchalisch und weise ums Eck kommt.

Den Gegenspieler figuriert Francisco Rabal [→ DAS GEHEIMNIS DER VIER KRONJUWELEN] als verschlagenen Neidhammel, der aus purer Eifersucht eine Welle aus Mord und Totschlag ins Rollen bringt. Das weibliche Geschlecht scheint hier indes schlichtweg irrelevant zu sein. Zwar setzt die Liebe zu einer Frau die gewalttätigen Ereignisse erst in Gang, tatsächlich jedoch besitzt diese Rolle Dagmar Lassanders [→ FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT] eher Symbolwert. Thomas sehnt sich weniger nach ihr als Person, sondern sieht in ihr vielmehr ein Sinnbild für die zu erlangende Freiheit. Sein knapper, herzloser Abschied von ihr, kurz bevor er in die letzte Schlacht zieht, legt das zumindest nahe. Fans der Darstellerin werden daher auch eher enttäuscht sein; die Gute darf gerade mal ein paar Sätze sagen. IM DUTZEND ZUR HÖLLE macht seinem deutschen Titel dann im Finale alle Ehre und endet mit melancholischem Nachklang, der das Publikum bis über das Ende des abermals wunderschön orchestrierten Abspanns hinaus noch begleitet. Martinos Mafia-Mär reißt ganz gewiss keine Bäume aus, gefällt aber als gediegener und überdurchschnittlicher Genre-Beitrag zur Gangsterfilm-Welle der 70er-Jahre.

Laufzeit: 97 Min. / FSK: ohne

Mittwoch, 24. Mai 2017

ALIEN - COVENANT

[USA/GB/AUS/NZL][2017]

Regie: Ridley Scott
Darsteller: Katherine Waterston, Michael Fassbender, Billy Crudup, Carmen Ejogo, Danny McBride, Callie Hernandez, Jussie Smollett, Demián Bichir, Goran D. Kleut, Guy Pearce

„Wenn Sie mich erschaffen haben, wer hat dann Sie erschaffen?“

2104: Das Kolonieschiff USCSS Covenant ist mit 2000 sich im Tiefschlaf befindlichen Menschen auf dem Weg zum weit entfernten Planeten Origae-6, um diesen zu besiedeln. Aufgrund eines Unfalls erwacht die Mannschaft vorzeitig aus ihrem Kälteschlaf und nimmt einen unbekannten Funkspruch auf. In der Hoffnung, bereits noch vor ihrer Ankunft bei Origae-6 auf einen bewohnbaren Planeten zu treffen, ändert die Covenant ihren Kurs und folgt dem unbekannten Signal. Tatsächlich findet man einen Planeten vor, der nahezu paradiesisch wirkt und der Erde sehr ähnlich zu sein scheint. Doch die Idylle trügt und als zwei Crew-Mitglieder sich unbemerkt mit fremdartigen Sporen infizieren, beginnt ein Alptraum: Kleine, unbekannte Wesen brechen kurze Zeit später aus ihren Körpern und machen Jagd auf die restliche Besatzung. Eine Flucht erscheint unmöglich, da das Landungsschiff bei einer Explosion zerstört wurde. In höchster Not trifft die verzweifelte Crew auf den vor Ort lebenden Androiden David [Michael Fassbender], der das gleiche Modell ist wie der Android Walter [auch Michael Fassbender], welcher ebenfalls zur Crew gehört. David bringt die Überlebenden zunächst in Sicherheit. Doch diese ist nicht von Dauer.

1979, als das ALIEN erstmals die Leinwände unsicher machte, wurde noch nicht allzu viel gegrübelt. Zwar lässt sich Regisseur Ridley Scotts düsterer Weltraum-Horror durch seine Verknüpfung von Gewalt und Geburtsmetaphern und seine starke Frauenrolle (die dem fremden Wesen final in Unterwäsche den Garaus macht) durchaus und sogar mit relativer Leichtigkeit als Sinnbild für sexuelle Ängste deuten, im Großen und Ganzen jedoch ging es noch darum, Menschen in Todesangst durch enge Schächte zu scheuchen und dem Publikum damit eine gehörige Gänsehaut zu verpassen. In ALIEN – COVENANT, dem sechsten Beitrag des aus dem damaligen Erfolg erwachsenen Franchises (den unsäglichen Ableger ALIEN VS. PREDATOR nicht mitgerechnet), sieht es hingegen deutlich anders aus. Aus der simplen Monstershow des Originals ist ein philosophischer Exkurs erwachsen, der nicht mehr das titelgebende Untier in den Fokus rückt, sondern sich in Dialog und Inhalt mit existenziellen Fragen beschäftigt. COVENANT erzählt dabei die Vorgeschichte des 70er-Jahre-Kino-Meilensteins und ist gleichzeitig die Fortsetzung des vier Jahre zuvor entstandenen PROMETHEUS, welcher bereits damit begann, eine Erklärung für die Ursprünge der tödlichen Lebensform zu liefern. Eine direkte Weiterführung ist es dennoch nicht, denn COVENANT führt nicht etwa die Reise von PROMETHEUS' Protagonistin Elizabeth Shaw weiter, sondern überspringt 10 Jahre und widmet sich den Erlebnissen einer neuen Crew, welche den Bogen zum Vorgänger erst im Laufe der Zeit schlagen.

Diese kommen einem dann allerdings auch arg vertraut vor: Eine Crew, die aus dem Kälteschlaf erwacht, ein unbekanntes Signal, eine ungeplante Landung in fremden Gestaden, ein feindlicher Organismus, der in Körper eindringt und alsbald platzende Leiber, schreiende Menschen und heillose Panik zur Folge hat. Tatsächlich wird hier im Grunde über weite Strecken lediglich die Handlung von Teil 1 wiederholt, die – so ehrlich muss man sein – auch 1979 schon nicht unbedingt neu war. So läuft dann alles in zwar großartig bebilderten, letztendlich jedoch vertrauten Pfaden ab, bis mit dem Auftauchen des Androiden David schließlich die Brücke zu PROMETHEUS geschlagen und es urplötzlich wieder arg tiefgründig wird. Die Verquickung der dreckigen ALIEN-Atmosphäre mit dem eher klinisch reinen PROMETHEUS-Ambiente bildet dabei einen steilen, wenn auch nicht uninteressanten Kontrast, der bereits in den ersten Minuten ins Auge fällt: COVENANT beginnt mit einer Rückschau auf Ereignisse, die bereits vor dem Vorgänger stattfanden, mit einem Dialog, der in einem blitzsauberen, massiv überbelichteten Raum geführt wird, in dem alles geordnet, keimfrei und tadellos arrangiert zu sein scheint, bevor man mit der Titeleinblendung wieder in die Weiten des Alls geworfen und mit dem bekannt-schmutzigen Look des Originals konfrontiert wird. Ein wenig unentschlossen wirkt dieses Konzept auf Dauer schon, zumal es der eher gemäßigten Gangart des Vorgängers widerspricht. Scott betonte in Interviews immer wieder, dass PROMETHEUS zwar im ALIEN-Universum spiele, letztendlich jedoch eine andere Geschichte erzähle. Bei COVENANT hingegen war ihm offenbar daran gelegen, sowohl die Vorgeschichte weiterzuverfolgen, als auch die konservativen ALIEN-Fans zufriedenzustellen, die sich nichts anderes wünschten als eine bissige Kreatur.

Dafür, dass das offenbar nicht von Anfang an der Plan war, spricht, dass die Fortsetzung ursprünglich unter dem Titel PARADISE LOST angedacht war und die Weiterführung der auf einen Cliffhanger hinkonzipierten Ereignisse ernüchternd lapidar mittels weniger Dialogzeilen abgehandelt wird. Stattdessen kehrte nun Hals über Kopf das ALIEN sowohl in den Titel zurück, als auch in die Handlung, um dort ein bluttriefendes Schlachtfest anzurichten. Pflichtergeben lassen Ridley Scott und seine Autoren die Mordbestie erneut durch spärlich ausgeleuchtete Raumschiffgänge toben und Besatzungsmitglieder zu Kleinholz verarbeiten. Wirklichen Schrecken verbreitet das nicht mehr. Das einst so unheimliche Monster, welches das Grauen in der Regel dadurch beschwor, dass es auf leisen Sohlen durch dunkle Korridore schlich, um dann unvermittelt hinter der nächsten Ecke zu lauern, ist zu einer gefeierten Popikone geworden, zu einem tobenden Actionstar, der per Schädeldecke kraft- und CGI-strotzend Panzerglasscheiben zertrümmert und Menschen anspringt wie ein tollwütiger Hund. Die fleischlichen Protagonisten haben da deutlich das Nachsehen und können nicht wirklich Akzente setzen. Zwar sterben sie wie die Fliegen, aber es berührt einen nicht, da das Skript die Figuren deutlich zurückstellt zugunsten des Charakters des Androiden David, der sich im Vergleich zum Vorgänger charakterlich deutlich weiterentwickelt hat und nun nicht mehr LAWRENCE VON ARABIEN zitiert, sondern Percy Bysshe Shelleys Gedicht Ozymandias, Richard Wagners Einzug der Götter in Walhall hört und Blockflöte spielt. Wenn er dabei in einen Interessenskonflikt mit seinem Nachfolgemodell Walter gerät, kommen Fans des Schauspielers Michael Fassbender [→ SLOW WEST] voll und ganz auf ihre Kosten, denn dieser stemmt seine Doppelrolle mehr als souverän - COVENANT gehört quasi ihm.

Der offensichtliche Versuch, es mehreren Parteien Recht zu machen, lässt COVENANT letzten Endes irgendwo zwischen zwei Stühlen verharren. Man spürt, dass den Machern der Exkurs in philosophische Gefilde weitaus wichtiger war als die obligatorische Menschenhatz, die hier wie mit heißer Nadel hineingestrickt wirkt. Das Ergebnis ist ein manchmal etwas banal anmutendes, aber prinzipiell ansprechendes Potpourri aus mythologischen Motiven, religiösen Ideen und existenziellen Fragen, in welches kurzerhand noch ein ALIEN-Remake hineingedoktort wurde. Final noch garniert mit einer überraschenden Wende, die eigentlich keine ist, ist COVENANT dank gekonnter Regie, anregender Ideen und visuellem Reiz trotz durchaus gegebener Defizite einen Ausflug wert.

Laufzeit: 122 Min. / FSK: ab 16

Montag, 15. Mai 2017

DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL

[THE LOST EMPIRE][USA][1984]

Regie: Jim Wynorski
Darsteller: Melanie Vincz, Raven De La Croix, Angela Aames, Paul Coufos, Robert Tessier, Angus Scrimm, Blackie Dammett, Linda Shayne, Kenneth Tobey, Tom Rettig, Angelique Pettyjohn

„In einer Zeit vor der Geschichtsschreibung existierte eine vergessene Kultur, ein seltsames Volk. Sie wurden die Lemuren genannt. Um ihre große Macht zu schützen, pflanzten sie ihre Geheimnisse der Wissenschaft in ein paar unglaubliche Juwelen ein – schimmernde Steine, die ein völlig eigenes Leben besaßen: die Augen des Avatara. Dann wurden die Lemuren bei einer Schlacht im Weltall, bei der die Erde beinahe vernichtet wurde, besiegt und die Augen voneinander getrennt. Es steht geschrieben, dass, wer immer die Juwelen wieder zusammenbringt, mit absoluter Macht regieren wird. Danach trachtete ein skrupelloser, teuflischer Geist. Er wollte sich durch nichts und niemandem in seinem Plan stören lassen. Und so ist es – bis heute.“  

[grammatikalisch holprig, inhaltlich wirr – so müssen gesprochene Einleitungen sein!]

Super-Bullette Angel [Melanie Vincz] verliert ihren Bruder, ebenfalls im Polizeidienst, als dieser versucht, einen Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft zu verhindern. Angel dürstet es nach Vergeltung und versucht herauszufinden, wer für das Verbrechen verantwortlich ist. Die Spur führt schnell zum geheimnisvollen Dr. Sin Do [Angus Scrimm], der auf einer Insel haust und dort regelmäßig Kampfsport-Turniere veranstaltet. Angel beschließt, sich als Teilnehmerin einzuschleusen, allerdings kann sie das nicht allein tun, da sich aus Sicherheitsgründen immer nur Dreiergruppen anmelden dürfen. So holt Angel erst ihre indianische Gefährtin White Star [Raven De La Croix] ins Boot, mit welcher sie sich dann aufmacht, um eine weitere Kandidatin für die Mission zu rekrutieren: die Kleinkriminelle Heather [Angela Aames], die allerdings erst aus dem Knast geholt werden muss. Dermaßen formiert gelingt es den drei Grazien tatsächlich, sich Zugang zu Dr. Sin Dos Festung zu verschaffen. Schnell zeigt sich, dass der kriminelle Doktor auf die magischen Steine aus dem Einleitungstext scharf ist, um damit – logisch! - die Welt zu beherrschen. Die drei Engel versuchen das zu verhindern, müssen dafür aber ihre gesamten Kräfte mobilisieren.

In der Wissenschaft heißt es, die große Kunst eines jeden guten Films läge darin, dessen Thematik bereits innerhalb der ersten Szenen symbolisch auf den Punkt zu bringen. So beginnt Sam Peckinpahs Western-Abgesang THE WILD BUNCH mit einer Sequenz, in der spielende Kinder ein paar Ameisen per Lupe und Sonnenstrahl grausam über den Jordan schicken, während George Lucas Sternen-Oper STAR WARS mit dem Bild eines kleinen Rebellenschiffs eröffnet wird, das sich auf der Flucht vor einem übergroßen imperialen Sternenkreuzer befindet. DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL beginnt mit dem von James Bond bekannten weißen Kreis auf schwarzem Untergrund, in welchem dann, während er immer größer wird und bald die ganze Leinwand ausfüllt, das erste Filmbild zu sehen ist - nur, dass das erste Filmbild hier aus den überdimensionalen Hupen einer klassischen 80er-Jahre-Dauerwellen-Blondine besteht, die gerade im Begriff ist, sich ein Diamant-Collier zuzulegen. Man kann also unmöglich behaupten, dass Autor und Regisseur Jim Wynorski seine Hausaufgaben nicht gemacht hätte, denn haargenau das erwartet einen in den nun folgenden 80 Minuten: altbewährtes Agenten-Allerlei mit großzügigem Atomtitten-Bonus. Den Rest an Assoziation besorgt dann der deutsche Titel, der das Werk nicht nur rein zufällig in die Nähe der bis in die 80er Jahre erfolgreichen TV-Serie DREI ENGEL FÜR CHARLIE rückt, in der drei attraktive Privatdetektivinnen dem Bösen regelmäßig in den Allerwertesten traten.

Die fröhliche Unbekümmertheit, mit welcher dieser hochgradige Blödsinn an den Mann (beziehungsweise 'an die Männer', denn diese dürften die Hauptzielgruppe gewesen sein) gebracht wird, ist dabei ziemlich ansteckend und sorgt von Beginn an für gute Laune. Denn THE LOST EMPIRE, wie die Nummer ein wenig langweilig im Original heißt, zögert nicht lang und präsentiert bereits nach wenigen Minuten eine Kette angenehm kurioser Verrücktheiten, was mit ein paar Ninjas beginnt, die in ihrer Maskerade eher so aussehen, als wären sie gerade aus einem Sadomaso-Schuppen geflohen, und einen Juwelierladen derart überfallen, dass sie stocksteif in der Gegend herumstehen und ihre Wurfsterne wie Jo-Jos an Schnüren baumeln lassen, bevor sie sie dem per Schusswaffengebrauch energisch dagegen protestierenden Ladenbesitzer beherzt in den Schädel treiben. Auch nachfolgend verzichtete man auf alles, was irgendwie Langeweile verbreiten könnte, und führt mit Angel (!) den ersten titelgebenden Engel ein, welche eine Geiselnahme in einem Schulgebäude dadurch beendet, dass sie mit dem Motorrad durch die Eingangstür brettert und so lang in der Gegend herumballert, bis nur noch einer der Gangster übrig ist. „OK, Schwein, das waren sechs. Jetzt hast du keine Kugeln mehr“, bemerkt der Überlebende, bevor er sich eine tödliche Kugel von der Angesprochenen einfängt. „Solltest mal in die Schule gehen, Punk! Und besser zählen lernen“, entgegnet diese, während ihr Gegenüber auf dem Lehrerpult verreckt. Besser kann man einen Charakter kaum etablieren - auch, wenn die Anleihe bei DIRTY HARRY mehr als nur offensichtlich ist.

Ungleich bizarrer geriet hingegen die Einführung des zweiten Engels, White Star genannt, die so komisch heißt, weil sie eine Indianerin ist, die erst irgendwie aus irgendeiner parallelen Geisterwelt herbeigerufen muss, aus welcher sie, von einem zünftigen Sternchen- und Funkenregen begleitet, ehrfurchtgebietend und mit stolz geschwellter Brust (wobei eine Brust dieses Ausmaßes streng genommen gar nicht ungeschwollen sein kann) hervorreitet und dabei ein schickes pseudoindianisches Faschingskostüm spazierenträgt, das ihre enorme Oberweite nochmals zusätzlich herausarbeitet. Und das dritte Mitglied der Truppe, Heather gerufen, muss erstmal aus dem Knast befreit werden, wo sie sich allerdings gerade – welch Zufall! - ein Schlammcatch-Match mit einer Mitgefangenen liefert, die sich allen Ernstes Peitschen-Lilly nennt. „Hey, du Tittenkönigin! Komm mal rüber und lass dich anfassen!“ heißt es da wenig galant, während die Gegnerin antwortet: „Du schwimmst in deinem Blut, Scheißtier! Nicht umsonst nennt man mich Peitschen-Lilly.“ Die anschließende Rekrutierung des Engels Nummer 3 findet natürlich – wie es eigentlich bei jedem diplomatischem Gespräch der Fall sein sollte! - unter der Dusche statt.

Wer es zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht begriffen hat, dem ist nicht mehr zu helfen: DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL ist Quatsch im Quadrat, will aber auch gar nicht mehr sein als eben dieses. Kleine-Jungs-Träume werden wahr, wenn die drei Engel, zwar ohne Charlie, dafür aber mit reichlich Holz vor der Hütte, gegen ein kriminelles Superhirn antreten müssen, das auf einer einsamen Insel in einer (eindeutig nur gemalten) Festung haust und es für eine gute Idee hält, regelmäßig attraktive Frauen in einem mörderischen Wettkampf aufeinander zu hetzen, um die Siegerinnen im Anschluss der privaten Haus- und Hofarmee einzuverleiben. Wer es dennoch schafft, dem Unhold zu nah auf die Pelle zu rücken, muss dann noch an allerlei abstrusem Getier wie Roboterspinnen, Kampfgorillas und grobschlächtigen Killerglatzen vorbei. So kostengünstig dieser herrliche Unfug in der Herstellung auch gewesen sein mag - Jim Wynorski [→ DIE INSEL DER RIESEN-DINOSAURIER], welcher später der tiefergelegten Unterhaltung treu blieb, inszenierte sein launiges Debüt mit der nötigen Kompetenz und kreierte zusammen mit Kameramann Jacques Haitkin [→ NIGHTMARE] durchaus ansprechende Bilder, die sich - bis auf wenige Ausnahmen – hinter seriösen Produktionen dieser Epoche nicht zu verkriechen brauchen. Die musikalische Untermalung Alan Howarths [→ HALLOWEEN 4] lädt zum Mitwippen ein, ist für einen Beitrag dieser Kategorie allerdings eher ungewöhnlich und erinnert eher an die Soundtrack-Kompositionen John Carpenters (mit welchem Howarth allerdings auch oft zusammenarbeitete). Die Darsteller liefern im Rahmen des Benötigten ebenfalls zufriedenstellend ab. Zwar hapert es in den Hauptrollen auffallend an behaupteter Kampfkunst, dennoch machen die drei Damen tüchtig Dampf und dürfen im Finale besagten Kampfgorilla mit einem beherzten Tritt in die Klöten auf die Matte schicken.

Kurzum: DREI ENGEL AUF DER TODESINSEL wird seiner Intention voll und ganz gerecht und ist haargenau die kalkulierte Spaßbombe geworden, die er auch sein wollte. Die pubertäre Polizistinnen-Posse ist eine wilde Mische aus DREI ENGEL FÜR CHARLIE, DIRTY HARRY, DER MANN MIT DER TODESKRALLE und JAMES BOND (die Tarantelszene ist ein direkter Verweis auf 007 JAGT DR. NO und statt einer Katze streichelt der Oberschurke hier zärtlich eine Schlange), abgeschmeckt mit Mega-Möpsen, SM-Ninjas und einer kleinen Portion Fantasy-Firlefanz. Und selbst ausgemachte Emanzen dürften trotz der eindeutigen Fixierung auf nackte Haut und große Oberweiten nur wenig zu meckern haben haben, immerhin wird hier die geballte Ladung Frauen-Power geboten, gegen welche die Herren der Schöpfung nicht mal im Ansatz eine Chance haben. So kommt Angels Geliebter Rick zwar ziemlich sympathisch daher, ist ohne sie jedoch reichlich hilflos und holt sich selbst beim schmusigen Techtelmechtel mit seiner Angebeteten eine blutige Nase. Die deutsche Sprachfassung mogelt dem Ganzen dann abschließend noch ein gutes Dutzend dummer Sprüche unter ("Eine alte indianische Weisheit sagt: Trau niemals einem Vogel ohne Federn." - "Ich kenne auch eine: Wer vögelt, kann auch fliegen."), fertig ist die Gute-Laune-Laube! Ab auf die Insel!

Laufzeit: 81 Min. / FSK: ab 18

Freitag, 5. Mai 2017

SHIN GODZILLA

[SHIN GOJIRA][JAP][2016]

Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara 

In der Bucht von Tokio häufen sich merkwürdige Unglücksfälle. Eine der absurdesten Theorien über die Ursache bewahrheitet sich schneller, als allen lieb ist: Ein paar Handykameras nehmen ein unbekanntes riesenhaftes Lebewesen auf, das im Wasser zu leben scheint. Während sich der Krisenstab noch die Köpfe darüber zerbricht, womit man es zu tun haben könnte, geht die Kreatur an Land und schlägt eine Schneise der Verwüstung. Obwohl man zunächst noch zögerte, werden mangels Alternativen bald doch schwere Geschütze gegen das Urtier aufgefahren. Doch jede Waffe erweist sich als wirkungslos. Fassungslos nimmt man zur Kenntnis, dass das Wesen unberechenbar ist, da es ständig mutiert und zu einer noch größeren Gefahr heranwächst. Als die inzwischen 'Godzilla' getaufte Schreckgestalt plötzlich mit einem atomar aufgeheizten Feueratem die halbe Stadt in Schutt und Asche legt, scheint es keine Hoffnung mehr zu geben. Die UN beschließt über japanische Köpfe hinweg, dass nur Nuklearbeschuss die Bestie besiegen kann, der Zeitpunkt des Bombenabwurfes steht bereits fest. Doch innere Politik und Wissenschaft sind sich einig, dass das eine noch größere Katastrophe zur Folge hätte. Verzweifelt sucht man nach einer Alternative, das wütende Monster in die Knie zu zwingen. Es bleiben nur wenige Tage, bis die Bombe fällt und alles vernichten würde. 

'Godzilla', das japanische Ungetüm, das eigentlich 'Gojira' heißt, feierte sein Leinwand-Debut im Jahre 1954. Inspiriert von dem amerikanischen Monsterspektakel PANIK IN NEW YORK, in dem etwas ganz Ähnliches passiert, lies Regisseur Ishirō Honda das saurierähnliche Riesenreptil erstmals dem Meer entsteigen und die Großstadt verwüsten, verwandelte den eher trivialen Charakter der Vorlage allerdings in eine düstere Endzeitutopie, die überdeutlich auch eine Allegorie auf das japanische Trauma der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki darstellte. Die 27 Fortsetzungen, die aufgrund des Erfolges bis 2004 entstanden, waren in der Regel auffallend weniger düster und ließen die Reihe aufgrund ihrer grellen Mischung aus Naivität, Infantilität und Eigenwilligkeit zum Kult werden. Nach 2004 dauerte es satte 12 Jahre, bis die Reihe – bereits zum dritten Male – neugestartet wurde. Wie ernst die Macher es dieses Mal meinten, wird dabei bereits anhand des Titels deutlich (shin=neu). Basierten bis dahin alle Fortsetzungen auf dem Original aus den 50ern, wagte man dieses Mal einen radikalen Schnitt und schrieb die Entstehungsgeschichte des Monsters komplett um. Das war durchaus nicht unriskant; Fans können bekanntlich sehr eigen sein. Allerdings hatte zwei Jahre zuvor auch schon die zweite amerikanische Version der Geschichte [→ GODZILLA] die Ursprünge des Ungeheuers verändert, was vom Großteil des Publikums akzeptiert wurde und damit zusätzlich motivierend gewirkt haben dürfte.

Ein konsequenter Neubeginn war in gewisser Hinsicht auch sinnvoll, erstarrte die Reihe bis dahin doch immer wieder in bekannten Mustern, was zwar stets unterhaltsam, aber eben nicht sonderlich originell war. Neben einer nicht unerheblichen Portion Medienaufmerksamkeit brachte die Entscheidung, einen komplett umgestalteteten 'Godzilla' zu erschaffen, somit auch gehörig frischen Wind in das Konzept und ebnete den Weg für bis dahin ungenutzte Möglichkeiten. Dabei geriet der Anfang noch überaus vertraut: SHIN GODZILLA beginnt fast haargenau wie das Original, mit dem markanten Godzilla-Schrei und den dazugehörigen Stampfgeräuschen. Danach ging Autor und Regisseur Hideaki Anno [→ CUTIE HONEY] allerdings vollkommen eigene Wege, liefert zwar recht hurtig die ersten verwackelten Monsterattacken, im Anschluss darauf jedoch noch mehr hyperaktive Krisen- und Beratungsgespräche, die einem im schwindelerregenden Stakkatostil solch eine Masse an Personal, Materie und Dialog um die Ohren hauen, dass man erstmal nach Luft japsen muss. Dabei ist es nicht unamüsant zu beobachten, wie die völlig überforderten Experten eine wilde Theorie nach der nächsten ausbrüten, wobei sich am Ende dann ausgerechnet immer genau diejenige bewahrheitet, die zuvor als einzige kollektiv verlacht wurde. Und im selben Augenblick, als man dem Volk selbstbewusst verkündet, es bestünde für das Festland keinerlei Gefahr, da die unbekannte Lebensform unmöglich an Land gehen könne, passiert eben haargenau genau dieses: Die Kreatur pfeift auf jede wissenschaftliche Erklärung, entsteigt dem Meer und verwüstet so ziemlich alles, was ihr vor die Füße kommt.

Dass sie dabei allerdings anfangs gar nicht so aussieht, wie der weltbekannte Titelheld, ist eine der originellsten Ideen SHIN GODZILLAs: Das Untier muss im Laufe der Handlung erst mehrere Metamorphosen durchleben, bis man es dann tatsächlich als die berühmte Monsterikone wiedererkennt. Dann aber legt der neue Godzilla dermaßen los, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zerstörte dessen atomarer Feuerstrahl in früheren Tagen vielleicht gerade mal ein oder zwei Gebäude, radiert er hier, von apokalyptischer Choralmusik begleitet, mit einem Atemzug gleich die halbe Stadt aus, holt zeitgleich die ihn angreifenden Flieger vom Himmel und entfacht somit innerhalb weniger Sekunden ein gigantisches Inferno aus Feuer, Tod und Vernichtung, für das der alte Godzilla mindestens einen ganzen Tag gebraucht hätte. Auf diese Weise gelingt es SHIN GODZILLA tatsächlich, seinen Star wieder so zu präsentieren, wie es ursprünglich mal intendiert war: als furchterregende, scheinbar unkaputtbare Destruktionsmaschine, gegen welche die Menschheit schlichtweg kapitulieren muss. „Godzilla ist die Reinkarnation Gottes“, heißt es an einer Stelle zwar recht pathetisch, aber in durchaus gebotener Ehrfurcht.

Die Effekte sind dabei eine gesunde und oft sehr eindrucksvolle Mischung aus klassischer Suitmation (also Schauspieler in Monsterkostümen) und digitaler Retuschierung – ein gelungener Mittelweg zwischen Klassik und Moderne, der alten Traditionen gehorcht, ohne sich der Lachhaftigkeit des Ewiggestrigen preiszugeben. Auch der bewährte Hintergrund der atomaren Gefahr blieb erhalten, wenn auch unter anderen Vorzeichen, erfuhr Japan im Laufe der Zeit doch eine weitere nukleare Katastrophe: Am 11. März 2011 kam es aufgrund von Umwelteinflüssen und technischer Mängel im Kraftwerk Fukushima Daiichi zu einer verheerenden Kernschmelze, welche das Gebiet weiträumig radioaktiv verstrahlte. SHIN GODZILLA ist durchaus als Reaktion auf diese Ereignisse zu verstehen, in einer Szene wird das Monster gar mit einem Atomreaktor verglichen. Doch auch die Bombe kommt wieder ins Spiel, will der Rest der Welt doch per gemeinsamen Beschluss das Untier durch den Abwurf nuklearer Waffen besiegen, was die japanische Regierung fassungslos zur Kenntnis nimmt. Die eindeutig politische Komponente, die SHIN GODZILLA an dieser Stelle bekommt, geriet dann unangenehm penetrant. Immer wieder wird betont, dass Japan endlich souverän werden muss und sich die Einmischung fremder Nationen in eigene Belange nicht mehr gefallen lassen darf. Vor allem die USA bekommen dabei tüchtig ihr Fett ab, wenn sie quasi ungefragt ein paar Flieger vorbeischicken, durch deren Beschuss die ganze Misere am Ende nur noch größer wird. „Was für ein unglaublich idiotischer Plan“, bellt einer japanischen Stabsmitglieder an einer Stelle, „die sind ja schlimmer als Godzilla!“

So wird die Monstershow dann am Ende zu einem patriotisch-politischen Panoptikum, was einen recht bitteren Beigeschmack hinterlässt. Doch auch abseits davon geriet SHIN GODZILLA etwas schwer verdaulich. Der inhaltliche und stilistische Bruch zu den Vorgängern ist so enorm, dass man sich oft erst wieder bewusst wird, gerade einen GODZILLA-Film vor sich zu haben, wenn hin und wieder mal der markante Soundtrack Akira Ifukubes ertönt, um an frühere Zeiten zu gemahnen. So versprüht die zwei Jahre zuvor entstandene Neuinterpretation aus den USA am Ende sogar mehr originales Flair als die Rekonstruktion des Mythos' in ihrem Ursprungsland. Zusätzlich erschwert wird der Zugang durch den Umstand, dass es hier im Grunde keine wirkliche Bezugsperson gibt, sondern lediglich eine Vielzahl an endlos diskutierenden Charakteren, die zwar alle per Einblendung mit Namen vorgestellt werden, letztendlich jedoch eine anonyme Masse darstellen, während die wenigen, die sich im Laufe der Entwicklung als Sympathiefiguren herausschälen, auch nur seelenlose Stichwortgeber bleiben.

Die besten Momente sind dann auch die, in welchen spöttisch die Aussichtslosigkeit der andauernden Dampfplauderei zum Ausdruck gebracht wird, wenn die Wissenschaft verzweifelt versucht, an Godzilla irgendwelche Verhaltensmuster zu erkennen, an der übergroßen Aufgabe jedoch jedes Mal grandios scheitert. „Keine Ahnung, er läuft einfach nur herum“, lautet die resignierte Antwort auf die Frage, nach welchen Kriterien sich die Kreatur wohl ihren Weg bahnt. So ist die Wiedergeburt des Kult-Kolosses am Ende zwar ein interessantes, aber auch zwiespältiges Vergnügen geworden, das unnötig politisch aufgeheizt wurde und oftmals ein wenig zu sehr bemüht ist, dem Thema neue Facetten abzuringen (man beachte auch die oft extrem verschrobenen Kameraperspektiven und -blickwinkel). Ein bisschen mehr Tradition hätte man sich ruhig bewahren dürfen.

Laufzeit: 118 Min. / FSK: ab 12

Montag, 1. Mai 2017

KUNG FU KILLER

[YAT GOR YAN DIK MOU LAM][CHI][2014]

Regie: Teddy Chan
Darsteller: Donnie Yen, Wang Bao-Qiang, Charlie Yeung, Michelle Bai, Alex Fong, Fan Siu-Wong, Xing Yu, Yu Kang, Wong Wai-Fai, Chow Suk-Wai, David Chiang, Andrew Lau 

Hongkong: Ein Mann kommt zerschlagen und blutverschmiert auf ein Polizeirevier. „Was ist Ihnen zugestoßen?“ fragt der schockierte Beamte. „Ich heiße Hahou Mo“, antwortet der Mann. „Ich habe jemanden getötet." 

Drei Jahre später: Auf der Salisbury Road wird ein zerschmetterter Körper gefunden. Die Untersuchung ergibt, dass nicht etwa ein Autounfall Grund für die Verletzungen des Mannes gewesen ist, wie zunächst angenommen, sondern er vermutlich mit bloßen Händen getötet wurde. Hahou Mo [Donnie Yen] erfährt im Gefängnis von dem Fall und zitiert die ermittelnde Polizistin Luk Yuen-Sum [Charlie Yeung] herbei (wofür er allerdings erst noch 17 Mithäftlingen das Fell gerben muss). Er behauptet zu wissen, wie der Killer tickt und bietet seine Hilfe an. Luk nimmt ihn nicht ernst und will wieder gehen, da ruft ihr Hahou sieben Namen hinterher. „Einer von diesen Männern wird das nächste Opfer sein“, behauptet er. Die Recherchen ergeben, dass jeder der Männer ein meisterlicher Kung-Fu-Kämpfer ist – ebenso wie Hahou Mo, der früher Kampfkunst-Trainer im Staatsdienst war. Als sich dessen Prophezeiung erfüllt und tatsächlich einer der genannten Männer ebenfalls getötet wird, wird Hahou aus seiner Zelle geholt und zum Berater ernannt. Seine Theorie: Der Killer will die Männer der Reihe nach in ihren Königsdisziplinen besiegen, um selbst der größte aller Meister zu werden. Die Reihenfolge der Morde richtet sich nach einer uralten Kung-Fu-Philosophie. Doch nach und nach kommen Luk Zweifel, ob Hahou nicht tatsächlich ein bisschen mehr weiß, als er zugibt.

Obwohl die Blütezeit des Martial-Arts-Films mit Beginn des neuen Jahrtausends eigentlich schon längst vorbei war, sträubte sich die Hongkonger Filmindustrie vehement gegen die nachlassende Nachfrage an ihrem Steckenpferd und produzierte eifrig und verbissen weiter. Der im Jahre 2014 von Regisseur Teddy Chan auf den Weg gebrachte KUNG FU KILLER versteht sich daher fast schon trotzig als Hommage an die goldene Ära des Kung-Fu-Kinos, wimmelt nur so von Gastauftritten altehrwürdiger Recken und klopft im Abspann mit Nachdruck dem gesamten Genre gehörig auf die Schulter. So richtig bewusst, dass man es hier mit einer ehrfurchtzollenden Respektsbekundung zu hat, wird es einem allerdings auch erst an dieser Stelle, vorher war davon nämlich eher wenig bis gar nichts zu spüren. Das Skript von Ho Leung Lau [→ THREE KINGDOMS] und Tin Shu Mak [→ 14 BLADES] durchbricht nämlich die festgefahrenen Formeln des Genres und geriet inhaltlich eher experimentell. So kreuzte man den bewährten brachialen Schlagabtausch hier mit den Motiven des amerikanischen Psychothrillers vom Schlage eines DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER und ersann eine zwar recht abstruse, auf ihre Art und Weise aber schon irgendwie funktionierende Geschichte, in dem Wang Bao-Qiang als eine Art 'Kung-Fuffalo-Bill' scheinbar wahllos Leute per Kampfkunst hinrichtet, während der einzige, der ihn davon abhalten könnte, der ehemalige Trainer Hahou Mo, 'Kung-Funnibal-Lecter' quasi, im Gefängnis schmort.

Verkörpert wird letzerer von Donnie Yen [→ SPECIAL ID], der als einer der letzten großen Stars nach der Jahrtausendwende als imposantes Aushängeschild der Knochenbrecher-Kategorie herangezüchtet wurde und somit seinen zweiten Filmfrühling erleben durfte. Sein Hahou Mo ist dann – trotz Knastaufenthalts – auch alles andere als ein böser Junge, obwohl er den Tod eines anderes Menschen zu verantworten hat (wobei sich das Drehbuch irgendwie nicht so recht entscheiden kann, was und wie und warum überhaupt). Seine Reumütigkeit ist dann auch fast schon etwas zu viel des Guten, immer wieder wird auf seine Musterknaben-Attitüde hingewiesen und nachdem er in einer aufsehenerregenden Sequenz gezwungenermaßen 17 Mithäftlinge vermöbeln musste, besteht er im Anschluss darauf, dass jeder dieser Männer als Entschädigung eine Schachtel Zigaretten zur Wiedergutmachung erhält (Jesus persönlich könnte kaum barmherziger sein). Dass man so viel Aufwand daran verschwendete, Hahou als eigentlich edlen Menschen zu präsentieren, lag gewiss einerseits daran, dass man um Yens Saubermann-Image besorgt war, andererseits sicherlich auch an diversen Auflagen von ganz oben, immerhin sind Hongkongs Filmschaffende seit der Rückgabe der ehemaligen Kolonie an China in ein enges moralisches Korsett gezwungen.

Donnie Yens oberste Direktive ist es hier dann auch, den Ruf des Kung Fu wieder reinzuwaschen, immerhin wird die an sich gute Kampfkunst von einem brutalen Sadisten schändlich missbraucht. Wer besagter Killer ist, wird dann auch relativ schnell aus dem Sack gelassen. KUNG FU KILLER ist kein Mitratekrimi, sondern beschränkt sich auf das hitzige Katz- und Maus-Spiel zweier Parteien. Wang Bao-Qiang [→ LITTLE BIG SOLDIER] figuriert den Martial-Arts-Mörder mit Namen Fung Yu Sau als ziemliches Psychopathen-Klischee, als verkrüppelten Klumpfußbesitzer, der, zusätzlich traumatisiert vom tragischen Tode seiner besseren Hälfte, seine Minderwertigkeitskomplexe dadurch bekämpft, dass er wie bessessen in allen möglichen Disziplinen trainiert und tötet, bis er zu einer Art unbesiegbarem Comic-Schurken herangereift ist. So realitätsfern das auch ist, in dieser von Kampfkunst-Ideologie aufgeheizten Welt erscheint das plausibel genug und ist zudem Teil bereits erwähnter Huldigung an das Wesen des Kung-Fu-Films. Die Story stolpert mittig ein wenig, dem Skript fällt eine zeitlang nicht mehr ein, als Fung immer wieder in Tötungsaktion zu zeigen, bevor Hahou und Luk zu spät am Tatort eintreffen und sich darüber austauschen, was als nächstes getan werden muss. Wirklich langweilig wird es dank dennoch flottem Tempo jedoch nie, zumal Regisseur Teddy Chan (der mit Donnie Yen auch schon das großartige Historienepos BODYGUARDS AND ASSASSINS realisierte) sein Handwerk versteht und die in die Handlung getreuten Kampfszenen von Donnie Yen selbst höchst effektiv in Szene gesetzt wurden.

Ausgemachte Martial-Arts-Fans mögen dann eventuell auch ein wenig vergrätzt dreinblicken, denn tatsächlichen Schlagabtausch gibt es verhältnismäßig selten zu bestaunen. KUNG FU KILLER gehorcht in erster Linie den Regeln eines klassischen Thrillers amerikanischen Zuschnitts, der thematisch mit Kung-Fu-Weisheiten verknüpft wurde und nur ab und an von Kampfsequenzen unterbrochen wird. Donnie Yen wird erst im Finale so richtig von der Kette gelassen, legt dafür dann aber auch richtig los und liefert sich mit seinem Gegner, dezent unterstützt von Drahtseilen und Digitaleffekten, eine grandiose Entscheidungsschlacht auf einer vielbefahrenen Autobahn zwischen und unter in Hochgeschwindigkeit heranpreschenden PKW und Lastwagen, was im Action-Segment ordentlich Kastanien aus dem Feuer holt. Wer den etwas ungewöhnlichen Mischmasch nicht scheut, erlebt somit einen kompetent gefertigten Action-Psycho-Thriller mit hervoragender Kameraarbeit und erstklassigen Kampfszenen, der einen vom effektiven Vorspann (der gewiss nicht nur zufällig an den von SIEBEN erinnert) bis zum draufgängerischen Finale hochklassig unterhalten kann. Als Genre-Hommage ist die Thematik zwar eher seltsam gewählt, da hier eben gerade nicht bewährte Schablonen genutzt werden, dafür macht Insidern das Ausspähen mehr oder minder bekannter Gesichter in kurzen Nebenrollen (u. a. David Chiang und Tony Leung) durchaus Freude, während man zwischendurch immer wieder Ausschnitte aus alten Jackie-Chan- und sonstigen Kung-Fu-Schinken auf Fernsehbildschirmen erhaschen kann (dass Jackie Chan dafür sogar im Abspann erwähnt wird, ist natürlich wiederum etwas übertrieben). Ein Killer ist das nicht, aber ein überaus passabler Zeitvertreib, den man sich ohne Reue geben kann. 

Länge: 96 Min. / FSK: ab 16