Freitag, 5. Mai 2017

SHIN GODZILLA

[SHIN GOJIRA][JAP][2016]

Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara 

In der Bucht von Tokio häufen sich merkwürdige Unglücksfälle. Eine der absurdesten Theorien über die Ursache bewahrheitet sich schneller, als allen lieb ist: Ein paar Handykameras nehmen ein unbekanntes riesenhaftes Lebewesen auf, das im Wasser zu leben scheint. Während sich der Krisenstab noch die Köpfe darüber zerbricht, womit man es zu tun haben könnte, geht die Kreatur an Land und schlägt eine Schneise der Verwüstung. Obwohl man zunächst noch zögerte, werden mangels Alternativen bald doch schwere Geschütze gegen das Urtier aufgefahren. Doch jede Waffe erweist sich als wirkungslos. Fassungslos nimmt man zur Kenntnis, dass das Wesen unberechenbar ist, da es ständig mutiert und zu einer noch größeren Gefahr heranwächst. Als die inzwischen 'Godzilla' getaufte Schreckgestalt plötzlich mit einem atomar aufgeheizten Feueratem die halbe Stadt in Schutt und Asche legt, scheint es keine Hoffnung mehr zu geben. Die UN beschließt über japanische Köpfe hinweg, dass nur Nuklearbeschuss die Bestie besiegen kann, der Zeitpunkt des Bombenabwurfes steht bereits fest. Doch innere Politik und Wissenschaft sind sich einig, dass das eine noch größere Katastrophe zur Folge hätte. Verzweifelt sucht man nach einer Alternative, das wütende Monster in die Knie zu zwingen. Es bleiben nur wenige Tage, bis die Bombe fällt und alles vernichten würde. 

'Godzilla', das japanische Ungetüm, das eigentlich 'Gojira' heißt, feierte sein Leinwand-Debut im Jahre 1954. Inspiriert von dem amerikanischen Monsterspektakel PANIK IN NEW YORK, in dem etwas ganz Ähnliches passiert, lies Regisseur Ishirō Honda das saurierähnliche Riesenreptil erstmals dem Meer entsteigen und die Großstadt verwüsten, verwandelte den eher trivialen Charakter der Vorlage allerdings in eine düstere Endzeitutopie, die überdeutlich auch eine Allegorie auf das japanische Trauma der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki darstellte. Die 27 Fortsetzungen, die aufgrund des Erfolges bis 2004 entstanden, waren in der Regel auffallend weniger düster und ließen die Reihe aufgrund ihrer grellen Mischung aus Naivität, Infantilität und Eigenwilligkeit zum Kult werden. Nach 2004 dauerte es satte 12 Jahre, bis die Reihe – bereits zum dritten Male – neugestartet wurde. Wie ernst die Macher es dieses Mal meinten, wird dabei bereits anhand des Titels deutlich (shin=neu). Basierten bis dahin alle Fortsetzungen auf dem Original aus den 50ern, wagte man dieses Mal einen radikalen Schnitt und schrieb die Entstehungsgeschichte des Monsters komplett um. Das war durchaus nicht unriskant; Fans können bekanntlich sehr eigen sein. Allerdings hatte zwei Jahre zuvor auch schon die zweite amerikanische Version der Geschichte [→ GODZILLA] die Ursprünge des Ungeheuers verändert, was vom Großteil des Publikums akzeptiert wurde und damit zusätzlich motivierend gewirkt haben dürfte.

Ein konsequenter Neubeginn war in gewisser Hinsicht auch sinnvoll, erstarrte die Reihe bis dahin doch immer wieder in bekannten Mustern, was zwar stets unterhaltsam, aber eben nicht sonderlich originell war. Neben einer nicht unerheblichen Portion Medienaufmerksamkeit brachte die Entscheidung, einen komplett umgestalteteten 'Godzilla' zu erschaffen, somit auch gehörig frischen Wind in das Konzept und ebnete den Weg für bis dahin ungenutzte Möglichkeiten. Dabei geriet der Anfang noch überaus vertraut: SHIN GODZILLA beginnt fast haargenau wie das Original, mit dem markanten Godzilla-Schrei und den dazugehörigen Stampfgeräuschen. Danach ging Autor und Regisseur Hideaki Anno [→ CUTIE HONEY] allerdings vollkommen eigene Wege, liefert zwar recht hurtig die ersten verwackelten Monsterattacken, im Anschluss darauf jedoch noch mehr hyperaktive Krisen- und Beratungsgespräche, die einem im schwindelerregenden Stakkatostil solch eine Masse an Personal, Materie und Dialog um die Ohren hauen, dass man erstmal nach Luft japsen muss. Dabei ist es nicht unamüsant zu beobachten, wie die völlig überforderten Experten eine wilde Theorie nach der nächsten ausbrüten, wobei sich am Ende dann ausgerechnet immer genau diejenige bewahrheitet, die zuvor als einzige kollektiv verlacht wurde. Und im selben Augenblick, als man dem Volk selbstbewusst verkündet, es bestünde für das Festland keinerlei Gefahr, da die unbekannte Lebensform unmöglich an Land gehen könne, passiert eben haargenau genau dieses: Die Kreatur pfeift auf jede wissenschaftliche Erklärung, entsteigt dem Meer und verwüstet so ziemlich alles, was ihr vor die Füße kommt.

Dass sie dabei allerdings anfangs gar nicht so aussieht, wie der weltbekannte Titelheld, ist eine der originellsten Ideen SHIN GODZILLAs: Das Untier muss im Laufe der Handlung erst mehrere Metamorphosen durchleben, bis man es dann tatsächlich als die berühmte Monsterikone wiedererkennt. Dann aber legt der neue Godzilla dermaßen los, dass einem Hören und Sehen vergeht. Zerstörte dessen atomarer Feuerstrahl in früheren Tagen vielleicht gerade mal ein oder zwei Gebäude, radiert er hier, von apokalyptischer Choralmusik begleitet, mit einem Atemzug gleich die halbe Stadt aus, holt zeitgleich die ihn angreifenden Flieger vom Himmel und entfacht somit innerhalb weniger Sekunden ein gigantisches Inferno aus Feuer, Tod und Vernichtung, für das der alte Godzilla mindestens einen ganzen Tag gebraucht hätte. Auf diese Weise gelingt es SHIN GODZILLA tatsächlich, seinen Star wieder so zu präsentieren, wie es ursprünglich mal intendiert war: als furchterregende, scheinbar unkaputtbare Destruktionsmaschine, gegen welche die Menschheit schlichtweg kapitulieren muss. „Godzilla ist die Reinkarnation Gottes“, heißt es an einer Stelle zwar recht pathetisch, aber in durchaus gebotener Ehrfurcht.

Die Effekte sind dabei eine gesunde und oft sehr eindrucksvolle Mischung aus klassischer Suitmation (also Schauspieler in Monsterkostümen) und digitaler Retuschierung – ein gelungener Mittelweg zwischen Klassik und Moderne, der alten Traditionen gehorcht, ohne sich der Lachhaftigkeit des Ewiggestrigen preiszugeben. Auch der bewährte Hintergrund der atomaren Gefahr blieb erhalten, wenn auch unter anderen Vorzeichen, erfuhr Japan im Laufe der Zeit doch eine weitere nukleare Katastrophe: Am 11. März 2011 kam es aufgrund von Umwelteinflüssen und technischer Mängel im Kraftwerk Fukushima Daiichi zu einer verheerenden Kernschmelze, welche das Gebiet weiträumig radioaktiv verstrahlte. SHIN GODZILLA ist durchaus als Reaktion auf diese Ereignisse zu verstehen, in einer Szene wird das Monster gar mit einem Atomreaktor verglichen. Doch auch die Bombe kommt wieder ins Spiel, will der Rest der Welt doch per gemeinsamen Beschluss das Untier durch den Abwurf nuklearer Waffen besiegen, was die japanische Regierung fassungslos zur Kenntnis nimmt. Die eindeutig politische Komponente, die SHIN GODZILLA an dieser Stelle bekommt, geriet dann unangenehm penetrant. Immer wieder wird betont, dass Japan endlich souverän werden muss und sich die Einmischung fremder Nationen in eigene Belange nicht mehr gefallen lassen darf. Vor allem die USA bekommen dabei tüchtig ihr Fett ab, wenn sie quasi ungefragt ein paar Flieger vorbeischicken, durch deren Beschuss die ganze Misere am Ende nur noch größer wird. „Was für ein unglaublich idiotischer Plan“, bellt einer japanischen Stabsmitglieder an einer Stelle, „die sind ja schlimmer als Godzilla!“

So wird die Monstershow dann am Ende zu einem patriotisch-politischen Panoptikum, was einen recht bitteren Beigeschmack hinterlässt. Doch auch abseits davon geriet SHIN GODZILLA etwas schwer verdaulich. Der inhaltliche und stilistische Bruch zu den Vorgängern ist so enorm, dass man sich oft erst wieder bewusst wird, gerade einen GODZILLA-Film vor sich zu haben, wenn hin und wieder mal der markante Soundtrack Akira Ifukubes ertönt, um an frühere Zeiten zu gemahnen. So versprüht die zwei Jahre zuvor entstandene Neuinterpretation aus den USA am Ende sogar mehr originales Flair als die Rekonstruktion des Mythos' in ihrem Ursprungsland. Zusätzlich erschwert wird der Zugang durch den Umstand, dass es hier im Grunde keine wirkliche Bezugsperson gibt, sondern lediglich eine Vielzahl an endlos diskutierenden Charakteren, die zwar alle per Einblendung mit Namen vorgestellt werden, letztendlich jedoch eine anonyme Masse darstellen, während die wenigen, die sich im Laufe der Entwicklung als Sympathiefiguren herausschälen, auch nur seelenlose Stichwortgeber bleiben.

Die besten Momente sind dann auch die, in welchen spöttisch die Aussichtslosigkeit der andauernden Dampfplauderei zum Ausdruck gebracht wird, wenn die Wissenschaft verzweifelt versucht, an Godzilla irgendwelche Verhaltensmuster zu erkennen, an der übergroßen Aufgabe jedoch jedes Mal grandios scheitert. „Keine Ahnung, er läuft einfach nur herum“, lautet die resignierte Antwort auf die Frage, nach welchen Kriterien sich die Kreatur wohl ihren Weg bahnt. So ist die Wiedergeburt des Kult-Kolosses am Ende zwar ein interessantes, aber auch zwiespältiges Vergnügen geworden, das unnötig politisch aufgeheizt wurde und oftmals ein wenig zu sehr bemüht ist, dem Thema neue Facetten abzuringen (man beachte auch die oft extrem verschrobenen Kameraperspektiven und -blickwinkel). Ein bisschen mehr Tradition hätte man sich ruhig bewahren dürfen.

Laufzeit: 118 Min. / FSK: ab 12

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